Tina Rothkamm: Meine Flucht aus Tunesien

Tina Rothkamm war mit einem Tunesier verheiratet. Nach der Scheidung wollte er ihr gemeinsames Kind nicht hergeben. Die beiden entkamen - in einem Flüchtlingsboot übers Mittelmeer. Tina Rothkamm hat über ihre Geschichte ein Buch* geschrieben. Lesen Sie hier einen Auszug.

Gemeinsam geschafft: Tina Rothkamm und ihre Tochter Emira haben die gefährliche Fahrt übers Mittelmeer (von Tina Rothkamm fotografiert) überstanden. Die größte Angst unterwegs: ein Wetterumschwung. Bei Regen und Sturm hätten die Flüchtlinge kaum eine Chance gehabt.

Wir sitzen in einem Boot. Wie oft schon hatte ich diese Redewendung gehört und auch selbst so dahingesagt - und keine Ahnung gehabt, was das bedeuten konnte: in einem Boot zu sitzen. Dieses Boot, in dem ich mehr kauerte als saß, kam mir vor wie eine Nussschale, so schutzlos fühlte ich mich angesichts seines Zustands. Es handelte sich um einen ausrangierten Fischkutter, der in seinen besten Tagen dicht an der tunesischen Küste geschippert war. Ob er überhaupt noch seetauglich war? Die Bordwände waren nicht einmal mannshoch, eine schützende Reling gab es nicht. Bis nach Italien sollte er uns bringen uns, das waren rund einhundertzwanzig verzweifelte Tunesier, die vor den Unruhen und der Arbeitslosigkeit flohen, und mittendrin meine Tochter und ich.

Wie tief muss die Verzweiflung sein, dass ein Mensch sich irgendwelchen Schleppern anvertraut und eine Überfahrt nach Europa erkauft? Dass er all die Schicksale derer ignoriert, die auf einer ebensolchen Fahrt erstickt oder ertrunken sind? Dass er sich in ein Boot zwängt, das den Namen kaum verdient? Warum wagt es jemand, alles hinter sich zu lassen und sein Leben aufs Spiel zu setzen, um zu fliehen?

Weil die Alternative noch schrecklicher wäre. Weil Armut oder Gewalt einen zerstören können. Weil hinter allem diese innere Stimme nicht erloschen ist, die einem sagt, dass der Kampf um Freiheit und ein menschenwürdiges Dasein niemals aussichtslos ist. Dass es gut gehen kann, gut gehen wird ...

Genau das sagte auch ich mir, seit ich an Bord geklettert war. Dicht an dicht hockten wir, sodass kaum eine Zigarette dazwischengepasst hätte. Wenn einer auch nur das Bein bewegen, in eine andere Stellung wechseln wollte, hatte das Auswirkungen auf alle; wir waren miteinander verbunden in einer wabernden Welle. Ein eingeschlafener Fuß, ein eingeschlafener Arm, jedes Husten pflanzte sich fort und wurde ausbalanciert von allen. Als das Boot schon längst überfüllt war, kam einer der Schlepper und pferchte uns noch enger zusammen. Mindestens zwanzig weitere Männer kletterten an Bord, alle ohne Gepäck. Was sie besaßen, trugen sie am Leib. Für manche war ihr Leib alles, was sie hatten. Ihr Leib und die Hoffnung, die wir teilten. Dass unsere Nussschale es schaffen möge. Dass wir nicht kenterten, dass kein Marineschiff uns rammte, dass wir aus dem Wasser gezogen wurden, wenn ein Sturm aufkäme. Dass wir von den unsäglichen Flüchtlingsdramen verschont bleiben würden, die man in den Medien nur bruchstückhaft mitbekam. Jeder von uns wusste, dass diese Überfahrt sein Leben kosten konnte. Für mich war es doppelt arg, denn ich hatte für zwei Menschen entschieden. Für mich und für meine Tochter Emira.

Aber dies war unsere einzige Aussicht auf ein gemeinsames Leben daheim in Deutschland. All meine Versuche, zusammen mit meiner Tochter auf legalem Weg auszureisen, waren in den vergangenen Jahren gescheitert.

