Das muss sich dringend ändern! Warum ich beim Kirchenstreik der Frauen mitmache

Beatix Körner beteiligt sich an der bundesweiten Aktion „Maria 2.0“ - bei dem Streik legen katholische Frauen ihr ehrenamtliches Engagement nieder und setzen keinen Fuß mehr in die Kirche. Warum?

Katholische Frauen treten in den Kirchenstreik – ich bin dabei!

Noch vor etwa einem Jahr haben meine Tochter und ich heftig diskutiert über mein Engagement als Frau in der katholischen Kirche. Sie empfand es als längst überholt, dass Frauen immer noch nicht die gleichen Möglichkeiten wie Männer haben. Das sei gegen das Grundgesetz, der einzige Arbeitgeber in diesem Land, der es sich erlauben durfte, Frauen zu diskriminieren. Sie meinte damals: „Lasst euch das doch nicht länger gefallen. Warum streikt ihr nicht mal?“

Ich wusste, dass sie recht hatte. Ja, wenn das alle Frauen machen würden, dachte ich damals, wären die Kirchen tatsächlich verdammt leer und das ehrenamtliche Engagement könnte in vielen Bereichen einpacken.

Trotzdem plädierte ich für Geduld mit dieser unserer Kirche, die ja nicht nur Europa, sondern auch die Welt im Blick hat. Und in der Welt gab und gibt es Staaten, in denen Gleichberechtigung noch ein Fremdwort ist. Ich wusste, dass die kirchlichen Mühlen langsam mahlen.

Die Missbrauchsfälle waren für mich unerträglich

Dann im Herbst 2018 die Bekanntgabe des Ausmaßes der Missbrauchsfälle von katholischen Priestern in unserer Kirche. Mir war bewusst, dass das Zölibat und auch die Machtstrukturen der Kirche Unheil anrichteten, aber die Zahlen, die veröffentlicht wurden, machten mich maßlos wütend und ohnmächtig.

Dass diese Fälle, hinter denen unzählige Einzelschicksale stecken, auch noch vertuscht wurden, trifft mich bis in mein Innerstes.

Ich hörte mir im Urlaub die Reaktion der Kirche an und mir sind noch am Strand die Tränen gekommen. Ich kann es bis heute nicht fassen, dass ausgerechnet den Kleinsten, die Jesus immer wieder in die Mitte gestellt hatte, so großes Leid angetan wurde. Durch Priester, Amtsträger, denen Menschen Vertrauen geschenkt hatten.

Es gab Tage, da dachte ich, ich müsste dieser Institution Kirche den Rücken kehren. Dann gab es aber wieder ermutigende Mitchristen und auch Priester, die mir zeigten, dass es so viele gibt, die anders handeln und denken als das, was ich da gehört hatte.

Doch eine Entscheidung ist in mir seitdem gewachsen: Die Machtstruktur in unserer Kirche muss sich gravierend ändern! Jetzt!

Die Mühlen haben lange genug langsam gemahlen. Meine Tochter hatte recht! Es gibt viele Statements von unserem Papst, den Bischöfen und in den Gemeinden. Viele leiden wie ich an der Situation. Es gibt Maßnahmen der Diözesen zur Prävention, doch ich erwarte mir von meiner Kirche weit mehr Veränderungen, schnellere und mehr Schritte, die den Machtmissbrauch ausschließen.

Das Zölibat und die Ungleichbehandlung der Frau sind die Wurzeln des Problems

Das muss ein Ende haben. Jetzt. Papst Franziskus gab vielen Hoffnung, als er sich durch viele Aktionen besonders den Armen zuwandte, sich für die Benachteiligten einsetzte, in die Gefängnisse ging, zu den Flüchtlingen, selbst nicht in die Gemächer des Vatikans zog … Aber jetzt muss er sich auch den eigenen Problemen der Kirche stellen. Und zwar schnell.

Kirche, wach auf aus der Starre! Es ist Zeit, dass Machtstrukturen abgebaut werden, dass sich unsere Kirche grundlegend verändert. Und dazu gehört für mich vor allem, dass Frauen Zugang haben zu allen kirchlichen Ämtern, dass Priester ihre Sexualität legal ausleben können und wie wir alle mit einem Partner oder einer Partnerin zusammenleben können.

Mir geht es nicht um eine Machtverschiebung, meine Parole ist nicht: „Frauen an die Macht“. Was ich will, ist Gleichstellung und Gleichwürdigkeit. Ich kenne so viele fähige Frauen, die gerne dazu bereit wären, und die ich mir wunderbar in diesen Ämtern vorstellen könnte. Doch stattdessen klagt die katholische Kirche über mangelnde Bewerbungen von Männern auf die Ämter. Wie absurd!

