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Margarete Mitscherlich - Grande Dame der deutschen Psychoanalyse


In einem neuen BRIGITTE-Buch spricht die Psychoanalytikerin über ihre Jugend, ihre große Liebe, das Leben als berufstätige Mutter und das Älterwerden. Lesen Sie hier einen Auszug.

Das neue BRIGITTE-Buch

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In dem neuen BRIGITTE-Buch - "Eine unbeugsame Frau. Margarete Mitscherlich im Gespräch mit Kathrin Tsainis und Monika Held" - spricht die Grande Dame der deutschen Psychoanalyse über ihre Jugend im Dritten Reich, ihre große Liebe zu Alexander Mitscherlich, das Leben als berufstätige Mutter, über ihre Karriere und das Älterwerden. Sie spannt den Bogen zwischen persönlichen Erfahrungen und Zeitgeschichte und beantwortet Fragen, die uns alle bewegen: Was ist das Geheimnis guter Beziehungen? Wie können wir Kinder zu aufrechten Menschen erziehen? Und wie finden wir den Mut, zu uns selbst zu stehen und die Krisen in unserem Leben zu meistern?

Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Buch:

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BRIGITTE: Frau Dr. Mitscherlich, haben Sie sich eigentlich mal gefragt, ob Sie eine gute Mutter sind?

Margarete Mitscherlich: Ich fand, dass ich eine gute Mutter war. Ich habe meinen Sohn immer sehr geliebt, mich bemüht, ihn zu verstehen und alles, was ich über Erziehung und das Miteinander gelernt habe, auch umzusetzen. Von heute aus betrachtet war ich keine gute Mutter, als ich ihn mit seinen kaum zwei Jahren weggegeben habe. Ich habe mir oft gesagt: "Du warst einfach nicht stark genug", aber wenn ich zurückblicke, weiß ich immer noch nicht, wie ich es anders hätte machen sollen. Es war keine Frage von Liebe, die stand nie in Frage, doch mir fehlte die Kraft, mich neben meinem Beruf auch noch so um meinen Sohn zu kümmern, wie es meiner Mutter in Dänemark möglich war. Ich musste sehen, dass ich mich irgendwie etablieren konnte. Die Sicherheit, dass ich heiraten würde, hatte ich ja nicht. Könnte ich mein Leben noch mal leben, würde ich ihn wohl nicht weggeben. Doch ob das für ihn wirklich besser gewesen wäre, weiß ich nicht. Ich werde es nie wissen.

BRIGITTE: Ihr Sohn kam erst mit sechs Jahren, nachdem Sie und Alexander Mitscherlich geheiratet haben, zu Ihnen zurück. Hat er Ihnen die Trennung je vorgeworfen?

Margarete Mitscherlich: Na sicher. Gleichwohl ihm klar war, dass ich damals sehr kämpfen musste, um mich durchzusetzen und Geld zu verdienen.

BRIGITTE: Gab es nie die Überlegung, im Beruf etwas kürzer zu treten?

Margarete Mitscherlich: Bevor ich verheiratet war, stellte sich die Frage nicht. Später habe ich das Leben mit ihm immer so gut genossen, wie ich nur irgend konnte. Viele Nachmittage habe ich mir freigehalten. Allerdings hatte ich abends oft Seminare, die ich auch gern gehalten habe. Als dann 1960 das Sigmund-Freud-Institut eingeweiht wurde und Alexander nach Frankfurt ging, blieb ich in Heidelberg, bis mein Sohn Abitur machte. Ich wollte ihn nicht noch einmal verlassen. Ich bin zweimal die Woche hingefahren, um dort zu arbeiten, und mein Mann pendelte.

BRIGITTE: Wenn eine Mutter gern arbeitet, gilt sie schnell als Rabenmutter.

Margarete Mitscherlich: Ein absolut deutscher Begriff, den hören Sie nirgendwo anders. Dieser Glaube, dass eine Mutter nur für ihr Kind dazusein hat, dass sie ihm schadet, wenn sie arbeitet, ist eine durch und durch deutsche Vorstellung. Zieht euch doch den Schuh nicht an! Das Blödsinnige an uns Frauen ist, dass wir alles annehmen, statt zu sagen: "Quatsch! Ich mache es so, wie ich es für richtig halte! Wenn ich ein Kind will, bekomme ich es, wenn nicht, dann nicht. Und wenn ich eins kriege, soll es verdammt noch mal Möglichkeiten geben, es unterzubringen, so dass ich arbeiten kann!" Schaut euch um in der Welt und kapiert, dass das nur in Deutschland so ist, und wehrt euch durch Nachdenken und mit Argumenten gegen diese idiotischen Schuldgefühle. Kinder verwahrlosen nicht, wenn sie in Krippen gehen. Die leiden eher, wenn ihre Mütter nicht Nein sagen können und sich ewig schuldig fühlen.

