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"Adoptieren statt Produzieren" Martin Rütter: Warum Second-Hand-Hunde nicht immer eine Schraube locker haben

Hundeprofi Martin Rütter zusammen mit seiner Hündin Emma.
Hundeprofi Martin Rütter zusammen mit seiner Hündin Emma.
© Klaus Grittner
Für viele ist ein:e vierbeinige:r Begleiter:in ein absoluter Lebenstraum. Doch dann steht die Frage im Raum: vom Züchter oder aus dem Tierheim? Noch immer scheuen sich Menschen vor einem Second-Hand-Hund, zu groß ist die Sorge, er könnte ein zu schweres Päckchen mit sich führen. Martin Rütter will damit jetzt aufräumen und hat die Kampagne "Adoptieren statt Produzieren" ins Leben gerufen.

Schaut man in die Storys auf Martin Rütters Instagram Profil, dann klickt man sich seit Wochen durch diverse Fotos von Menschen zusammen mit ihren vierbeinigen Lieblingen – die allermeisten aus dem Tierschutz. Denn ein Hund aus dem Tierschutz bedeutet nicht gleichzeitig, sich einen traumatisierten Hund anzuschaffen – häufig sind die Probleme ganz ähnlich derer, die ihre Hunde bereits seit dem Welpenalter haben.

Die Corona-Pandemie hat den illegalen Welpenhandel noch befeuert

Die Corona-Pandemie hat dazu beigetragen, dass sich immer mehr Menschen einen Hund angeschafft haben. Kurzarbeit, Homeoffice – auf einmal war die Zeit da. Doch nicht wenige haben die Aufgabe unterschätzt, sind überfordert, wenn aus dem flauschigen Babyhund auf einmal ein draufgängerischer Rüpel wird oder waren sich der Kosten nicht bewusst. Viele Tiere landeten wieder in den Tierheimen.

Das Schlimmste an der plötzlichen Tierliebe: Es muss jetzt sofort ein Hund her. Lange bei einem Züchter auf der Warteliste stehen? Viele Gespräche mit den Mitarbeiter:innen im Tierheim führen und mehrmals den zukünftigen Hund besuchen? Dafür haben manche anscheinend nicht die Zeit. Das Ergebnis: Der illegale Welpenhandel boomt. Immer mehr viel zu junge und häufig kranke Welpen kommen nach Deutschland. Es wird das bedient, was die Leute haben wollen – egal ob die Tiere an Qualzuchtmerkmalen wie Hüft- oder Kniegelenksdysplasie leiden, ihnen die Wirbel rausspringen, sie nicht atmen können oder die Augen so groß gezüchtet wurden, dass sie aus den Augenhöhlen fallen.

"Adoptieren statt Produzieren": Gegen den illegalen Welpenhandel für die Aufnahme von Tierschutzhunden

Martin Rütter hat zusammen mit seinem Team nicht nur die Kampagne "Adoptieren statt Produzieren" ins Leben gerufen, sondern sich auf die Suche nach der Quelle des illegalen Welpenhandels begeben. In der Dokumentation "Martin Rütter – Das gnadenlose Geschäft mit den Welpen" zeigen sie, dass der illegale Welpenhandel mittlerweile fast genauso skrupellos und lukrativ ist wie der Drogen- und Waffenhandel.

BRIGITTE hat mit Deutschlands bekanntestem Hundetrainer darüber gesprochen, woher der schlechte Ruf von Tierheimhunden kommt, warum man Zeit und Muße in die Auswahl eines Hundes stecken sollte und worauf bei der Auswahl eines neuen Hundes zu achten ist.

BRIGITTE: Was genau verbirgt sich hinter der Kampagne "Adoptieren statt Produzieren"?

Martin Rütter: Ganz wichtig ist, dass es nicht darum geht zu sagen: Nur Menschen, die einen Hund aus dem Tierschutz holen, sind gute Menschen und die, die sich einen vom Züchter geholt haben, sind schlecht. Das Kernproblem sind nicht die seriösen Hobby-Züchter, die liebevoll ihre Welpen aufziehen, sondern der Handel im Internet und in Zoohandlungen. Denn das, obwohl viele es nicht glauben können, ist in Deutschland noch immer erlaubt.

Wer kann an der Kampagne teilnehmen?

Alle. Wir haben auf Instagram extra einen Sticker erstellt mit "Adoptieren statt Produzieren" und die Leute aufgefordert, sich selbst mit ihren Hunden aus dem Tierschutz zu zeigen. Aber auch Menschen mit einem Hund vom Züchter können sich fotografieren und die Kampagne unterstützen. Man findet den Sticker übrigens, wenn man den Suchbegriff Martin Rütter eingibt.

Was ist die Kernaussage der Kampagne?

