Rettung einer Sex-Sklavin: Nitas bewegende Geschichte

Nita aus Kambodscha ging nach China, weil sie in einer Fabrik arbeiten wollte. Doch sie wurde von Menschenhändlern verkauft und versklavt. Unsere Kollegin Meike Dinklage hat sie getroffen - die Geschichte einer dramatischen Rettung.

Der Weg der Schwestern Nita und Thida in die Sklaverei beginnt an einem Freitag im Frühjahr 2013 mit einem Gespräch zwischen zwei Frauen, die zufällig zusammen in einem Überlandbus von Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh nach Battambang im Nordwesten reisen. "Du siehst traurig aus", sagt die fremde Frau zu Thida, die unterwegs nach Hause ist, zu ihren Eltern und ihrer Schwester Nita. "Quält dich etwas?"

Sechs Stunden dauert die Fahrt, 300 Kilometer, Thida erzählt von ihrem schlecht bezahlten Job in einem Straßenrestaurant in Phnom Penh und von den Eltern, die die Pacht für ihren Acker nicht bezahlen können, weil die Ernte schlecht war.

Die Frau sagt: "Willst du einen besseren Job? Ich habe Kontakte." Sie erzählt ihr von den Fabriken in China, die Schneiderinnen einen guten Monatslohn bezahlen. Sie gibt ihr einen Zettel mit ihrer Nummer. Thida steckt ihn in die Tasche ihrer Jeans. Sie überlegt zwei Monate lang. Dann ruft sie an.

Ein beiläufiges Gespräch, die Hoffnung auf eine Arbeit, die genug einbringt, um die Familie zu unterstützen - so geraten zehntausende Kambodschaner jedes Jahr in die Hände von Menschenhändlern.

Sie ahnten, dass es ein Risiko ist. Sie gingen trotzdem.

Auch Thida, 34, und ihre Schwester Nita, 20. Sie ahnten, dass es ein Risiko ist, sich ins Ausland vermitteln zu lassen. Sie gingen trotzdem. Sie sahen keinen anderen Ausweg.

Etwa zehn bis zwölf Prozent der 15 Millionen Kambodschaner verdienen ihr Geld im Ausland. Sie gehen vor allem ins wirtschaftlich stabilere Thailand, aber auch nach China und Malaysia, um dort in Fabriken, auf Plantagen oder dem Bau zu arbeiten, oder auf den Kuttern, die illegal vor den Küsten fischen. Viele gehen mit offiziellen Papieren und erhalten von den Vermittlern den zugesagten Lohn; meist mehr als das Doppelte von dem, was sie für die gleiche Arbeit in Kambodscha verdient hätten, zehn statt drei bis fünf Dollar am Tag. Dafür schieben sie 14-Stunden-Schichten, sieben Tage die Woche, schlafen in Verschlägen oder unter Plastikplanen. Andere machen sich auf eigene Faust auf.

Wer an einen Menschenhändler gerät, muss meist gleich nach der Ankunft den Pass abgeben, die Frauen werden wie Arbeitssklaven verkauft, als Hausmädchen, die dann drei, vier Haushalte am Tag versorgen müssen, ohne je Geld dafür zu bekommen. Bei vielen verliert sich irgendwo die Spur.

Nicht nur ihre Arbeitsleistung wurde verkauft, auch ihre Körper

Thida und Nita haben es zurück nach Hause geschafft. An einem heißen Tag im Mai, kurz vor Beginn der Regenzeit, sitzen sie im Haus ihrer Eltern auf einer Strohmatte, Nita in einem langen karierten Hemd und schwarzen Leggings, ein Rüschenkissen aus rotem Samt auf ihrem Schoß, Thida in einem grünen Kleid, ihr Gesicht hat sie gebleicht, was als schön gilt in Kambodscha.

Das Haus liegt in einem Dorf 60 Kilometer nordwestlich von Kambodschas zweitgrößter Stadt Battambang an einer unbefestigten Straße zwischen Reisfeldern, die jetzt abgeerntet sind. Es hat einen gemauerten Sockel, ein gutes Haus neben den einfachen Stelzenhütten in der Nachbarschaft.

