Lesbisch, schwul. Alles ganz normal?

Von wegen! Am Arbeitsplatz ausgegrenzt, von Mitschülern verlacht, in der Familie unterdrückt - Schwule und Lesben sind noch längst nicht akzeptiert. Ein Report von Ariane Heimbach.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht in der Pause, einige Schüler und Schülerinnen liefen johlend über den Flur, andere reagierten fassungslos, viele sagten, das hätten sie sowieso geahnt. "Ja, ich lebe mit einer Frau zusammen", hatte Lehrerin Karin Gabriel ebenso schlicht wie direkt auf die Frage einer Schülerin geantwortet. Ein mutiger Schritt, egal ob an dieser Hauptschule im westfälischen Bocholt oder mitten in Hamburg oder Berlin. Auch wenn sie die Einzige ist, die sich geoutet hat, heute ist es bei Schülern und Kollegen kein Thema mehr. Und wenn tatsächlich mal wieder das Schimpfwort "schwule Sau" auf dem Schulhof fällt und Karin Gabriel dabei ist, kann sie den Jugendlichen ansehen, wie peinlich es ihnen ist, "weil sie gleich merken, welchen Mist sie da reden".

Manche Dinge macht sie sehr kontrolliert. Etwa im Sportunterricht. "Bei einer Salto-Hilfestellung zum Beispiel kann es vorkommen, dass man versehentlich den Po berührt statt den Nacken, wenn das Tempo nicht stimmt. Deshalb sage ich immer vorher sehr deutlich, was passieren kann. Aber viele männliche Kollegen machen das inzwischen auch, um Missverständnissen vorzubeugen." Es gibt Tage, da ist sie sehr dünnhäutig. Und andere, an denen sie wütend darüber ist, dass sie sich wegen ihrer sexuellen Orientierung erklären muss. "So einen Outing-Prozess auszuhalten ist nicht einfach", sagt die 47-Jährige. Aber es ist es wert. Für die Schülerinnen und Schüler, die homosexuell sind, es aber noch nicht genau wissen oder es für sich behalten, für alle anderen - und für sich selbst. Sie erinnert sich gut daran, dass sie als Schülerin dachte, sie sei der einzige Mensch auf der ganzen Welt, der so fühlt. Bis heute hat sich noch keine Schülerin, kein Schüler an sie gewandt. "Aber allein, dass ich da vor ihnen stehe, ist gut. Und sie sehen: Die führt ein ganz normales Leben. Und ist nicht daran zerbrochen."

Doch die tagtägliche Gratwanderung ist für viele mühsam. Und so ganz anders als das schillernde Bild, das Werbung und Medien jetzt von Homosexuellen zeichnen. Vor allem schwule Kultur ist angesagt: Modeschöpfer wie Wolfgang Joop und Karl Lagerfeld, der Choreograf John Neumeier, die Comedy-Stars Hape Kerkeling und Hella von Sinnen prägen seit Jahren das mediale Klima der Toleranz. Nicht zu vergessen Klaus Wowereit, Berlins Regierenden Bürgermeister. Die Verständnis-Innigkeit gipfelte vor einigen Monaten in der Schlagzeile einer Boulevardzeitung: "Wird Wowi der erste schwule Kanzler?" Auf einem Foto posierte der Bürgermeister eng umschlungen mit seinem Lebensgefährten Jörn Kubicki.

