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Höhenflug & Bruchlandung Das irre Leben des Kreml-Fliegers Mathias Rust - wie ging es mit ihm weiter?

Der Teenager Mathias Rust landete im Mai 1987 mit einer gemieteten Cessna beim Roten Platz – und beeinflusste den Gang der Geschichte
Der Teenager Mathias Rust landete im Mai 1987 mit einer gemieteten Cessna beim Roten Platz – und beeinflusste den Gang der Geschichte
© Lehtikuva Oy PODD / Picture Alliance
In einer halsbrecherischen Aktion flog Mathias Rust vor 35 Jahren mit einem Sportflugzeug nach Moskau – mitten im Kalten Krieg. Doch sein Traum vom Weltfrieden liegt heute in Trümmern. 

Fliegen für den Frieden: Am 28. Mai 1987 landete ein ehemaliger Realschüler aus der Nähe von Hamburg mit einer gemieteten Cessna neben dem Roten Platz. Enttäuscht vom Scheitern der Abrüstungsgespräche zwischen Kreml-Chef Michail Gorbatschow und US-Präsident Ronald Reagan, wollte Mathias Rust mit seinem Flug zur Völkerverständigung beitragen. "Ich dachte, ich muss ein Zeichen setzen und kam auf die Idee, mit der Cessna eine imaginäre Brücke zwischen West und Ost zu schlagen", sagte er der "Bild am Sonntag". 

Der Rust-Flug spielte Gorbatschow in die Karten

Mit seiner spektakulären Tat schrieb der Teenager mitten im Kalten Krieg Geschichte: Weil das sowjetische Militär den 19-Jährigen nicht daran gehindert hatte, ins Zentrum der Sowjetunion vorzudringen, nutzte Gorbatschow die Gunst der Stunde, und entließ seinen Verteidigungsminister und all jene Generäle, die sich seiner Perestroika-Politik widersetzten. Damit wurde der Weg für eine Annäherung an den Westen geebnet. Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) spricht sogar davon, dass Mathias Rust "das Ende der Sowjetunion eingeläutet" habe.

Mathias Rust am 2.September 1987 vor Gericht in Moskau
Mathias Rust am 2.September 1987 vor Gericht in Moskau
© ITAR-TASS / imago images

Doch war der bieder daherkommende Teenager dreist, mutig oder einfach nur naiv? Naiv allemal: Um den friedlichen Charakter seiner Mission zu unterstreichen, hatte er an seinem Flugzeug ein selbst entworfenes Logo angebracht, einen Tropfen auf drei Beinen. Die Spitze des Tropfens sollte den Himmel, der Bauch die Erde und die drei Beine Frieden, Freiheit und Hoffnung darstellen. Weil der junge Mann aus Wedel eine Weltmacht blamiert hatte, bezahlte er seine Friedensmission trotzdem mit 14 Monaten Gefängnis.

Yoga, Poker, Autorennen - und viel kriminelle Energie

Zurück in Deutschland wurde aus dem selbsternannten "Friedensbotschafter" bald ein Gewalttäter. Weil Stefanie W. sich geweigert hatte, ihn zu küssen, stach Rust als Zivildienstleistender die Schwesternschülerin nieder. Er wurde zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt, kam nach 15 Monaten aber wieder frei.

Später wurde er beim Diebstahl eines Kaschmir-Pullovers erwischt, stellte ungedeckte Schecks aus, und soll den Inhaber einer Hamburger Yoga-Schule, an der er sich 2011 zum Yoga-Lehrer ausbilden ließ, um die Kursgebühren geprellt haben. 

2012 sagte Rust, er habe ausgesorgt. Nach eigenen Angaben lebte er als Finanzanalyst in der Schweiz und plante die Eröffnung einer Yoga-Schule. Danach verläuft sich seine Spur. Angeblich verdient er bis heute viel Geld mit Pokern. Er soll in Estland leben und dort auch Boots- und Autorennen veranstalten. Seine beiden Ehen scheiterten.

Mathias Rust - was ist aus ihm geworden?
Mathias Rust 2012 in der Talkshow von Markus Lanz
© rtn - radio tele nord | rtn, ulrike blitzner / Picture Alliance

Ob Spinner, Weltverbesserer oder Größenwahnsinniger: Rust beteuerte damals, er habe mit seinem Flug der Menschheit den Weltfrieden bringen wollen. Doch wie wir heute wissen, blieb Rusts Vision ein frommer Wunsch. 35 Jahre später sitzt mit Wladimir Putin ein Mann im Kreml, der wieder von einem russischen Großreich träumt – und für diese Vision weder Angriffskriege noch grausamste Kriegsverbrechen scheut.

Verwendete Quellen: Spiegel, Welt, Wikipedia, taz, MDR, Bild am Sonntag

Brigitte

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