Nita in der Waschküche

Der Vater der Schwestern hockt schweigend im Fersensitz auf dem Boden. Seine Frau Pha, 49, ist zehn Jahre jünger und das Zentrum der Familie. Thida und Nita heißen in Wahrheit anders, aber sie haben sich diese Namen ausgesucht, aus der irrealen Angst, dass die Chinesen sie finden könnten, dass sie, wenn sie ihre Geschichte erzählen, eine Spur legen, auf der die Verletzungen der schlimmsten Monate ihres Lebens in ihr jetziges Leben einbrechen könnten.

Die Geschichte der beiden Frauen ist selbst für kambodschanische Verhältnisse extrem, weil sich in ihr die Ausbeutung potenziert. Nicht nur ihre Arbeitsleistung wurde verkauft, auch ihre Körper.

August 2013. Zwei Monate war Thida schon in China, da sagte Nita, sie wolle auch gehen. Geld verdienen, damit ihrer Familie der Acker nicht genommen würde. Erst waren die Eltern dagegen, sie hatten noch nichts von Thida gehört, sie wussten nicht, wie es ihr geht. Aber dann stimmten sie zu.

Sie wusste nicht, wo Peking überhaupt liegt

Nita rief die Frau aus dem Bus an. Die besorgte ihr den Pass, drei Monate dauert das normalerweise, aber die Frau hatte die Unterlagen schon nach einer Woche zusammen. Einen Tag, bevor es losging, bekam Nita den Anruf von ihr. Sie packte ihre Kleider in einen Koffer, fuhr nach Phnom Penh und stieg in ein Flugzeug nach Peking. Sie wusste nicht, wo Peking überhaupt liegt, sie wusste nur: China.

Nita, auf ihrer Strohmatte, schaut jetzt zu ihrer Mutter, Pha, die so besonnen wirkt, dass man spürt, dass sie ihre Töchter stabilisieren und zugleich entschlossen um sie kämpfen kann. Sie steht auf, öffnet alle Fenster, draußen kündigt kühlerer Wind ein Gewitter an. Der Wind bewegt die Blätter der vergoldeten Zweige, die die sechs mit Opferschalen und Buddha-Bildern dekorierten Hausaltäre schmücken, für jedes der sechs Kinder der Familie einer. Nita knautscht das Kissen, Pha erzählt für sie weiter.

Nitas Mutter Pha (r.) sorgte dafür, dass die Behörden ihre Töchter suchten.

Am Flughafen in Peking holte sie ein Chinese ab, sie fuhren einen Tag und eine Nacht. Nita dachte, zur Fabrik, aber dann, am Ziel, nahm der Mann sie mit in sein Haus. Er forderte ihre Papiere, sagte, er brauche sie für die Arbeitsgenehmigung. Die Frau des Chinesen sprach Nitas Sprache, aber Nita wagte nicht, sie etwas zu fragen.

Nach einer Woche brachte der Mann sie in ein vier Stunden entferntes Dorf und übergab sie dort einem Paar mit einem 28-jährigen Sohn. Die Vergewaltigungen begannen gleich am ersten Tag.

Nita wurde in ein Zimmer gesperrt, dort blieb sie eine Woche. Dann brachte man sie in ein Büro, ein Beamter machte ein Foto von ihr, das er auf ein Dokument klebte, so groß wie ein Reisepass. Sie sollte unterschreiben, Nita weinte und sagte den Beamten, sie wolle nach Hause, aber die chinesische Familie drohte ihr, sie komme ins Gefängnis, wenn sie sich weigere, sie sei illegal im Land. So wurde Nita die Frau eines Chinesen. Jeden Tag vergewaltigte er sie, an vielen Tagen auch der Vater. Manchmal spielte ihr die Schwiegermutter Pornos vor und zwang sie, sie mit ihrem Sohn nachzuspielen, und sah dabei zu.