Tatsächlich hat sich für die geschätzten fünf Prozent Lesben und Schwulen in Deutschland in den vergangenen Jahren einiges verändert. Seit fünfeinhalb Jahren dürfen sie eine "eingetragene Lebenspartnerschaft" eingehen, also heiraten. Und immer häufiger leben sie mit Kindern - meist aus früheren Beziehungen - in einer "Regenbogenfamilie" zusammen. Für Constanze Körner, Projektleiterin beim Lesben- und Schwulenverband Deutschlands (LSVD) ist der Trend unverkennbar: "Die Homoszene wird bürgerlicher." Angepasster, weniger exotisch als noch vor zehn oder 20 Jahren, das mag auf den ersten Blick für die Lebensweise der meisten Homosexuellen stimmen. Wer genauer hinschaut, sieht die Risse in der hochmodernen Fassade unserer Gesellschaft. Apothekerin Sabine Schöler*, 48, möchte sich eigentlich nicht als Lesbe bezeichnen. Das Wort gefällt ihr nicht. Dabei würden alle, die einen ansehen, gleich so einen Tunnelblick bekommen und an Sex denken. Sie sagt: "Ich verliebe mich in Frauen und lebe mit einer Frau zusammen." Trotzdem trägt sie seit vielen Jahren das lesbische Frauenzeichen ganz dezent an einer dünnen Halskette. In der Apotheke ist es ihr schon passiert, dass eine bieder wirkende Kundin ihr unter dem Rezept einen Zettel zugeschoben hat, auf dem stand: "Wo gibt es hier eine Szene?" Weiterhelfen konnte sie ihr nicht. Das einzige Lesben-Café in der kleinen Stadt, das in den frauenbewegten 80er Jahren öffnete, hat dichtgemacht. Sabine und ihrer Lebenspartnerin Martina Witter* ist das inzwischen egal. Sie sagen, sie brauchen diesen Schutzraum nicht. Dennoch wollen sie ihre Namen nicht nennen. Der Grund: ihre Angst vor einem Outing im Beruf.

Martina arbeitet als Ergotherapeutin in einem evangelischen Altenpflegeheim. Der Heimleiter sei sehr konservativ, der würde das nicht akzeptieren, glaubt die 44-Jährige. Hin und wieder machen er und die Kollegen Schwulenwitze, berichtet Martina: "Das regt mich immer so auf, aber dann sage ich doch wieder nichts." Über die Hälfte der homosexuellen Frauen und Männer in Deutschland haben sich an ihrem Arbeitsplatz nicht geoutet, das ergab eine Umfrage der Lesbenzeitschrift "L-Mag"; zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine noch unveröffentlichte Studie der Universität Köln. Sie leben ständig mit der Angst, erkannt zu werden - und zugleich sehnen sie sich oft danach.

Wie Martina, die am Christopher Street Day mit dem Motorrad direkt vor dem Altenheim vorbeifährt, weil sie insgeheim hofft, dass eine Kollegin sie am nächsten Tag darauf ansprechen wird. Und das könnte dann der Anstoß sein, sich zu outen. Denn das Geheimhalten hat etwas Beschämendes. Das Verschweigen kostet Kraft. Da müssen zum Beispiel Urlaubsbilder aussortiert werden, bevor die Kollegen und Kolleginnen sie sehen dürfen. Claudia Wohlers*, Abteilungsleiterin in einem großen IT-Unternehmen in München, berichtet: "Ich zeige nur Landschaftsbilder." Und wenn sie montags im Büro vom Wochenende erzählt, dann schildert sie zwar detailliert ihre Erlebnisse, aber spricht von sich und ihrer Frau immer nur als "wir".

Das sei ein Automatismus, an den man sich gewöhne, sagt auch Barbara Sander*, 50, die bei einer großen Versicherung in Stuttgart arbeitet und vor sieben Jahren die "Wirtschaftsweiber" gegründet hat, ein Netzwerk lesbischer Fach- und Führungskräfte. Eine zierliche blonde Frau, in Business-Kleidung und mit Perlenkette. Zu Beginn ihrer Karriere hat sie geheim gehalten, dass sie mit einer Frau zusammenlebt: "Ich wollte sicher sein, dass irgendwelche Anfangsfehler nicht auf mein Lesbischsein geschoben werden." Die größte Hürde sei der Sprung zur Abteilungsleiterin gewesen. Das Verstecken ihres Privatlebens, glaubt sie, hätte man ab dieser Position als mangelndes Vertrauen in ihre Vorgesetzten werten können. Als sie den Job hatte, weihte sie ihren Chef ein. Das sei schon gut so, meinte der, aber sie solle besser nicht so offen darüber sprechen, nicht alle im Unternehmen könnten damit umgehen. Noch heute kommt es vor, dass sie schwankt, ob sie ihre Frau mit zu einem Geschäftsessen nehmen soll oder nicht. Andererseits sieht Sander auch Vorteile für Lesben im Berufsleben - sie könnten ihre Karriere besser durchziehen, weil die meisten ja keine Babypause einlegen, meint sie.