Eines war klar: Ewig konnten wir uns nicht verstecken. Irgendwann in diesen Tagen, zwischen dem unbändigen Wunsch, meiner Tochter ein freies Leben ohne Gewalt zu ermöglichen, und der Angst, entdeckt zu werden mit allen Konsequenzen, gab es plötzlich nur noch den Weg nach vorn. Das Schlepperboot nach Lampedusa war unsere letzte Chance.

* Das Buch von Tina Rothkamm erscheint am 12. März unter dem Titel: Flucht in die Hoffnung. Wie ich meine Tochter aus Tunesien befreite. (286 S., 14,99 Euro, Piper)

"Mama, wann sind wir da?", fragte Emira mit einer Stimme, als sei sie ein Kleinkind und nicht das große achtjährige Mädchen. "Bald", behauptete ich, ohne es zu wissen. Ich bemühte mich, mir meine Angst nicht anmerken zu lassen. Emira sollte sich sicher fühlen an meiner Seite, endlich sicher. Dabei wusste ich nicht einmal, ob wir überhaupt ankommen würden. "Dort", ich wies Richtung Sonne, obwohl das wahrscheinlich falsch war, aber für mich war es in diesem Augenblick wahr. "Dort liegt Europa." "Und da, kuck mal, Mama..." Emira zeigte auf die Küste. "Das ist Djerba!" "Ja, tatsächlich! Du hast recht."

Emira winkte Richtung Land, winkte ihrem Vater, der keinesfalls freudig am Strand stand und zurückwinkte, sondern uns wahrscheinlich noch immer verbissen suchte. Wie viele Schergen hatte er diesmal auf uns angesetzt? "Bislema, Baba!", sandte Emira ihm einen Gruß. Auf Wiedersehen, Papa! Ob sie ihn jemals wiedersehen würde? Ob sie ihn überhaupt wiedersehen wollte, nach allem, was geschehen war? Ich würde ihn ihr nicht wegnehmen, so wie er es umgekehrt versucht hatte.

"Bye-bye, Farid", sagte ich mit tonloser Stimme, denn in mir war nichts als Leere. Da gab es kein Gefühl mehr für diesen Mann. Ich hatte ihn geliebt, wie ich nie zuvor geliebt hatte, und gehasst, wie ich es nicht für möglich gehalten hatte. Seine Machenschaften hatten mich dazu getrieben, den Wahnsinn dieser Überfahrt zu wagen. Es war das Schrecklichste, was er mir hatte antun können: mir meine Tochter zu nehmen.

Ich wusste, wie sich so etwas anfühlte. Mir waren bereits zwei Kinder entglitten. Um dieses würde ich kämpfen, diese Tochter würde mir niemand nehmen, das hatte ich mir geschworen. Niemand - und auch nicht das Meer.

Unser Boot kehrte Djerba den Rücken. Ich drehte mich nicht um. Ich wollte nichts mehr mit dem Ort zu tun haben, der einmal das Symbol für meine größte Sehnsucht gewesen war. Ich war neununddreißig Jahre alt und würde mich nie mehr blenden lassen wie vor elf Jahren, als ich glaubte, den Mann meines Lebens kennengelernt zu haben. Wie oft hatte ich mir gewünscht, ihm nie begegnet zu sein ... und doch hatte ich ihm begegnen müssen, damit unsere Tochter geboren werden konnte.

Mein Traum war gescheitert. Jetzt ging es nur noch darum, Emira zu retten. Ich drückte sie fest an mich. "Bald sind wir da", machte ich uns beiden Mut. Ein ganzer Tag und eine Nacht in der Nussschale lagen vor uns. "Und dann kriege ich Würstchen mit Senf", freute Emira sich. "Ja", versprach ich und wusste in diesem Moment ganz genau, wie Glück schmeckte: nach deutschen Würstchen mit Senf.

Das Buch von Tina Rothkamm erscheint am 12. März unter dem Titel: Flucht in die Hoffnung. Wie ich meine Tochter aus Tunesien befreite. (286 S., 14,99 Euro, Piper)

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch "Flucht in die Hoffnung. Wie ich meine Tochter aus Tunesien befreite" von Tina Rothkamm, 286 S., 14,99 Euro, Piper
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