All das erzählt Pha leise und gefasst. Manchmal wedelt sie sich mit einem Fächer Luft zu. Sie sitzt aufrecht, schaut nicht zu Boden, sie schaut auch Nita nicht an, es ist jetzt ihre Geschichte, weil es die Geschichte ihrer Tochter ist.

Arbeiten rund um die Uhr, nachts Vergewaltigungen

Nita arbeitete fast rund um die Uhr. Morgens um fünf stand sie auf, kochte Reis, wusch Wäsche, ging um sieben in die Kleiderfabrik, saß 12 Stunden zwischen Frauen, die sie nicht verstand. Nach der Arbeit machte sie das Abendessen, wusch ab, legte sich auf den Boden und schlief, wenn die Männer von ihr abließen.

Die 300 Dollar, die sie im Monat in der Fabrik verdiente, nahm ihr die Schwiegermutter ab, deren Wut mit jedem Monat wuchs, in dem sie nicht schwanger wurde. Sie brachte Nita zum Arzt, der stellte eine Unterleibsinfektion fest, verbot den Sex, die Schwiegermutter schlug sie danach umso härter.

Manchmal konnte sie ihre Eltern anrufen, mit einem Handy, das die Familie ihr nach zwei Monaten gab. Sie flüsterte dann, obwohl niemand im Haus ihre Sprache verstand. Immer wieder sagte sie ihrer Mutter, sie wolle sich umbringen. Und immer sagte Pha: Bleib am Leben. Wir werden dich rausholen. Wir werden auch Thida holen.

Thida im Haus ihrer Eltern. Sie spart, damit sie eines Tages mit ihrer Schwester ein eigenes Restaurant aufmachen kann

In allen größeren, grenznahen Orten Kambodschas gibt es "Anti-Human-Trafficking"-Einheiten der Polizei (Human Traficking = Menschenhandel), die gegen die illegalen Vermittler vorgehen. Fallweise arbeiten sie eng mit der Hilfsorganisation World Vision zusammen, deren Programm gegen Menschenhandel in der Mekong-Region ("End Trafficking in Persons", ETIP) geretteten Arbeitsmigranten psychologisch und bei der Existenzgründung hilft. ETIP übernimmt auch die Kosten, die bei einer Rückholung entstehen, und vermittelt zwischen Polizei und Angehörigen.

Sogar die Regierung Kambodschas ist in Menschenhandel verstrickt

Ohne diese finanzielle Hilfe würde sich der Staat nur bedingt für die verkauften Menschen einsetzen, die er selbst, verstrickt in Korruption und Armut, nicht versorgt und sie dadurch erst in die Migration treibt.

Es gibt Fälle, in denen die Menschenhändler mit Wissen der Regierung agieren, über regierungsnahe Firmen Frauen nach Malaysia verschleppen, oder in denen die Anwerbung über private Schulen toleriert wird. Kambodscha steht auf dem Korruptionsindex auf Platz 156 von 175 Ländern, auf dem UN-Wohlstandsindex auf Platz 136 von 187.

Das Bestreben zu arbeiten ist in Kambodscha so ausgeprägt wie die Bereitschaft, sich ausbeuten zu lassen, was das System der Arbeitssklaverei am Leben hält. In Nitas Familie gehört die Arbeitsmigration zum Alltag, auch jetzt sind drei von Phas sechs Kindern in Thailand und verlegen dort Stromkabel - legal, über eine offizielle Job-Vermittlung. Bisher hatten sie Glück, sie wurden bezahlt und kamen stets unversehrt zurück.

Auch die Schwester Thida geriet an Menschenhändler

Thida ist 14 Jahre älter als Nita, sie ist geschieden, sie hat einen sechsjährigen Jungen. Sie hat durchgehalten, weil sie an ihren Sohn dachte. "Es ist dieser buddhistische Gedanke", sagt sie, "dass, wenn wir Gutes tun, uns auch Gutes wiederfährt." Sie verstand schneller als ihre Schwester, aus welchem Grund sie nach China gebracht worden war, heute kann sie offen darüber reden, sie braucht kein Kissen auf ihrem Schoß. Sie sagt: "Ich bin stärker als meine Schwester."