Eine europäische Marktforschungsstudie aus dem Jahr 2004 bestätigt das. Demnach haben die geschätzten 1,6 Millionen homosexuellen Frauen in Deutschland ein überdurchschnittliches Einkommen - allerdings verdienen sie immer noch weniger als homosexuelle Männer. Solche Zahlen dürften nicht darüber hinwegtäuschen, dass in vielen Wirtschaftskreisen "nach wie vor Eiseskälte gegenüber Homosexuellen herrscht", sagt Christoph Wolf, Ex- Bundesvorsitzender des Schwulennetzwerkes "Völklinger Kreis". Im Geschäftsleben ist es für ihn in vielen Situationen immer noch nicht selbstverständlich, von "meinem Mann" zu sprechen.

So hat auch Bert Krüger*, 53, gedacht. Acht Jahre war er bei einer internationalen Firma in Düsseldorf tätig, zuletzt als Marketing- und Vertriebsleiter. Dann kam der Tag, an dem er durch einen anonymen Brief an seinen Chef geoutet wurde. Bert Krügers Stimme zittert, während er aus dem Brief vorliest. Es sind Zeilen voller Niedertracht und falscher Anschuldigungen, wie etwa der Aussage, er habe Aids. "Das ist der einzige Punkt, den ich widerlegen konnte. Durch ein ärztliches Attest", sagt er bitter. Sein Vertrauen in die Kollegen war von da an zerstört. Er verdächtigte fast jeden, den Brief verfasst zu haben: "Auf einmal war die Firma kein Zuhause mehr, sondern ein Tatort." Er wurde unsicherer bei der Arbeit, zog sich innerlich zurück. Sein Chef reagierte nun oft gereizt. Irgendwann lud man Krüger nicht mehr zu den wichtigen Meetings ein. Und schließlich erhielt er eine Kündigung. Angeblich aus betriebsbedingten Gründen. Bert Krüger fand keine Anstellung mehr und arbeitet seither als Selbständiger.

"Homosexualität ist immer noch mit dem gleichen Ausmaß an negativen Gefühlen verbunden wie vor 30 Jahren", heißt es in einer Untersuchung des Niedersächsischen Sozialministeriums. Allerdings steht hier nicht die Hölle eines Büros im Fokus, sondern "die Schule als homophober Ort". Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Iconkids & Youth hat die Ablehnung von Homosexuellen unter Jugendlichen dramatisch zugenommen: von 34 Prozent 1998 auf 61 Prozent im Jahr 2002. Ein möglicher Grund: die Zukunftsangst vieler Jugendlicher. Wer fürchtet, an den Rand der Gesellschaft gedrängt zu werden, greift oft jene an, die dort aus seiner Sicht stehen: Homosexuelle und Migranten. Auch unter Erwachsenen ist dieser Trend auszumachen: In einer repräsentativen Studie der Universität Bielefeld sagten im vergangenen Jahr 22 Prozent der Befragten: "Homosexualität ist unmoralisch." Im Jahr 2005 hatten auf dieselbe Frage knapp 17 Prozent mit "Ja" geantwortet.

Stefan fällt auf. Der 19-Jährige trägt gern ausgefallene Kleidung und gestikuliert stark mit den Händen. "Manchmal bin ich wohl ein bisschen Diva-like und exzentrisch", sagt er. Schwule wie Stefan haben es an der Schule besonders schwer. Nach seinem Outing in der elften Klasse eines Hamburger Gymnasiums hieß er für viele nur noch "Stefanie" und "Schwuchtel". Im Sportunterricht wurde er stets als Letzter in die Mannschaft gewählt. In der Umkleidekabine zogen die Mitschüler über ihn her, nur die Mädchen hielten zu ihm. Die Lehrer taten so, als bemerkten sie nichts. Stefans Schulleistungen verschlechterten sich rapide. "Ich wusste, dass der Oberstufenkoordinator schwul ist", erzählt Stefan. "Aber ich habe lange gezögert, zu ihm zu gehen. Ich wollte keine Petze sein und kein Opfer." Der Schritt erwies sich als goldrichtig: Nach einem Krisengespräch mit Stefans Lehrern und einem Schüler, der Stefan besonders übel gepiesackt hatte, hörten die Anfeindungen auf.

