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Jugendschutz: Vagina-Fotos und die falsche Scham


Ein Detailfoto einer Vagina verstößt gegen den Jugendschutz - wieso eigentlich? Eine australische Uni-Zeitung löst mit einem Protest-Artikel eine weltweite Debatte aus.
Jugendschutz: Vagina-Fotos und die falsche Scham
© ssuaphoto/istockphoto.com

"Warum ist ein Foto einer Vagina eigentlich unsittlich?" Diese Frage stellte sich die Redaktion von "Honi Soit", einer Zeitung, die von Studenten der University of Sydney herausgegeben wird. Die Rechtslage in Australien ist strikt: Gibt es ein "Detail" einer Vagina zu sehen, so gilt das Foto als harte Pornografie und darf nur unter entsprechenden Einschränkungen vertrieben werden. Was genau als anstößiges Detail gilt, wird je nach Fall unterschiedlich entschieden. Aber selbst bei Herrenmagazinen wie "Penthouse" ist es Standard, per Photoshop nur einen dünnen, dezenten Strich an den gezeigten Models zu lassen. Eine Praxis, gegen die "Honi Soit" ein Zeichen setzen wollte.

Ähnliche Jugendschutzgesetze gelten in den meisten Ländern. Auch in Deutschland ist ein Foto, auf dem eine Vulva zu erkennen ist, "unsittlich" und verstößt gegen den Paragrafen 184 zur Verbreitung pornografischer Schriften. Selbst wenn es gar nicht um Sex geht, ist eine sichtbare Schamlippe Pornografie; wer diese Regel missachtet, wird mit Geldstrafe oder gar Gefängnis bestraft. Bei einem Penis gibt es übrigens mehr Spielraum: Solange er nicht erigiert ist, ist grundsätzlich alles okay. "Feuchtgebiete", der aktuell mit einer FSK-16-Freigabe im Kino läuft, zeigt Männer, die sich vor der Kamera befriedigen - inklusive sichtbar nicht vorgetäuschtem Orgasmus (mehr zu möglichen Gründen der Freigabe hier).

Beim Jugendschutz scheint man sich einig: Zu deutlich gezeigte weibliche Geschlechtsteile sind eher pornografisch als männliche. Wer keinen Ärger riskieren will, bearbeitet seine Fotos besser so nach, dass die gezeigten Frauen wie zugenähte Hosentaschen aussehen. Ist ein Körperteil aber ausschließlich in einer digital verfremdeten Darstellung zu sehen, verändert sich natürlich dessen Wahrnehmung. Die Folge: Immer mehr Frauen wachsen mit dem Gefühl auf, sie seien nicht ganz normal. Die Zahl der Intim-OPs wächst seit Jahren.

Hannah Ryan, "Honi Soit"
Hannah Ryan, "Honi Soit"
© privat

Hannah Ryan, eine der Herausgeberinnen der Uni-Zeitung "Honi Soit" , hatte die künstlichen Bilder und das gestörte Verhältnis zum weiblichen Körper satt. Die Redaktion setzte ein Zeichen: "Honi Soit" produzierte einen Artikel zum Thema und machte ihn zur Titelstory. 18 Vaginas waren auf dem Cover einer August-Ausgabe zu sehen. Ungeschönt. Unrasiert. Einfach ein Körperteil wie jedes andere.

Allerdings: Bußgelder oder Haftstrafen wollte die Redaktion mit ihrem Protest auch nicht auf sich nehmen und überdeckte die Schamlippen auf dem Titel mit schwarzen Balken. Kurz vor dem Vertrieb der Ausgabe zeigte sich: Die Zensurbalken waren nicht massiv genug. Wer genau hinguckte, konnte darunter immer noch Schamlippen sehen. "Plötzlich hatten wir Angst, dass wir uns strafbar gemacht haben könnten", sagte Hannah Ryan BRIGITTE.de. "Wobei wir dachten, dass mit dem Gesetz etwas nicht stimmen kann, wenn wir jetzt tatsächlich ein Verbrechen begangen haben sollten." Die Rechtsabteilung des "Student Representative Council", der die Zeitung vertreibt, ließ die gesamte Auflage lieber wieder einsammeln, bevor es zur Strafanzeige kommen konnte.

"Honi Soit"-Cover: Auch mit schwarzen Balken "unsittlich"?
"Honi Soit"-Cover: Auch mit schwarzen Balken "unsittlich"?
© Jennifer Yiu

Frustriert veröffentlichte die Redaktion eine Stellungnahme auf Facebook: "Wir haben es satt, dass Vaginas entweder künstlich übersexualisiert oder stigmatisiert werden", hieß es dort und: "Wage nicht, mir zu sagen, dass mein Körper dich stört."

Auch die fotografierten Frauen meldeten sich zu Wort, eine schrieb in ihrem Blog: "Kaum jemand weiß doch, wie eine Vagina aussieht. Keine nachbearbeitete oder Pornodarstellerinnen-Vagina. Eine ECHTE." Der Online-Protest schlug große Wellen, die Geschichte ging durch die sozialen Netzwerke um die ganze Welt und wurde nach und nach von immer mehr Medien aufgegriffen. "Die Reaktion war überwältigend positiv. Viele haben uns plötzlich unterstützt und sich für das Cover bedankt", sagt Hannah Ryan. Die Frage "Warum ist das Bild eines Körperteils unsittlich?" wurde die vermutlich meistdiskutierte Uni-Zeitungs-Coverstory aller Zeiten.

Sind die Herausgeber im Nachhinein sogar froh über die Zensur? "Auf jeden Fall", sagt Ryan. "Viele Frauen haben uns geschrieben, dass sie nie zuvor eine fremde Vulva gesehen haben und jetzt zum ersten Mal entdecken, dass ihre Körper in Wahrheit völlig normal sind. Hoffentlich können wir den angefangenen Dialog weiter am Laufen halten. Es geht ja nicht nur um Zensur, sondern auch um unsere Sicht auf den weiblichen Körper, und was man da verbessern kann." Und noch etwas hat die weltweite Aufmerksamkeit bewirkt: Die Ausgabe von "Honi Soit" wurde mittlerweile doch ausgeliefert, in zwei Versionen: entweder ohne das anstößige Cover - oder in einer blickdichten Plastikhülle.


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