Thida wurde am Flughafen in Peking vom selben Menschenhändler abgeholt, der zwei Monate später Nita verkaufte. Auch sie wurde in sein Haus gebracht, dann bot er sie mehreren Familien an, die Verhandlungen scheiterten am Geld. Schließlich wurde sie an eine Familie verkauft, deren Sohn geistig behindert war. Thida glaubt, dass die Eltern 15.000 Dollar für sie zahlten, der Menschenhändler zählte die Scheine vor ihren Augen.

Der Brauthandel in China ist ein blühendes Geschäft

Der Mann, den sie heiraten musste, war nicht gewalttätig, und er hatte kein Interesse an Sex. Dennoch musste sie mit ihm schlafen, die Familie wollte Nachwuchs, obwohl ein Arzt die Zeugungsunfähigkeit des Mannes bereits bestätigt hatte. Auch Thida musste in einer Fabrik arbeiten, nach der Hausarbeit, von zwölf bis 23 Uhr, auch sie bekam kein Geld dafür.

All das erzählt sie Pha in ihrem ersten Telefonat mit ihrer Mutter, drei Monate nach ihrer Abreise, Nita ist da drei Wochen fort. Pha fährt sofort nach Battambang und reicht bei der "Anti-Human-Trafficking"-Polizei Beschwerde ein. Sie trifft auf Bun Vannara, den stellvertretenden Polizeichef, ein großer, ruhiger Mann mit einem weichen Gesicht. Wenn man ihn heute nach dem Fall fragt, sagt er, dass Phas Entschlossenheit ihn beeindruckt habe. "Es war meine erste Rückholung aus China, sehr kompliziert", sagt er, "es hat Wochen gedauert, bis wir eine Chance sahen, überhaupt an die Frauen heranzukommen."

Zwangshochzeiten sind in China nicht strafbar

Mindestens 58 Kambodschanerinnen, die nach China verkauft und dort zwangsverheiratet wurden, konnten 2014 nach offiziellen Angaben zurückgebracht werden; wie viele dort ausharren, weiß niemand. Der Brauthandel blüht, weil das Geschlechterverhältnis in China durch die Ein-Kind-Politik und die selektive Abtreibung weiblicher Föten gekippt ist. In manchen Regionen kommen 137 Jungen auf 100 Mädchen.

Kambodschas Außenministerium hat China zwar aufgefordert, die Visavergabe an alleinreisende Kambodschanerinnen zu begrenzen, um so die Zwangsehen zu unterbinden; geändert hat sich jedoch wenig, eine erzwungene Heirat gilt in China nicht als Menschenhandel und ist nicht strafbar.

Nitas Straßen-Kiosk – doch nur selten kommt Kundschaft vorbei

Der Polizeichef Bun Vannara schickte Pha nach Phnom Penh, sie sollte ihren Fall dem Außenministerium schildern. Die Polizei dort schaltete die Botschaft in Shanghai ein, die kannte einen kambodschanischen Journalisten, der in China studiert und bereits in einem ähnlichen Fall mit ihr zusammengearbeitet hatte.

Der Student fand heraus, in welcher Region die Schwestern lebten. Er ließ sich von Thida - die wie Nita nicht wusste, wo in China sie sich befand -, am Telefon beschreiben, wie ihr Dorf aussah und erklärte ihr, wie sie per Bus zur Botschaft nach Shanghai käme. Per Handy verabredete Thida mit Nita, dass sie zeitgleich zur Polizei laufen und Hilfe holen sollte.