BRIGITTE: Unglücklicherweise wird man Schuldgefühle nicht so einfach los.

Margarete Mitscherlich: Das ist wohl wahr, aber die Frauen müssen kapieren, dass ihre Schuldgefühle gesellschaftlich begründet sind. Denken Sie doch mal an den Adel früher, die vermögenden Bürger: Da war es gang und gäbe, Kinder an Ammen und Gouvernanten weiterzureichen, und die Frauen fühlten sich auch nicht schlecht dabei, weil es die Gesellschaft akzeptierte. Heute ist etwas anderes üblich, und diese Vorstellungen haben die Frauen übernommen, ohne darüber nachzudenken. Akzeptiert das doch nicht als Wahrheit! Man muss dafür kämpfen, dass es Institutionen gibt, die es Müttern erlauben zu arbeiten. Davon profitiert die ganze Gesellschaft.

BRIGITTE: Zu keiner Zeit gab es mehr Erziehungsratgeber als heute, und trotzdem sind viele Eltern völlig verunsichert.

Margarete Mitscherlich: Jeder hat selbst eine Erziehung genossen, durch sein Elternhaus, die Schule, durch die Gesellschaft, in der er lebt, hat am eigenen Leib erfahren, wie man das macht, und diese Normen entweder angenommen oder abgelehnt. Mit den Büchern kommen dann neue Vorstellungen dazu. Nur nutzen Ideen oder Ratschläge nichts, wenn sie nicht durchdacht werden. Man muss sich mit ihnen auseinander setzen, sie hinterfragen, mit dem persönlichen Erleben vergleichen und zu eigenen Schlüssen kommen, sonst bleibt es Theorie, angelesenes Zeug, und damit kommt man eigentlich nie besonders weit. Wenn Sie einem Kind etwas vermitteln wollen, müssen Sie es selbst verinnerlicht haben und eigene Worte dafür finden. Mein Sohn hat immer sofort gemerkt, wenn ich zu theoretisch wurde und es nicht wirklich etwas mit ihm zu tun hatte. Und genauso spürt ein Kind, ob man tatsächlich zugewandt ist oder man gerade mal gelesen hat, dass es wichtig wäre, so zu sein.

BRIGITTE: Trotzdem wäre es schön, wenn einem jemand sagen könnte: "Mach das und das, dann wird dein Kind weder ein Schulversager noch drogensüchtig."

Margarete Mitscherlich: Das kann aber niemand. Es gibt nun mal kein universell einsetzbares Rezept, das ist uns Analytikern völlig klar, das sagen wir auch unseren Patienten. Wir können zuhören, mit ihnen sprechen, beobachten, wie sie sich verhalten, und versuchen, bestimmte Dinge sichtbar zu machen, aber wir können niemanden völlig umpolen. Wenn man Familien miteinander erlebt, sieht man oft sofort, was falsch läuft. Das jedoch in Worte zu fassen, die jemand auch zu verstehen und anzunehmen vermag, ist sehr schwer. Es geht ja nicht nur darum, was Mutter und Vater sagen oder tun, schon der Tonfall spielt eine große Rolle, Körpersprache, Mimik, ob sie vielleicht immer wieder etwas wahrnehmen, was weder gesagt noch gemeint war. Auch Eltern sind getrieben von ihren Vorurteilen, unbewussten Motiven, Verletzungen und Fantasien. Könnten Sie jemandem das alles von einem auf den anderen Moment austreiben, wären Sie ein Wunderdoktor. Dazu braucht es viele Gespräche, es muss spürbar werden, wie diese Interaktionen ablaufen. Das geht nicht von heute auf morgen oder indem man in Zeitschriften oder Büchern irgendwelche Verhaltensregeln liest.

BRIGITTE: So etwas kann aber Denkanstöße geben.

Margarete Mitscherlich: Absolut, doch Sie müssen vor allem verstehen. Sich auch selbst verstehen und die Fähigkeit entwickeln, sich von außen zu sehen, zu kapieren, wie viel Sie in Ihr Kind hineinprojizieren. Kinder spüren diese Projektionen, reagieren darauf, während den Eltern oft gar nicht klar ist, weshalb sich ihr Kind so verhält, welchen Anteil sie daran haben.

BRIGITTE: Wie war das bei Ihnen? Haben Sie Ihren Sohn immer verstanden?

Margarete Mitscherlich: Vielleicht sogar zu sehr. Manchmal dachte ich, er erzählt mir zu viel von dem, was in ihm vorgeht. Ab einem gewissen Alter muss man auch Dinge für sich behalten, um unabhängig zu werden.

