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Lieferengpässe bei Medikamenten Sind Lauterbachs Lösungen kurzfristig genug?

Fiebersaft wird auf einen Löffel gekippt.
© SENTELLO / Adobe Stock
Seit Wochen sind die Zustände beim Beschaffen von Arzneimitteln katastrophal – mehr als 400 Medikamente sind "aktuell nicht lieferbar". Darunter viele explizit für Kinder. Mit einem neuen Eckpunktepapier will Lauterbach kurzfristig eine Lösung bieten. Ein Apotheker erklärt, warum das noch nicht ausreicht.

Seit Wochen sind die Schubladen der Apotheken leer. Gerade fiebersenkende Mittel für Kinder gibt es kaum zu bekommen. Einige Eltern sind so verzweifelt, dass sie in die Nachbarländer wie etwa Holland fahren, um dort die notwendigen Medikamente zu beschaffen. Doch warum gibt es sie bei unseren Nachbarn und bei uns nicht?

In den deutschen Nachbarländern gibt es keine Arzneimittelkrise

Diese Frage stellt auch Daniel Miller, Inhaber der Adler Apotheke in Kirchheim/Teck im Landkreis Esslingen, in einem Brandbrief an den Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach. "Wir steuern auf einen Notstand zu!", schreibt er. Die aktuelle Situation "an nicht verfügbaren Arzneimitteln in unserem Land [wird] immer katastrophaler." Es fehle an Antibiotika, Fiebersäften für Säuglinge und Kinder, Blutdruckmitteln und vielen anderen. Häufig gäbe es aber keine alternativen Arzneimittel.

Das Problem liege nach Miller bei der Verlagerung der Wirkstoffproduktion nach Asien. Die Lieferketten seien zu schwach und es gäbe Qualitätsprobleme. Die Lösung: "Unbedingt notwendige Arzneimittel sollten wieder in Deutschland produziert werden", schreibt er. Insgesamt befinde sich das Gesundheitssystem in einer Abwärtsspirale, da es gerade 2022 geprägt war durch eine ungesicherte Arzneimittelversorgung, permanent sinkenden Apothekenzahlen, Ärzt:innen- und Fachkräftemangel und dem Aussterben von Praxen.

Lauterbach stellt Eckpunktepapier mit Medikamenten-Lösung vor

Abhilfe in dieser Situation soll jetzt eine schnelle Lösung bieten, die Karl Lauterbach in einem Eckpunktepapier präsentiert. Unter anderem sollen die Festbeträge – der höchste Betrag, den die Krankenkassen für das Medikament zahlen – für bestimmte Fertigarzneimittel für Kinder mit den Wirkstoffen Ibuprofen, Paracetamol und Antibiotika, die als Zäpfchen oder in flüssiger Anwendungsform vorliegen, ab Februar 2023 für drei Monate komplett ausgesetzt werden, so die "Tagesschau".

Insgesamt können so die Festbeträge von insgesamt 180 Kinderarzneimitteln ausgesetzt werden. Dies soll einen Anreiz für die Pharmafirmen bieten, aufgrund der höheren Preise mehr zu liefern. Bei patentfreien Arzneimitteln (auch für Erwachsene), wie etwa Antibiotika oder Arzneien gegen Krebs, soll die Produktion innerhalb der EU gestärkt werden. Daher soll künftig nicht mehr nur der insgesamt billigste Anbieter zum Zug kommen, sondern auch der günstigste aus der EU berücksichtigt werden. Für rabattierte Arzneimittel soll zudem eine mehrmonatige Lagerhaltung vorgesehen sein.

Es braucht deutlich kurzfristigere Lösung für die Beschaffung von Medikamenten

Die Eckpunkte sind jedoch noch nicht final ausgearbeitet. Ein konkreter Gesetzentwurf muss erst noch erarbeitet werden. Apotheker Daniel Miller sagt dazu: "Mittelfristig halte ich alle drei angesprochenen Punkte im Eckpunkteplan für sinnvoll und die Umsetzung sollte rasch erfolgen", sagt er und ergänzt: "Mit höchster Priorität brauchen wir jedoch eine schnelle Lösung für die aktuelle Situation!"

Aufgrund der akut sehr stark verbreiteten Infekte, vor allem der Atemwege, wird die Versorgungslage immer schlechter. Eine deutlich schnellere Lösung sieht Miller unter anderem in der Vereinfachung von Importen der Arzneimittel aus dem Ausland durch staatliche Beschaffung. Paracetamol- und Ibuprofensäfte könnten von Expert:innen unter anderem aus den entsprechenden Tabletten hergestellt werden. Apotheken könnten diese zum Teil auch selbst herstellen, wenn die Krankenstände nicht auch hier extrem hoch wären.

Doch selbst die aufgestellten Eckpunkte sind keine Langzeit-, sondern ebenfalls nur Kurzzeitlösungen. Vonseiten des GKV-Spitzenverbands (Gesetzliche Krankenversicherung) heißt es, dass es nicht nachhaltig sei, der Pharmaindustrie kurzfristig höhere Preise zu ermöglichen. Die Pharmaindustrie soll durch die Aussetzung der Festbeträge Zeit bekommen, um die bestehenden Produktions- und Lieferprobleme in den Griff zu bekommen – es sei "kein Freifahrtschein für Gewinnmaximierung".

Verwendete Quellen: tagesschau.de, facebook.de, swr.de, deutsche-apotheker-zeitung.de

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei ELTERN.

slr

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