Stress in der Grundschule: Wo bleibt der Spaß am Lernen?

Jeder dritte Grundschüler hat Stress in der Grundschule, ergab eine neue Studie des Kinderschutzbundes. Wo ist bloß der Spaß am Lernen geblieben, fragt sich eine BRIGITTE-Mitarbeiterin.

Letzte Woche war es wieder soweit: Lernentwicklungsgespräch (LEG) in der Klasse 4 b. Das hört sich leider genauso schlimm an, wie es ist: Ähnlich einem Personalentwicklungsgespräch sitzen die Lehrer auf der einen Seite des Tisches und legen die Ziele ("Du musst fleißiger sein!" "Dich besser konzentrieren!") für das nächste Jahr fest, auf der anderen Seite nickt der Schüler brav – in diesem Fall mein Sohn. Nick war an diesem Morgen schon um 6 Uhr aufgewacht. Er hatte sein Frühstück verweigert und offenbar vergessen, wie man spricht. Das passiert ihm sonst nicht so oft, aber schließlich ging es um nicht weniger als die Empfehlung fürs Gymnasium – und die wollte er sogar noch mehr als den iPod-Touch, der auf seinem Weihnachtswunschzettel ganz oben steht.

Damit ist er übrigens nicht allein: Als die Schüler seiner Klasse im August auf kleinen blauen Zetteln in niedlicher Wolkenform notieren sollten, was sie sich für das kommende Schuljahr wünschen, standen dort Dinge wie: Erfolg, Gymnasium, gute Noten. Nur ein Kind hatte "Spaß" geschrieben.

Mir wurde ein wenig angst und bange, als ich vor dieser pastelligen Wolken-Wand stand, einer Manifestation unserer Leistungsgesellschaft. Bin ich womöglich Mitschuld daran, raste es mir durch den Kopf, dass mein Sohn jetzt schon so unter Druck steht? Habe ich zu oft gesagt, dass mit dem Abitur alle Türen offen stehen? Oder ist der Schule einfach der Spaß abhanden gekommen? Eine neue Studie des Deutschen Kinderschutzbundes bestätigt diesen Eindruck: Jeder dritte Schüler zwischen sieben und neun Jahren klagt bereits über Stress in der Grundschule. Das Fazit: Hausaufgaben, Unterricht und Leistungsdruck überlasten viele Schüler, die dringend nötige Zeit für Erholung fehlt.

Nick hat eigentlich nie Lust auf Schule. Montags schimpft er beim Wecken: "Schon wieder Schule? Wann ist endlich wieder Wochenende?" Nachmittags geht das Gemecker weiter, wenn er über den Hausaufgaben sitzt. Ich kann das verstehen. Seit der dritten Klasse muss er Referate und Präsentationen halten. Die Rückmeldungen sind oft fordernd und negativ. Unter einem Aufsatz über Gespenster stand: "Du verwendest zu wenige Adjektive. Der Text hat keine Struktur. Gib Dir beim nächsten Mal mehr Mühe." Da war Nick 8. In einem früheren LEG hat seine Lehrerin kritisiert, er würde nicht genug freiwillige Aufgaben lösen, er sei nicht fleißig genug. Was genau hat sie eigentlich an dem Wort freiwillig nicht verstanden? Und reicht es nicht, wenn ein Viertklässler in der Woche vier Stunden Hausaufgaben macht? Meine Freundin, die zurzeit mit ihrer Familie in Neuseeland lebt, schrieb mir neulich in einer Mail, wie gerne ihre neunjährige Tochter dort zur Schule gehe. "Sie steht schon morgens mit einem Lächeln auf und will sofort los. Vielleicht kann sie nicht so gut rechnen wie ihre deutschen Freundinnen, aber dafür hat sie eindeutig sehr viel Spaß am Lernen."

Freude am Lernen ist genau das, was ich mir für meine Söhne auch wünsche. Ein bisschen mehr: Neugier auf Unbekanntes, spielerisches Ausprobieren, Lob, Anregung und Kreativität. Und etwas weniger: vollgepackte Lernpläne, durchstrukturierte Schulstunden, Druck und Kritik.

Nicks bester Freund hat übrigens eine Stunde lang nach dem LEG geweint. Er hat keine Empfehlung fürs Gymnasium bekommen und musste sich anhören, was ihm alles fehlt. "Dann kann er auch nicht Arzt werden", lautete Nicks lapidarer Kommentar. Wo um himmelswillen hat er das bloß aufgeschnappt?

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