BRIGITTE: Hatten Sie eine klare Leitlinie, einen Grundsatz bei seiner Erziehung?

Margarete Mitscherlich: Es gibt einen dänischen Ausspruch, der mir immer sehr gefallen hat: "Schlucke nichts roh." Das war mein Motto, und das ist aus meiner Sicht die Grundlage für eine gute Erziehung. Sie muss zum Nachdenken anregen und darf nie mit Zwängen einhergehen. Ständig nur Verbote und Anweisungen aussprechen nutzt doch nichts. Ein Kind muss sein eigenes Verständnis entwickeln können, und das geht nur, indem man ihm beibringt, selbständig zu denken. Indem man ihm sagt, wie man bestimmte Dinge findet, ihm die eigene Haltung erklärt und auch Zusammenhänge deutlich macht.

BRIGITTE: Teilte Ihr Mann diese Auffassung? In den fünfziger Jahren pflegte man ja eher den "Bloß keine Widerworte!"-Stil.

Margarete Mitscherlich: Wir hatten die gleichen Ansichten, was menschliche Werte und das Miteinander betrifft, und dies wollten wir unserem Sohn natürlich auch weitergeben.

BRIGITTE: Nämlich?

Margarete Mitscherlich: Toleranz, Einfühlung in die Mitmenschen, vorurteilsfreies Denken und Handeln, Kritikfähigkeit sich selbst und anderen gegenüber, diese Dinge eben.

BRIGITTE: Wie haben Sie das vermittelt?

Margarete Mitscherlich: Natürlich haben wir mit ihm darüber auch geredet, umso mehr, je älter er wurde, und als er jünger war, gab es sicher auch Situationen, in denen die Sprache darauf kam. Wenn Kinder diese Phase entwickelten, in der sie gelegentlich Tiere quälen oder Kleinere ärgern, die sich nicht wehren können, reagierte ich sehr empfindlich. Ich habe es immer gehasst, wenn sich Menschen an Schwächeren vergreifen, und ein Kind merkt genau, ob das, was Sie sagen, Ihrer inneren Haltung entspricht. Sie können Einfühlung nicht nur predigen, Sie müssen sich schon auch selbst einfühlend verhalten, sonst kommt nichts an. Die Art und Weise, wie man miteinander umgeht, und welche Atmosphäre im Elternhaus herrscht, ist viel wichtiger als irgendwelche letztlich leeren moralischen Botschaften.

BRIGITTE: Was halten Sie von dem "Bündnis für Erziehung", das Familienministerin von der Leyen initiiert hat und das Kindern christliche Werte nahebringen soll?

Margarete Mitscherlich: Menschen für Werte zu sensibilisieren ist keine schlechte Sache - sofern diese Werte auch kritisch betrachtet werden, man dabei Vernunft walten lässt und nicht nur blind glaubt. Man muss darüber nachdenken, sich fragen, warum sie gut sind, wie man sie anwenden soll. Kritikloses Hinnehmen nutzt überhaupt nichts, denn bei der nächsten Gelegenheit schluckt man eben etwas anderes genauso unreflektiert. Wissen Sie, letztlich ist "Wert" doch ein Wischiwaschi-Wort, in das man alles Mögliche stopfen kann. Auch Hitler hatte Werte, ganz katastrophale, wie wir wissen, und das Volk hat sie rasch angenommen - innerhalb von zwölf Jahren war es gelungen, aus einem Kulturvolk primitive Barbaren zu machen, die jüdische Menschen einfach töteten. So schnell lassen sich Werte verschieben. Das sollte man nie vergessen.

BRIGITTE: Sie haben stets betont, dass männliche und weibliche Eigenschaften nichts Angeborenes, Naturgegebenes, sondern das Ergebnis von Sozialisation sind. Wie können wir Kinder jenseits tradierter Rollenbilder erziehen?

Margarete Mitscherlich: Das schaffen Sie nicht voll und ganz. Die Kinder gehen ja auch in den Kindergarten, in die Schule, sie sind Teil einer Gesellschaft, die von Traditionen, Rollenbildern, Wertvorstellungen, Religion, überhaupt einer Kultur und einem Zeitgeist geprägt ist. Davon können Sie ein Kind nicht abschneiden. Jeder Mensch ist ein gesellschaftliches Wesen, und jeder muss sich in diese Gesellschaft irgendwie integrieren.

BRIGITTE: Also kommen wir aus den Rollenmustern nicht raus, wenn sich die Gesellschaft nicht wandelt?

