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Leseprobe aus "No Kid - 40 Gründe, keine Kinder zu haben"


Lesen Sie hier die Einleitung zu Corinne Maiers Bestseller aus Frankreich "No Kid - 40 Gründe, keine Kinder zu haben".

Wenn ich das gewusst hätte, wären mir Kinder nicht passiert

An einem Tag im Dezember bereitete ich mich darauf vor, meinen vierzigsten Geburtstag zu feiern. Ich saß mit einer Freundin im Café, und als mir der Wein die Zunge gelöst hatte, zog ich zerknirscht Bilanz : "Ich hab auf den falschen Dampfer gesetzt, meine Psychoanalyse zehn Jahre zu spät gemacht, bei den Abendgesellschaften, mit all den Leuten, die es zu etwas gebracht haben, langweile ich mich zu Tode, ich selbst hab's vergeigt, das Schicksal im richtigen Moment beim Schopf zu fassen (ja, inzwischen weiß ich es, es trägt einen Irokesenschnitt . . .), und meine Kinder gehen mir gehörig auf den Senkel . . ."

"Aber ich bitte dich", warf meine Freundin ein, "du kannst ja meinetwegen in Frage stellen, was du willst, aber du wirst doch wohl nicht ernsthaft bereuen, dass du Kinder in die Welt gesetzt hast?" "Doch. Wenn meine Kinder nicht wären, würde ich just in diesem Moment mit dem Geld, das ich mit meinen Büchern verdient habe, um die Welt segeln. Stattdessen bin ich dazu verdonnert, die ganze Zeit zu Hause abzuhängen, zu kochen, morgens um sieben aufzustehen, völlig schwachsinnige Übungen abzufragen und eine Waschmaschine nach der anderen laufen zu lassen. Und das für undankbare Blagen, die sich benehmen, als sei ich ihr Mädchen für alles. Ja, an manchen Tagen bereue ich das alles und gebe das auch offen zu. Damals, als ich Mutter geworden bin, war ich noch jung und verliebt, da haben mir wohl meine Hormone einen üblen Streich gespielt. Wenn ich mich noch einmal entscheiden könnte, also ehrlich, ich bin mir nicht sicher, ob ich das ein zweites Mal mitmachen würde. "

Meine Freundin war schockiert. Es gibt nun einmal bestimmte Dinge, die will man aus dem Mund einer gestandenen Mutter nicht hören, weil sie dann wirkt wie ein Monster. Der Standardsatz ist eben : "Ich bin stolz auf meine Kinder, und wenn es in meinem Leben etwas gibt, das ich nicht bereue, so ist es, sie in die Welt gesetzt zu haben."
 

Der Kinderkult

Ein Kind zu haben, ist das Allerschönste auf der Welt, ein Traum, der für jeden Geldbeutel und jeden Bauch in Erfüllung gehen kann. Es ist das sichtbarste Zeichen einer gelungenen Beziehung, der Beweis für die gesellschaftliche Integration der Eltern in eine Welt, in der die größte Angst darin besteht, "ausgeschlossen" zu sein. Das Diktat der Mode schreibt derzeit Kinder vor, wer auch dazugehören will, muss einen Säugling auf der Hüfte tragen oder einen Kinderwagen vor sich herschieben. Schwangere Frauen lassen sich nackt für Zeitschriften ablichten: Die Schwangerschaft hat nicht länger den Blicken der Öffentlichkeit verborgen zu bleiben. Noch nie wurden Mutter- und Elternschaft derart öffentlich zur Schau getragen.

Das große Abenteuer des 21. Jahrhunderts lautet selbstverständlich Fortpflanzung. Wie lässt sich das beweisen? John de Mol, millionenschwerer Erfinder der "Star Academy" im Besonderen und Schöpfer der Reality-Show im Allgemeinen, ist gerade kürzlich auf eine neue Filmidee gekommen: eine Schwangerschaft vom ersten Tag an bis zur Entbindung mitzufilmen. Nichts sollte der Kamera verborgen bleiben, die Übelkeitsanfälle, Ultraschallaufnahmen, Laboruntersuchungen, überzähligen Kilos, Gemütsschwankungen... Geballte, schier unerträgliche Spannung. Besser als "Der Bachelor", "Surviver" oder "Germany's Next Top Model" zusammen.