Die Kampagne soll im Prinzip aussagen: Leute traut euch, nehmt einen Second-Hand-Hund auch wenn es manchmal mehr Aufwand bedeuten kann, der Twist, der am Ende kommt, wenn der Hund erst einmal in seinem neuen Zuhause angekommen ist, ist einfach zauberhaft. Und auch wenn man sich den besten Hund aus einer Zucht holt und dann nach fünf Jahren mal schaut, wo sie stehen und mit welchen Problemen sie zu tun haben, sind es höchstwahrscheinlich dieselben, als wären sie mit verbundenen Augen durch ein Tierheim gelaufen und hätten sich blind einen Hund ausgesucht. Es kursiert nämlich noch immer der Irrglaube, dass wenn man sich einen Rassewelpen kauft, dann macht sich alles von allein – das ist natürlich totaler Schwachsinn.

Woher kommt denn dieser Irrglaube?

Erstens, weil die meisten Leute denken, dass der Hund, der im Tierheim gelandet ist, wahrscheinlich dort hockt, weil er eine Schraube locker hat und ihn deswegen keiner haben will. Die Leute denken naiverweise, dass nur Hunde im Tierheim landen, die schon mal Probleme gemacht haben. Das ist aber nicht der Fall. Sehr häufig landen Hunde im Tierheim, weil sich Menschen unbedarft einen Hund angeschafft haben und dann relativ schnell gemerkt haben, dass sie mit der Situation überfordert sind. Aber nicht, weil der Hund eine Vollkatastrophe ist, sondern weil den Leuten oft nicht klar ist, wie viel Aufwand es ist, einen Hund zu halten und dass es eben nicht im Vorbeilaufen gemacht ist. Es ist superschön und es macht auch total Spaß, aber es ist gerade in den ersten eineinhalb bis zwei Jahren so, als wenn ein Kind einzieht. Darüber muss man sich im Klaren sein.

Und was ist der zweite Punkt?

Das zweite ist, dass die Menschen im Kopf haben: Wenn ich ein kleines Hundebaby kaufe, dann ist es von Anfang an auf mich geprägt und nur dann habe ich eine feste Bindung zu dem Hund. Ich bin da das beste Gegenbeispiel: Mein erster Hund Mina war ein Golden Retriever aus einer Hobbyzucht und kam als Welpe zu mir. Danach waren alle Hunde aus dem Tierschutz oder Second-Hand. Im Nachgang kann ich nicht mehr feststellen, dass die Bindung zu Mina enger war als zum Beispiel zu Emma. Mina war etwas Besonderes, weil sie mein erster Hund war, deswegen hat sie einen anderen Stellenwert.

Gibt es noch einen dritten Punkt?

Die Leute sind häufig nicht ehrlich zu sich selbst. Sie wollen einfach dieses kleine süße Wesen mit den Kulleraugen haben. Bei kleinen Rassen bleibt dieser Niedlichkeitsfaktor häufiger bestehen. Bei durchschnittlich großen Rassen ist das Welpengesicht innerhalb von ein paar Wochen weg. Ein Labrador oder ein Border Collie ist eben nach drei Monaten im neuen Zuhause kein Baby mehr – weder optisch noch von der Motorik her.

Die Welpenzeit ist relativ kurz.

Genau. Und darüber wollen wir mit der Kampagne aufklären, die Welpenzeit in ein relativ kurzes Vergnügen und die Vorteile stehen überhaupt nicht im Verhältnis dazu, dass wir noch mehr Hunde produzieren. Die Tierheime werden immer voller – ungefähr 75.000 Hunde werden pro Jahr ins Tierheim gebracht, das ist eine wahnsinnige Zahl. Parallel dazu werden rund 200.000 Welpen illegal in den deutschsprachigen Raum gebracht.

Und es sind auch immer mehr junge Hunde, die im Tierheim landen. Ein häufiges Problem ist, dass die Besitzer:innen die Tierarztkosten nicht mehr zahlen können. Gerade bei den Moderassen wie dem Mops, der Französischen Bulldogge oder dem Cavalier King Charles können diese nämlich extrem hoch ausfallen.

Und genau das sind die Tiere, die wir meinen. Diese Tiere werden zum Beispiel auch für Zoohandlungen produziert oder illegal nach Deutschland gebracht.

Zoohandlungen bekommen ihre Hunde auch aus diesen Produktionen?

Ja, auch das gibt es. Das muss man sich mal vorstellen, da geht man rein wie in einem Supermarkt. Da stehen Dutzende Käfige einfach nebeneinander und die Welpen sitzen da drin. Diese Hunde machen natürlich keine gesunde Entwicklung durch. Die werden viel zu früh von den Elterntieren getrennt. Denen es im Übrigen auch einfach nur elendig geht. Die Muttertiere leben circa acht Jahre in einem Verschlag und bekommen zwei, drei Würfe im Jahr. Wenn die Muttertiere „fertig produziert“ haben, dann setzt man sie einfach aus und lässt sie verhungern.

Ich kann es wirklich total verstehen, dass sich Menschen einen Welpen anschaffen wollen. Aber ich finde, dass zumindest einmal der Gedanke aufkommen sollte, ob es nicht vielleicht eine Alternative gibt.