Deshalb mache ich mit bei der der bundesweiten Aktion „Maria 2.0“, die von Münster ausgeht. Sie ruft katholische Frauen auf, für eine Woche ihr ehrenamtliches Engagement ruhen zu lassen und auch keinen Fuß in ihre Kirche zu setzen. Die Frauen treten für Veränderungen in der Katholischen Kirche ein, einen entschiedeneren Kampf gegen sexuellen Missbrauch und für ein Ende der Ungleichbehandlung. Sie fordern, dass die wichtigen Kirchenämter nicht länger den Männern vorbehalten bleiben.

Ich bin es leid, als Frau Christ zweiter Klasse zu sein!

Was fehlt uns Frauen? Eine Antwort auf unsere wichtigste Frage hat mir bisher niemand geben können: Was ist der Grund, dass man uns Frauen von den Weiheämtern ausschließt? Jede Erklärung dazu, die ich bisher bekam, ist mehr als lächerlich. Die gleiche Würde aller Menschen ist die Grundlage unseres christlichen Glaubens und in der Bibel durch Paulus bezeugt. Da wäre es an der Zeit, auch so zu handeln.

Außerdem wurde in der Bibel bei den ersten Christen schon Frauen erwähnt, die das Amt der Diakonin ausüben (Römer 16,1). Und für die Zeit Jesu hatte besonders er eine ungewöhnliche Offenheit für Frauen, Frauen gehörten gleichberechtigt zu seinen Anhängern. Was in dieser frühen Zeit möglich war, soll 2019 nicht mehr funktionieren? Unglaublich!

Dabei lebt die evangelische Kirche die Gleichberechtigung seit so langer Zeit und auch im Judentum gibt es mittlerweile Rabbinerinnen. Ich selber habe viele Jahre in dieser Kirche gearbeitet, meist in Teams mit nur Männern. Ich hatte großes Glück, mir wurde vieles zugetraut, man ging sehr respektvoll mit mir um, und man gab mir immer das Gefühl, eine Bereicherung zu sein. Doch erstens geht das längst nicht allen Frauen so und zweitens reicht mir Respekt nicht! Ich will nicht nur eine Bereicherung sein, sondern ein VOLLwertiges Mitglied der Kirche. Kein Christ zweiter Klasse. Das ist Unfug, ein Relikt längst vergangener Zeiten.

Für mich selbst ist der Zug mit 65 Jahren abgefahren. Ich hätte mir durchaus vorstellen können, Diakonin zu werden und Menschen in vielen Lebenslagen zu begleiten.

Nach Beerdigungen wurde ich hin und wieder von Familien gefragt, ob ich nicht auch das Enkelkind taufen könnte oder ein Paar trauen könne. Während meiner Zeit in der Krankenhausseelsorge bat man mich, die Krankensalbung zu spenden. Meine armselige Antwort: Als Frau nicht möglich, bis heute! 

Zum Glück gibt es auch Männer in unserer Kirche, die diese Vision teilen. In einigen Gemeinden habe ich Pfarrer erlebt, die ganz bewusst Frauen predigen lassen, die besonders in diesen Tagen das unterstützen, was von der Amtskirche eigentlich nicht genehmigt ist.

Ich gebe die Hoffnung nicht auf!

Mein Einsatz für diese Aktion ist mir deswegen so wichtig, weil ich die Glaubwürdigkeit unserer christlichen Grundsätze in dieser Kirche  wieder erleben möchte. Ich habe den Traum, dass die frohe und befreiende Botschaft, die wir Christen haben, auch das Handeln in der Kirche mehr und mehr bestimmt. Ich träume von einer glaubwürdigen und gemeinsamen christlichen Kirche, die sich für Gerechtigkeit einsetzt und dadurch Vorbild für andere Staaten wird.

Über die Autorin: Die Religionspädagogin Beatrix Körner (65) war 20 Jahre lang als Gemeindereferentin in der katholischen Kirche tätig: in der Krankenhausseelsorge, bei der Erstkommunionvorbereitung und der Gestaltung von Familiengottesdiensten. Außerdem erteilte sie Religionsunterricht, war Wortgottesdienstleiterin und hielt Beerdigungen. Jetzt im Ruhestand übernimmt sie ehrenamtliche Aufgaben. Sie hat vier Kinder und drei Enkelkinder.

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