Thida schaffte es tatsächlich zur Botschaft. Doch dort sagte man ihr, dass sie das Land nicht verlassen dürfe, ehe sie nicht offiziell geschieden war. Voller Angst fuhr Thida in Begleitung der Botschaftsmitarbeiter zurück zu ihrem chinesischen Mann. Die Familie war außer sich, willigte aber ein, aus Furcht vor einer Anzeige der Kambodschaner. Zurück in Shanghai schlief Thida mehrere Tage auf der Straße, bis ihr Rückflug organisiert war. Dann, am 7. März 2014, nach neun Monaten, flog sie heim.

Erst nach mehreren Versuchen gelang die Flucht

Nita dagegen kam nicht durch. Die Polizisten, zu denen sie lief, verstanden sie nicht und brachten sie zu der Familie zurück, die sie daraufhin noch mehr schlug. Es vergingen drei Monate, bevor sie den nächsten Fluchtversuch wagte. Diesmal versuchte sie, per Bus nach Shanghai zu kommen, doch der Bus wurde kontrolliert, sie hatte keinen Pass und wurde festgenommen.

Nach weiteren drei Monaten schließlich gelang ihr die Flucht. Der Student schärfte ihr den Namen seiner Universität ein, dahin sollte sie mit einem Taxi kommen. Sie verließ das Haus früh morgens, als die Schwiegermutter auf dem Markt war, fuhr drei, vier Stunden zu der Universität, der Student bezahlte den Taxifahrer für die eintägige Fahrt nach Shanghai im Voraus.

Bei Nita verzichtete die Botschaft angesichts ihres körperlichen Zustandes darauf, sie für eine offizielle Scheidung zurück zu ihrer Familie zu bringen, und schaffte sie so schnell es ging außer Landes. Am 3. September 2014, ein halbes Jahr nach ihrer Schwester, kehrte auch sie zurück. Die Familie holte sie am Flughafen ab. Sie weinte auf der gesamten Rückfahrt.

Die Polizei hat die Vermittlerin aus Phnom Penh inzwischen festgenommen. Es stellte sich heraus, dass ihre Tochter die Ehefrau des chinesischen Menschenhändlers ist, die drei arbeiteten schon eine Weile zusammen. Sie ist in Haft, die Strafe, die sie erwartet, liegt zwischen 10 und 17 Jahren.

Der Laden soll Nita helfen, ins Leben zurückzufinden

Jetzt, ein Dreivierteljahr nach Nitas Rückkehr, steht ein kleiner Laden auf dem Hof der Eltern. Ein einfacher Holztisch, der genauso aussieht wie die Pritsche, auf der Nitas Eltern schlafen, darauf ein paar bunte Waren, Schwämme, Waschpulver, Brot, orangefarbene Brause. Ein Laden, wie er zu Tausenden an den Straßen Kambodschas steht, finanziert von ETIP, um Nita eine wirtschaftliche Perspektive zu bieten. Der Laden soll ihr helfen, ins Leben zurückzufinden.

Um ihre Psyche kümmert sich Sombo, ein junger Sozialarbeiter, der gleich nach ihrer Rückkehr beide Schwestern besucht und vorsichtig gefragt hat, wie er ihnen helfen könne. Thida konnte bald reden, aber Nita spricht noch immer nicht über die körperliche Gewalt, die ihr angetan wurde. Was Sombo darüber weiß, weiß er von Pha. "Ich merkte, wie vertraut die beiden sind", sagt Sombo. "Was ihr wirklich geholfen hat ist der Rückhalt der Familie."

Nita sagt, sie schlafe nachts nur zweieinhalb Stunden. Sie steht dann auf, wäscht Wäsche, oft ist es erst zwei Uhr früh, wenn sie fertig ist.

Der kleine Laden führte anfangs zu Neid der Dorfbewohner, aber der hat sich gelegt, je mehr sich herumsprach, was Nita erlebt hatte. Doch jetzt, nach der Ernte, kommt kaum ein Auto die Landstraße entlang, die meisten Dorfbewohner arbeiten im Ausland, Nita verkauft wenig, gerade mal 75 Dollar verdient sie im Monat. Deshalb will sie fort, mit Thida nach Phnom Penh ziehen, ein Bekannter der Familie hat ihr dort einen Job in einem Handy-Laden vermittelt, sie will jetzt eine Ausbildung als Verkäuferin beginnen. Sombo hat ihr einen Trauma-Therapeuten in der Nähe ihrer Arbeitsstelle gesucht und will sie zur ersten Sitzung begleiten. Er will sichergehen, dass sie hingeht.