Nur können es viele nicht abwarten und holen sich dann einen Welpen aus dem Internet, der vielleicht sogar noch aus einem Kofferraum heraus verkauft wird. Gerade im illegalen Welpenhandel werden die Trends abgebildet, daher landen immer mehr Tiere mit Qualzuchtmerkmalen wie die Französische Bulldogge oder der Mops in Deutschland.

Genau, aber auch Hunde wie der Dobermann. 50 Prozent der Dobermänner sterben qualvoll an einer Herzerkrankung. Es gibt in Deutschland auch nicht einen gesunden Mops oder eine gesunde Französische Bulldogge, keine. Wenn die dann tatsächlich mal ein bisschen besser atmen können, dann fliegen ihnen die Kniescheiben und Wirbel raus.

Ein Hund aus dem Tierschutz kann aber natürlich schon sein Päckchen mit sich rumschleppen. Worauf sollten denn jetzt vor allem Familien achten, wenn sie sich einen Tierschutzhund holen wollen?

Ganz wichtig: Wenn ein Tierschutzverein sagt, dass man den Hund direkt heute mitnehmen kann, dann sollte man sofort die Finger davon lassen. Das macht kein seriöser Verein. Leider gibt es auch im Tierschutz schwarze Schafe, die eigentlich Händler sind und sich als Tierschützer tarnen. Wenn Kinder in der Familie sind, dann würde ich den ersten Kontakt nie mit den Kindern zusammen machen. Erst mal sollten sich die Eltern allein ein Bild machen und erst dann den Kindern den Hund präsentieren, der schon in der engeren Auswahl ist. Die Entscheidung muss so rational getroffen werden wie irgendwie möglich. Man sollte auch sehr genau mit Tierschützern oder Pflegern sprechen, um zu schauen, ob der Hund auch wirklich in die Familie passt. Und vor allem sollte man den Mut haben, zu sagen, wenn es für einen doch nicht so optimal ist.

Was halten Sie von dem Trend, dass sich viele einen Hund aus dem Ausland holen und diesen vorher noch nie gesehen haben?

Eine Entscheidung anhand eines Fotos zu treffen, das ist grundlegend falsch. Denn du kannst ja nichts über das Verhalten erfahren. Na klar werden die beschrieben und man sieht auch mal Videos, aber das ist kein Vergleich zu einem persönlichen Treffen. Trotzdem hat der Auslandstierschutz durchaus seine Berechtigung.

Gibt es noch einen guten Tipp in Bezug auf das Aussuchen eines Tierschutzhundes?

Jede seriöse Hundeschule bietet es an, die zukünftigen Hundehalter ins Tierheim zu begleiten. Sie können die Hunde dann testen, schauen, ob der Hund wirklich in die Familie passt oder welche Schwierigkeiten auf sie zukommen könnten.

Und worauf muss man bei einem:einer seriösen Züchter:in achten?  

Ein Züchter sollte nur eine Rasse haben, damit fängt es an. In dem Moment, wo der Züchter sagt, er hat einen Schäferhund, einen Pudel und einen Dackel, ist er kein Züchter mehr, sondern ein Händler. Zwei Würfe parallel ist auch kein gutes Zeichen für einen seriösen Züchter. Man kann sich gerne beim VDH (Verband für das Deutsche Hundewesen) umschauen, da ist die Wahrscheinlichkeit sehr gering, auf unseriöse Züchter zu treffen. Ein seriöser Züchter wird auch niemals einen Welpen übers Telefon verkaufen, er wird immer auf ein persönliches Treffen bestehen und einen viel über das eigene Leben ausfragen. Bei den Besuchen sollte die Mutterhündin immer vor Ort sein. Sobald man Ausreden hört, wie: Die Hündin ist gerade bei den Nachbarn oder sie ist krank und ist in Quarantäne, dann sollte man von einem Kauf absehen.

Informationen zur Dokumentation "Martin Rütter – Das gnadenlose Geschäft mit den Welpen"

5. April 2022, 20.15 Uhr auf VOX

Zum Inhalt: Mit der Unterstützung von zwei Tierschützerinnen und einer Tierärztin möchte Martin Rütter den Zuschauer:innen bewusst machen, wie groß das Geschäft mit den ganz Kleinen tatsächlich ist: „Meine Reise beginnt in Frankfurt. Dort werde ich erfahren, wie der Welpenhandel auf der Straße abläuft. Dafür treffe ich mich mit zwei Frauen, die Expertinnen im Aufspüren von unseriösen Welpenhändlern sind: VIER-PFOTEN-Tierschützerin Birgitt Thiesmann und Tierärztin Kirsten Tönnies.“ Wie läuft ein illegaler Verkauf ab? Wo sind die Drahtzieher? Warum dürfen Hunde noch immer in Zoohandlungen verkauft werden und wie sollte eine richtige Zucht eigentlich aussehen?

Brigitte

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