Vor allem heterosexuelle Jungen reagieren in der Pubertät aggressiv gegenüber Altersgenossen, die von ihren Männlichkeitsbildern abweichen. Ihr Verhalten sei gewissermaßen notwendig, um sich als männlich zu empfinden, sagt der Diplompädagoge Steve Behrmann. Er betreut "Soorum", ein sexuelles Aufklärungsprogramm für Jugendliche in Hamburg. Dabei erlebt er immer wieder, dass sich Jungen und Mädchen in diesem Prozess unterscheiden. "Weiche Jungen entsprechen nicht dem männlichen Ideal und fallen deshalb eher auf als kernige Mädchen." Die Folge: Junge Schwule werden öfter verbal oder körperlich angegriffen, suchen Hilfe bei Lehrern. Lesbische Mädchen dagegen können sich leichter verstecken, jedenfalls solange sie sich nicht geoutet haben. Für sie stellt sich damit ein anderes Problem: Niemand nimmt sie wahr. Und das heißt: Niemand nimmt sie ernst, nicht einmal sie selbst. "Viel mehr Frauen als Männer bekennen sich erst mit 30 Jahren zu ihrer Homosexualität, davor heiraten sie oft und bekommen Kinder", sagt Steve Behrmann. In ihren Biografien wiederholt sich damit ein Teil lesbischer Geschichte - sie bleiben unsichtbar. "Das Sichverstecken, das Vortäuschen einer anderen Realität, ja, das Sich-nicht-einmal-als-Minderheit- Definieren ist den Lesben zur zweiten Natur geworden", sagt Maren Kroymann. Die Kabarettistin ist eine der wenigen prominenten Frauen, die sich zu ihrer lesbischen Identität bekennt. Es gibt eine ganze Reihe homosexueller Politikerinnen, Fernsehfrauen und Schauspielerinnen, aber kaum eine, die dies laut ausspricht.

Ein Dienstagnachmittag in Hamburg. Wöchentliches Treffen der Junglesben in den Souterrainräumen des Vereins "Intervention". Mädchen, die hierher kommen, wollen sich nicht verstecken. Auf der Straße steht ein Mann und starrt durch die Glasscheibe. Er schlackert mit der Zunge und fasst sich in den Schritt. "Das passiert hier öfter", sagt Jana, 21. Auf ihrem engen T-Shirt steht "Dykes in the city" - Lesben in der Stadt. Sie hat ein hübsches Gesicht und geht wie ein Junge, breitbeinig, wippend und mit den Händen in den Hosentaschen. "Mir sehen alle immer sofort an, dass ich lesbisch bin", sagt sie und lacht. Im Gegensatz zu Lena mit ihren langen schwarzen Haaren und der weiblichen Figur. "Mir glaubt das erst mal keiner", sagt die Gymnasiastin. Auch Nadine, 20, hört immer wieder: "Du siehst überhaupt nicht lesbisch aus." Aus Mangel an echten Heldinnen suchte sich Jana ihre in der Fiktion: "Nach meinem Coming-out habe ich Lesbenfilme verschlungen." In Film und Fernsehen gibt es sie schon, die neuen Vorbild-Lesben - sogar in die "Lindenstraße" und den "Marienhof" sind sie einzogen. Doch erst mit der US-Serie "The L-Word", die im vergangenen Sommer auf Pro7 lief, brach eine neue Ära an. Die Serie stellte nicht nur zum ersten Mal lesbisches Leben in seiner ganzen Alltäglichkeit in den Mittelpunkt. Sie befreite die Lesben auch von einem Image- Problem. Jahrzehntelang galten sie als Modemuffel, als konsumfeindlich und notorische Spaßverweigerer, im Gegensatz zu den häufig stilbewussten Schwulen. In "The L-Word" sehen die Lesben toll aus, kleiden sich feminin und verdienen viel Geld. Wie hartnäckig sich das Vorurteil der grauen Maus nach wie vor hält, erlebt "L-Mag"-Chefredakteurin Manuela Kay immer wieder. Das Anzeigengeschäft für ihr Magazin läuft schlecht: "Werbung, die sich speziell an Lesben wendet, gibt es nicht."

Im realen Leben ärgern sich Jana und ihre Freundinnen eher über die ständigen sexuellen Belästigungen. Es komme vor, sagt Nadine, dass fremde Männer auf sie und ihre Freundin zukämen und fragten: "Wollt ihr mit zu mir? Ich kann auch nur zugucken." Am schlimmsten war für sie jedoch, dass Mitschüler am Gymnasium sie nach ihrem Outing die Rolltreppe in der U-Bahn hinunterschubsten. Und die anzügliche Bemerkung eines Schulkameraden vor der ganzen Klasse: "Erzähl uns doch mal, wie ihr es macht!" Lena fühlte sich dem Druck von außen lange nicht gewachsen. "Ich habe mich extrem gegen mein Hingezogensein zu Frauen gewehrt", sagt sie vorsichtig. Erst nach einem Schulwechsel konnte sie sich offen dazu bekennen. Ihrer Mutter hat sie bis heute nichts gesagt. Wie Nadine ist sie schon mit 16 Jahren von zu Hause ausgezogen.