Kurzer Rückblick. Zu Beginn der Menschheit freute sich der Mann über eine reiche Ernte, üppige Brüste, über fette Bisons und eine besonders große Kinderschar. Es galt, die Welt zu bevölkern, zu jagen und sich gegen kriegerische Nachbarn zu behaupten. Daher rührt der religiöse Respekt, den die Fruchtbarkeit einflößt. Doch Kinder zu bekommen, bedeutete auch, sich in sein Schicksal zu ergeben. Später war plötzlich vom Kinderwunsch die Rede: ein neuartiger Gedanke in Europa. Seit es die Pille und den Schwangerschaftsabbruch gibt, wünscht man sich ein Kind. Es ist nicht mehr das Ergebnis eines Geschlechtsaktes, sondern das Produkt eines durch die Wissenschaft kanalisierten Willens. Schluss mit der Unvorhersehbarkeit, es lebe das feste Programm: das erste Kind mit dreißig Jahren, sobald man einen festen Arbeitsplatz hat; das zweite ungefähr zeitgleich mit dem Hauskauf; das dritte, um etwas weniger Steuern zu zahlen.
 

Frankreich oder "Geburtenfreudiger geht's nicht"

Frankreich war im Jahre 2006 mit 830 000 Geburten das fruchtbarste europäische Land; der Rekord wurde in der Presse nicht ohne unterschwelligen Triumph verkündet. Doch warum befassen sich Journalisten überhaupt damit? Planen etwa auch die Geburtskliniken ihren Börsengang? Warum gilt der Rekord als ein Sieg? Vielleicht weil es das Einzige ist, womit sich Frankreich noch schmücken kann? Wenn Geburten- und Familienförderung derart hochgehalten werden, warum soll dann nicht auch gleich Philippe de Villiers* an die Macht? In Frankreich gilt der Kinderwunsch als "normal ". Das war durchaus nicht immer so. Lange Zeit hatten die Franzosen sogar sehr stark etwas dagegen, sich fortzupflanzen. Seit dem 18. Jahrhundert bis hin in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts wehrten sie sich standhaft gegen die Freuden des Elternseins, weshalb die französischen Geburtenraten eher niedrig waren. Und zwar so niedrig, dass es gar Leute gab, die sich um die Zukunft der nationalen Identität (die man damals noch nicht so nannte) große Sorgen machten.

Heutzutage hingegen scheint ein eigenartiges Fieber um sich gegriffen zu haben. Jeder spricht von seinem Kinderwunsch, als handele es sich dabei um einen ganz besonders heftigen Drang, der tief aus dem Innersten hervorbricht, unwiderstehlich, fieberhaft, vollkommen unerklärlich, jedoch absolut gerechtfertigt. Zahlreiche Eltern sind fest davon überzeugt, eine Aufgabe von nationalem Interesse zu erfüllen, nahezu ein heiliges Amt, das einen dem Sakralen und Transzendenten ein kleines Stück näher bringt: Das Kind ist zur nächsthöheren Stufe über dem selbstbestimmten Erdendasein geworden. (...)

Sollten Sie heiraten, stellen Sie sich schon mal auf die Fragen Ihrer Kollegen und Kolleginnen ein: "Na, schon dabei? Habt ihr das Erste schon angesetzt?" Es soll Frauen geben, die haben sich extra gegen diese dummen Fragen im Büro ein Kind ausgedacht, nur damit man sie in Ruhe lässt, denn Andersdenkende sind eindeutig in der Minderheit. Gerade in Frankreich ist die Mutterschaft in besonderem Maße obligatorisch, da sie von einer sehr guten Familienpolitik (Beihilfen, Krippen- und Kindergartenplätze usw.) begleitet wird. Von den Französinnen, die jetzt in die Wechseljahre kommen, ist nur jede Zehnte kinderlos geblieben; in Italien und in Spanien sind es 14 Prozent, in Großbritannien 20 Prozent, in Deutschland 30 Prozent (bei Akademikerinnen sogar 45 Prozent). Frankreich gilt zunehmend als ein Land, an dem sich die anderen europäischen Länder ein Beispiel nehmen sollten, und so hat Deutschland gerade einen einjährigen bezahlten Elternurlaub eingeführt. Los, Europäer, ran an die Wiege, wir haben es nur auf einen Kopf abgesehen, und zwar auf den von euren Babys.