Ob der Traum vom eigenen Laden wahr wird?

Thida arbeitet wieder in dem Straßenrestaurant in Phnom Penh, 12 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, nur an den Feiertagen bekommt sie frei. Das Lokal heißt Sok Heng, das bedeutet Fröhlichkeit und Glück. Die Küche ist ein Wok auf einer Karre an der Hauptstraße, es ist laut und riecht nach Diesel.

Thida wäscht und schneidet Bohnen, Gurken, Karotten, brät Fleisch und Innereien, serviert gebratene Rindsblase mit Zwiebeln für drei Dollar, dazu rohes Gemüse und scharfe Fischsoße, die Kunden sitzen an ihren blauen Plastiktischen und lassen sich beim Essen Zeit. Der Inhaber, ein kleiner Mann in Shorts und mit Sonnenbrille, setzt sich von Zeit zu Zeit dazu, beobachtet Thida und zählt das Geld.

Das Lokal ist ein nach vorn geöffneter Schuppen, die Toilette ein Loch hinter einem Brett. Eine Stiege im hinteren Teil führt zwischen Töpfen und der Kühltruhe hinauf in ein offenes Zwischengeschoss, dort lagern die Vorräte. Eine noch schmalere Leiter führt eine Etage höher, auf einen niedrigen Dachboden. Hier schlafen Thida und die beiden anderen Angestellten, direkt an der Straße. Sie verdienen 150 Dollar im Monat. Es ist nur ein gradueller Unterschied zwischen Arbeit und Sklaverei.

Aber Thida und Nita haben ein Ziel: Sie wollen so viel Geld verdienen, dass sie eines Tages ihr eigenes Restaurant in Phnom Penh aufmachen können. Sie wissen noch nicht, wie lang sie dafür sparen müssen. Aber sie wissen: Nur, wenn sie ihr eigener Chef sind, sind sie wirklich frei.

haben auf ihrer Reise über den starken Zusammenhalt der Familien gestaunt. Kinder denken nicht an sich, sondern daran, dass es den Eltern gut geht. Diese Tradition konnte der Terror der Roten Khmer, die Ende der 70er Familien auseinanderrissen und Frauen und Männer nach Gutdünken verheirateten oder ermordeten, nicht zerstören.

SPENDEN: Hilfe für die Opfer des Menschenhandels

Weltweit gibt es mehr als 20 Millionen Opfer von Zwangsarbeit. Bis zu zwei Drittel der Menschen, die von Menschenhändlern nach Amerika, Afrika, den Mittleren Osten, Europa und Zentralasien verkauft werden, landen in der Prostitution - das Martyrium derer, die in der Pazifikregion und Südostasien verkauft werden, ist die Arbeitssklaverei. Zwei Milliarden Dollar verdienen nach UN-Schätzungen die asiatischen Menschenschmuggler im Jahr.

Das ETIP-Programm der Hilfsorganisation World Vision klärt über die Gefahren der Arbeitsmigration auf und setzt sich für Schutz und Reintegration der Opfer ein. World Vision engagiert sich in der Entwicklungszusammenarbeit, der Jugendhilfe und für Opfer von Katastrophen und Krisen. Ihre Projekte finanziert die Organisation primär durch Kinderpatenschaften und Spenden.

Wenn ihr für die Arbeit zugunsten junger Frauen in Kambodscha spenden möchtet:

IBAN: DE66500100600346951600, BIC: PBNKDEFFXXX, Stichwort: 403760 - Frauen in Kambodscha

Aus BRIGITTE 16/2015, Text: Meike Dinklage, Fotos: Julia Knop
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