Die Einsamkeit in den Jahren der Ahnung, der Selbstverleugnung und endlich auch Offenbarung ist bei allen Jugendlichen groß. Viele verzweifeln in dieser Phase. So wie der 17-jährige Michael, der sich im vergangenen Sommer bei Starnberg das Leben nahm. Er hatte sich unsterblich in einen Mitschüler verliebt, der ihn aber zurückwies. Die Eltern versuchten Michael zu stärken, doch nichts half. Michael warf sich vor eine S-Bahn, nach einem letzten, verzweifelten Anruf bei seiner großen Liebe. Nun wurde von schwullesbischen Jugendgruppen ein Preis ins Leben gerufen, der Michaels Namen trägt und Toleranz fördern soll.

Bitter nötig: Nach einer Studie der Berliner Senatsverwaltung haben 18 Prozent der homosexuellen Jugendlichen schon einmal versucht, sich umzubringen. Damit ist die Rate der Suizidversuche bei ihnen viermal höher als bei Jugendlichen insgesamt. Vor allem auf dem Land fehlen lesbischschwule Jugendzentren, in denen sie therapeutische Hilfe bekommen und Gleichgesinnte treffen können. Zwar tauschen sich viele über Chats im Internet aus. Doch in der Not helfen keine virtuellen Kontakte. Die ist am größten, wenn sich ausgerechnet jene Menschen abwenden, die ihnen am nächsten stehen: "Für die meisten Eltern ist das Bekenntnis ihres Kindes, homosexuell zu sein, immer noch ein Schock", sagt die Sozialarbeiterin Almut Dietrich. Bei Vätern dominiere die Ablehnung, bei den Müttern die Sorge, dass man so nicht glücklich werden könne. Hinzu kommen Schuldgefühle: Was haben wir falsch gemacht? Fragen sich die Eltern. Warum bin ich bloß so? Fragen sich Söhne und Töchter. Nicht wenige Eltern reagieren mit Hausarrest, Kontrollieren des Handys, Hineinplatzen ins Zimmer, wenn Besuch da ist, bis hin zu körperlicher Gewalt. Nur in wenigen Städten, zum Beispiel in Berlin, gibt es Wohngruppen für jene, die es zu Hause nicht mehr aushalten. "Doch die Sehnsucht nach Versöhnung ist groß, spätestens zu Weihnachten wollen alle am liebsten wieder nach Hause", sagt Betreuerin Andrea Lebek vom Verein "Gleich und Gleich".

Wann wird ihr Leben wirklich normal sein? "Wenn Eltern sich über die erste Liebe ihres Kindes genauso freuen wie über die eines heterosexuellen Kindes," sagt Renate Rampf, Pressesprecherin des Lesben- und Schwulenverbandes. Manuela Kay ist skeptischer: "Anderssein muss man sich jeden Tag neu erkämpfen." Es bedeute auch, ganz normale Sorgen zu haben wie Figurprobleme, Geldnöte, Arbeitsstress. Vielleicht kann man es so sagen: Erst, wenn Schwule und Lesben nur noch diese ganz normalen Probleme haben, sind sie wirklich in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

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Buchtipps und Internet-Adressen

Meike Watzlawik, Friederike Wenner: "... und ich dachte, du bist schwanger! Frauen erzählen ihr Coming out" (17,50 Euro, Gatzanis Verlag)

Joachim Braun: "Schwul und dann? Ein Coming-out- Ratgeber" (14,90 Euro, Querverlag)

Lesbenberatungsstellen in ganz Deutschland: www.libs.w4w.net Schwul-lesbische Jugendgruppen bundesweit, Aktionen und Veranstaltungen: www.lambda-online.de Foren, Termine, Tipps, Dating für Lesben: www.l-mag.de Toleranz-Preis: www.schmidpeter-preis.de

Text: Ariane Heimbach Foto: Clipart BRIGITTE Heft 6/2007
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