* Der konservative Politiker Philippe de Villiers trat 2007 als Kandidat bei den französischen Präsidentschaftswahlen an. Hauptthemen seiner Kampagne waren der Kampf gegen die Europäische Union und den starken Euro, seine Forderung nach einem Einwanderungsstopp und seine Warnung vor einer möglichen Islamisierung Frankreichs.

Obligatorischer Schnullerdienst

Das Problem besteht dar in, dass in der Geschichte der Unterdrückung der Völker (die oft mit der allgemeinen Geschichte gleichgesetzt wird) Familie und Kind(er) als kategorischer Imperativ gelten und zudem oftmals in einem Atemzug mit der Arbeit genannt werden. Man denke nur an den Ausspruch "Arbeit, Familie, Vaterland" des finsteren Marschalls Pétain. "Ran an die Arbeit und mehret euch, denn so kommt ihr nicht auf dumme Gedanken, und ich sorge derweil für Recht und Ordnung", lautet die ungeschriebene Aufforderung eines jeden Diktators. Dem Staat liegt etwas daran, dass Sie Kinder bekommen: Ist das nicht etwas suspekt? Sollte man nicht eine solche Pflicht des Bürgers, seinen Beitrag zum Fortbestand der Generationen zu leisten, kritisch hinterfragen? Denn hier handelt es sich doch wohl ganz offenkundig um eine demographische Besessenheit, die darauf abzielt, eine bestimmte Sichtweise der Welt nicht ins Wanken zu bringen.

Das abgedroschene Argument "Europa wird immer älter, das Nachwachsen der Generationen ist nicht gesichert" ist im Grunde genommen nicht haltbar. Man müsste nur Einwanderer ins Land lassen, damit einerseits die Arbeitsplätze, die die jungen Inländer nicht haben wollen (Maurer, Kellner, Krankenschwester), trotzdem besetzt würden und andererseits die Renten finanziert werden könnten. Es fehlt nicht an Freiwilligen, man müsste nur die Türen öffnen. Wir verbitten uns die gelehrten Vorträge, die Kinder von heute seien das "Wachstum" von morgen: Welches Wachstum? Wozu eigentlich? Ist wirtschaftliches Wachstum allein denn schon ein Ziel, das einer Gesellschaft, die demokratisch sein möchte, würdig ist? Hat man denn keine anderen Träume, als sich Fernseher, Waschmaschinen und Handys zu kaufen, und zwar nur, um Arbeitsplätze zu schaffen, deren absolute Blödsinnigkeit für niemanden besonders löblich ist - weder für die Leute, die sie anbieten, noch für diejenigen, die sie akzeptieren? Über die abgedroschenen Vorträge von Wirtschaftswissenschaftlern (oftmals geschwätzige und sehr von sich eingenommene Herren reifen Alters) zu diesem Thema muss ich oftmals schmunzeln. Die Volkswirtschaftslehre, die sich selbst als der Metadiskurs über eine Wirklichkeit ausgibt, die für niemanden richtig fassbar ist, ließ mich stets unbeeindruckt.
 

Da auch ich mich jahrelang eine Wirtschaftswissenschaftlerin geschimpft habe, bin ich zudem mit all den Kniffen und Tricks dieser Nicht-Kunst vertraut. Man kann von Glück reden, dass es auch Nachwuchsverweigerer gibt. Damit meine ich all diejenigen Männer und Frauen, die keine Kinder haben wollen. Sie verhalten sich verständlicherweise sehr diskret. Frauen haben das Recht, den Zeitpunkt des Mutterwerdens hinauszuzögern, aber ganz darauf zu verzichten, kommt nicht in Frage; den Männern rutscht neuerdings schon mal raus, sie hätten ihr Leben verpasst, wären sie nicht Vater geworden. Die Toleranz in Bezug auf unterschiedliche Formen der privaten Lebensgestaltung nimmt zu, doch wer frei von der Seele weg gesteht, er wolle lieber keine Kinder in die Welt setzen, schafft sich keine Freunde. Wer sich mutig zu seinem Entschluss gegen Kinder bekennt, gilt in seinem Umfeld als Abtrünniger, denn die Familie ist nun einmal ein universaler Wert. Wer in Frankreich "kinderlos" geblieben ist, ist mit einem Makel behaftet; er wird fortwährend allein nach diesem Kriterium beurteilt.

