Frisch, unverpackt, regional: Ernte dein Gemüse doch einfach selbst!

Frisches Gemüse essen und dabei etwas für die Umwelt tun? Das macht "Meine Ernte“ möglich. Unsere Redakteurin besuchte einen Gemüsegarten, in dem du dir dein eigenes Beet mieten kannst.

Über den Feldern liegt noch der letzte Nebel, als ich in Glashütte ankomme. Innerhalb 45 Autominuten habe ich den Straßenlärm der Hamburger Großstadt gegen ein einsames Schafblöken getauscht. 

Als ich mich gerade frage, wie ich auf dem riesigen Rehders-Hof bloß zurechtfinden soll, kommt mir eine junge, blonde Frau mit Schubkarre entgegen. Sie strahlt. "Ich bin Kathrin Rehders". Wir geben uns die Hand über einem Haufen Mist.

Kathrin Rehders, 28, leitet den Bauernhof

Kathrin ist gerade einmal 28 Jahre alt und bereits verantwortlich für Pferde, Hühner, Schafe, Bienen, zwei Esel und rund 85 Hektar Land. Die Landwirtin und studierte Bauernhofpädagogin hat den Familienbetrieb in siebter Generation von ihren Eltern übernommen. Das erzählt mir Kathrin, während wir die Schafe besuchen, die sie einst selbst mit dem Fläschchen aufgezogen hat und aus deren Wolle ihre Mutter Decken strickt.

"Wir nutzen alles vom Tier, wir könnten uns fast selbst versorgen", berichtet Kathrin und macht mit mir noch einen Abstecher zu den Hühnern (für die man übrigens Patenschaften übernehmen kann), bevor wir uns dem Teil des Hofs widmen, wegen dem ich eigentlich hier bin: dem Gemüsegarten. 

"Meine Ernte" in Norderstedt: 100 Beete à 45 Quadratmeter

Unterbrochen vom Grunzen der benachbarten Schweine erfahre ich, dass hier saisonweise rund 100 Beete vermietet werden. Jedes hat eine Fläche von 45 Quadratmetern, die Miete läuft über den Anbieter Meine Ernte, zu dem bundesweit rund 50 Höfe gehören.

Das Konzept: Gärtnern ohne eigenen Garten. Und dabei frisches Gemüse aus der Region ernten. Der Naturbezug kombiniert mit frischem Ertrag kommt an.

Hier gärtnern Senioren neben Studenten

"Wir haben alle Altersgruppen hier", erzählt Kathrin Rehders mir, als wir den Weg neben den Gartenparzellen entlang spazieren, "Senioren, die früher ein Haus hatten und jetzt das Gärtnern vermissen, WGs, die sich das Beet teilen, Familien und Kinder, die ein Beet zum Geburtstag bekommen haben."

Erst vor kurzem waren ein paar Teenager auf dem Hof, die ihre Roller für ein Stunde gegen Gartenwerkzeug tauschten. Wer ein Beet mietet, muss es auch pflegen. Für die Bewässerung, Düngung und Ernte sind die Mieter selbst verantwortlich. Kathrin ist lediglich für die Saat zuständig. "Natürlich fragt man mal nach oder gibt Tipps, wenn man sieht, dass es nicht so läuft", steht die Landwirtin zu Hilfe. Oft wird diese jedoch gar nicht gebraucht. Ist man im Urlaub oder schafft es nicht, zu gärtnern, springen Beet-Nachbarn ein. Zwischen Bohnen und Rhabarber entstehen nicht nur ein neuer Bezug zur Natur, sondern auch Freundschaften.

Tausche Smartphone gegen Gartenkralle

Die Mieter können kommen und gehen, wann sie wollen. Rund ein bis zwei Stunden Gartenpflege sollte wöchentlich einberechnet werden. Was in dieser Zeit an Arbeit anfällt, darf ich selbst herausfinden. Zwischen Roter Bete und Möhren gehe ich in die Hocke, um Unkraut zu jäten, wobei ich fast die Zwiebeln übersehe.

Wer ein Beet mietet, lernt nicht nur etwas über Landwirtschaft, sondern überhaupt zu unterscheiden, was Unkraut und was Gemüse ist. Dass diese Fähigkeit in der Stadt schnell verloren geht, muss ich mir, trotz eigenem Gartenbezug, selbst eingestehen. Immer wieder frage ich nach, ob ich hier auch wirklich weiterhacken darf, um dabei nicht das falsche Grünzeug zu entwurzeln. Dabei plaudere ich mit Kathrin, die mir erzählt, dass der Hof ein Herzensprojekt ist. Sie will den Menschen den Zugang zu regionalen Lebensmitteln wieder näherbringen. 

Regional, unverpackt und bewusst konsumieren

"Die Menschen leben im Überfluss, sie sind es gewohnt, immer alles sofort zu bekommen. Da reicht es, mit dem Finger zu schnippsen", erzählt die Landwirtin mir. Sie selbst ginge nicht in den Supermarkt, sondern kaufe nur auf dem Markt ein. Dort weiß sie, wo ihr Gemüse herkommt. Die Regionalität ist auch ein Aspekt, den die Mieter der Gartenparzelle wieder zu schätzen lernen. Ihre Ernte hat keine langen Transportwege hinter sich, auch kommt es nackt und frisch, statt in Plastik verpackt, in ihre Hände. Geerntet wird nur das, was man braucht. Der Rest kann weiter wachsen. 

Obwohl die Erntesaison sich bei meinem Besuch schon dem Ende neigt, ist der Gemüsegarten noch bunt. Von Artischocke bis Zucchini ist auf den Beeten alles zu finden, was das Herz begehrt. Viele Mieter kommen bereits seit dem Beginn des Meine-Ernte-Projekts vor acht Jahren auf den Hof Rehders. Über den Winter haben sie Pause, während sich die Nachbarsschweine freuen. Sie feiern ein Fest aus Resten und wühlen die Beete gleich für das Frühjahr auf.

Gärtnern für die Ernte, das Gewissen – und das Gefühl

Auch ich habe fertig gewühlt und fühle mich mit Dreck unter den Fingernägeln plötzlich richtig gut. Innerhalb kurzer Zeit kann ich nachempfinden, wieso Menschen sich hier einen Gemüsegarten mieten. Nicht nur, um regionales, frisches und umweltfreundliches Gemüse zu ernten. Sondern auch um wieder etwas zu schaffen, zu gärtnern, in der Natur zu sein. Dieses Gefühl möchte Kathrin auch den Menschen ermöglichen, die zuhause keinen eigenen Garten haben. Meine Ernte ist nur eines ihrer Projekte. Nebenbei betreut sie Kindergeburtstage, Eseltouren und den Erlebnisbauernhof für Kinder. All das stellt die 28-Jährige alleine mit einem Mitarbeiter auf die Beine.

Das Leben als Landwirtin ist nicht leicht, wird mir bewusst. Noch kann Kathrin von den Erlösen nicht leben. Doch ihr Ziel ist es nicht, mit dem Hof irgendwann reich zu werden. Als ich sie frage, wofür sie die ganze Arbeit macht, muss Kathrin nicht eine Sekunde nachdenken:

Mein Traum ist, dass Menschen wieder den Bezug zur Natur finden und wissen, wo ihre Lebensmittel herkommen und was Landwirte jeden Tag für sie tun.

Du möchtest auch anfangen, regional zu kochen? Hier findest du die leckersten Rezepte mit heimischem Gemüse und Tipps, wie regional einkaufen ganz einfach wird.

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