Margarete Mitscherlich: Sie ändert sich doch! In Deutschland langsamer als anderswo, ja, aber auch hier verändert sie sich. Es geht liberaler zu, und Frauen haben mehr zu sagen. Das ist alles richtig, aber Männer und Frauen sind, Gott sei Dank, eben auch unterschiedlich. Und natürlich kann man als Frau im Sinne des Körperlichen eine Tochter besser verstehen. Ich weiß nicht, wie es ist, einen männlichen Körper zu haben. Aber ich weiß, wie sich Brüste anfühlen. Freud hat nicht zu Unrecht gesagt, dass das Ich vor allem ein Körper-Ich ist. Nein, nein, Mädchen müssen Mädchen sein dürfen und Jungs eben Jungs. Jungs zu zwingen, mit Puppen zu spielen, ist doch Blödsinn! Frauen sollen nicht genauso wie Männer werden oder umgekehrt, das funktioniert sowieso nicht. Man muss dahin kommen, dass das eine Geschlecht nicht benachteiligt wird, und ich finde, wir sind da immerhin auf einem guten Weg.

BRIGITTE: Der Psychoanalyse wird immer wieder vorgeworfen, sie nehme Menschen aus der Verantwortung, indem sie sich zu sehr auf die Prägung durch die Eltern konzentriere. Wie sehen Sie das?

Margarete Mitscherlich: Diese frühe Prägung findet statt! Das Über-Ich, also das, was man Gewissen nennt, entsteht erst durch die Verinnerlichung von Geboten und Verboten der Eltern. Das, was sie uns bewusst oder unbewusst mitgeben, hat auf unser Verhalten, unsere Entscheidungen, die Art, wie wir fühlen, wie wir uns selbst und die Welt sehen, großen Einfluss. Wobei selbst Geschwister ihre Eltern auf denkbar unterschiedliche Weise erleben: Das reale Verhalten ist das eine, die Fantasie des Kindes, wie es Mutter und Vater interpretiert, das andere. Wenn man einen Menschen verstehen will, muss man sich mit diesen Prägungen auseinander setzen. Nicht um Verantwortung abzuschieben, sondern um jemandem die Möglichkeit zu geben zu erkennen, was in ihm wirkt, wie er äußere von innerer Realität zu unterscheiden lernt. Erst wenn er das weiß, kann er realitätsgerechte Urteile fällen und sich von Projektionen lösen. So gesehen ist die Psychoanalyse ein Weg, endlich erwachsen zu werden und diese Kindernummer aufzugeben, bei der immer nur die Eltern schuld sind und bis ans Lebensende für das eigene Wohlergehen verantwortlich bleiben.

BRIGITTE: Und wie viel kann man als erwachsener Mensch loswerden vom Ballast, den man mitbekommen hat?

Margarete Mitscherlich: Sehr viel, wenn man sich darum bemüht. Doch Erziehung ist ja keineswegs nur Ballast, sondern durchaus auch ein sehr großer Gewinn. Erziehung bedeutet auch Kultur und differenzierten Umgang von Menschen miteinander.

Kurzbio

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Die Ärztin, Psychoanalytikerin, Feministin und Autorin Margarete Mitscherlich kommt 1917 als Tochter eines dänischen Arztes und einer deutschen Lehrerin in Dänemark zur Welt. Ihre Gymnasial- und Studienzeit verbringt sie in Deutschland, wo sie wegen ihrer nazikritischen Haltung mehrfach angezeigt wird. 1947 trifft sie den Arzt und Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich: der Beginn einer ebenso innigen wie schwierigen Beziehung - Mitscherlich ist verheiratet und Vater von fünf Kindern. 1949 wird der gemeinsame Sohn Matthias geboren. Erst 1955 heiratet das Paar, das beruflich eng zusammenarbeitet: Sie setzen sich für die Rückkehr der unter Hitler verfemten Psychoanalyse ein, gründen das Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt und veröffentlichen 1967 den Bestseller "Die Unfähigkeit zu trauern", der zum Standardwerk der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus wird. Seit den 70er Jahren engagiert sich Margarete Mitscherlich für Gleichberechtigung und gilt nicht zuletzt durch ihre Bücher "Die friedfertige Frau" und "Über die Mühsal der Emanzipation" als eine Ikone der deutschen Frauenbewegung. Sie lebt in Frankfurt am Main, hat vier Enkel und arbeitet nach wie vor als Psychoanalytikerin.

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Das BRIGITTE-Buch "Eine unbeugsame Frau" hat 250 S., kostet 19,95 Euro und ist im Diana Verlag erschienen.

Interview: Kathrin Tsainis und Monika Held Fotos: Gaby Gerster, privat BRIGITTE Heft 8/2007

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