Wer es gewagt hat, sich gegen Kinder zu entscheiden, erregt Mitleid: "Die Ärmste, wahrscheinlich hat sie keine kriegen können ", "Nun hat er sich sein ganzes Leben versaut". Diese "Egoisten", "Unreifen", "Pessimisten", "Labilen" bekommen durch ein ungerechtes, allein die Familien begünstigendes Steuersystem eine erdrückende Steuerlast aufgebürdet und werden an den Rand einer Gesellschaft gedrängt, in der alles auf das dominante Lebensmodell ausgerichtet ist. Wie, da gibt es auch noch Leute, die nach ganz anderen Dingen streben? Das gibt ihnen doch jeder gerne schriftlich, dass all diese anderen Dinge neben den " Freuden " der Selbstreproduktion, der "Selbsterfüllung", die das Kinderkriegen verheißt, so gut wie nichts wert sind. (...)
 

Demoralisierung potenzieller Eltern

Ich habe mir vorgenommen, mit meinem Büchlein alle potenziellen Eltern, die mit der Frage ringen, ob Kinder in die Welt zu setzen sich überhaupt lohnt, zu demoralisieren (sie also nicht zu entmutigen, sondern von sämtlichen moralischen Zweifeln zu befreien). Denn selbstverständlich dürfen sie ihre Zweifel ja niemandem mitteilen: Es gehört sich nicht, eine solche Frage überhaupt zu stellen, denn Kinder zu bekommen ist gut. Dabei gibt es eine ganze Menge sehr guter Gründe dafür, besser keine Kinder zu bekommen, darunter auch durchaus solche, die sehr viel vernünftiger sind als all die Pro-Kinder-Gründe, die wir für gewöhnlich vorgesetzt bekommen.

Mir fallen auf Anhieb mindestens vierzig ein, und ich werde sie nachfolgend aufschreiben. Wir brauchen nicht noch mehr abgeschmackte Vorträge über das große Glück des Elternberufs. Bei so viel Enthusiasmus und Zwang zum positiven Denken wird es höchste Eisenbahn, auch einmal "Bäh!" zu Nurseyland zu sagen. Und ich weiß, wovon ich spreche, denn auch ich habe Kinder; es gibt Dinge, zu denen kann nur eine Familienmutter etwas sagen, vorausgesetzt, sie bringt den Mut zu ihrem eigenen Coming-out auf. Hätte ich dieses Buch geschrieben, ohne selbst Kinder in die Welt gesetzt zu haben, würden mich alle verdächtigen, eine alte, verbitterte und missgönnerische Jungfer zu sein. Doch so setze ich mich wahrscheinlich nur dem Vorwurf aus, eine Rabenmutter zu sein. Dazu stehe ich. Nachdem ich in Die Entdeckung der Faulheit* mein Unternehmen verraten habe, prangere ich hiermit das idyllische Postkartenmotiv einer Familie an, wie sie höchstens in Zeitschriften existiert. Und wo ich schon einmal dabei bin, warum nicht auch gleich ganz Frankreich durch den Kakao ziehen, das sich geburtenfreudig, freundlich und selbstgefällig gibt und dessen Horizont nicht über Arbeit und Fortpflanzung hinausreicht. Welch betrüblicher Rückfall: Was stimmt missmutiger als ein Land, das sich darauf versteift hat, stets nur dasselbe zu reproduzieren, auch wenn dasselbe trist und trübselig ist?

* Corinne Maiers erstes Buch, "Die Entdeckung der Faulheit" erschien 2004 im Goldmann Verlag

Lesen Sie hier das BRIGITTE.de-Interview mit Corinne Maier

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Corinne Maier, "No Kid. 40 Gründe, keine Kinder zu haben" Deutsche Übersetzung von Kerstin Krolak Copyright © 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg ISBN: 978-3-499-62387-5, 144 S., 12 Euro


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