Merkels Dekolleté: Top oder Flop?

Deutschland echauffiert sich über die offenherzige Kanzlerin. Für BRIGITTE.de-Mitarbeiterin Barbara Warning ein Zeichen dafür, wie weit wir noch immer von der Gleichberechtigung entfernt sind.

In Deutschland gehen seit Samstagabend die Wogen hoch: Das Dekolleté der Bundeskanzlerin Angela Merkel sorgt für Aufsehen und schrille Schlagzeilen. Denn zur Eröffnung des neuen Opernhauses in Oslo trug die deutsche Kanzlerin und Opernliebhaberin ein überaus geschmackvolles, elegantes schwarzes Kleid mit tiefem Ausschnitt. Seitdem scheint es, als hätte sich am ruhigen Oslo-Fjord ein Tsunami ereignet. Den offenkundigen Unsinn, sich über ihr, im übrigen sehr schönes Dekolleté, so aufzuregen, sollte man eigentlich mit Stillschweigen strafen, wenn es nicht aus zwei Gründen so ärgerlich wäre.

Zum einen werden in diesem Land Männer und Frauen ganz offensichtlich ungleich behandelt, auch wenn die Gleichberechtigung von Mann und Frau eines der Grundrechte ist, das unsere Verfassung den Deutschen garantiert. Aber hat sich eine Zeitung je über den Schnitt von Bundeskanzler Helmut Kohls Anzügen erregt? Die Frisur von Helmut Schmidt kritisiert? Oder die Breite von Außenminister Frank-Walter Steinmeiers Schultern kommentiert? Nein, natürlich nicht. Aber seit Angela Merkel die politische Bühne betreten hat, fühlt sich jeder bemüßigt, ihre vermeintlich unmodische Kleidung und ihre angeblich unvorteilhafte Frisur mit viel Häme zu kritisieren. Und wenn sie einmal, wie in Oslo geschehen, ein sensationell schönes Kleid trägt, das ihr hervorragend steht und ihre weiblichen Vorzüge wunderbar zur Geltung bringt, dann geht das Geschrei erst recht los! Niemals würde ein männlicher Politiker, von im übrigen meist männlichen, Chefredakteuren in deutschen Zeitungen und Zeitschriften so behandelt werden, allen Lippenbekenntnissen über Gleichberechtigung zum Trotz.

Und dann ist da ein zweiter Gesichtspunkt, der genauso ärgerlich ist. Angela Merkel ist nicht irgendein Party-Girl wie Paris Hilton, die ihren nackten Busen in jede Kamera hält, um von der völligen Leere in ihrem Kopf abzulenken. Frau Merkel ist die Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland und schon allein deshalb gebührt ihr Respekt und ein respektvoller Umgang. Deutschland ist keine x-beliebige Bananenrepublik. Deshalb sollten wir mit unserer Regierungschefin auch angemessen umgehen.

Sehr geehrte Frau Merkel, hören Sie deshalb bitte nicht auf das unverschämte Gezeter irgendwelcher Klatschreporter und anderer selbst berufener Stilberater und Wichtigtuer. Tragen Sie weiterhin die Kleider, Hosenanzüge und Frisuren, die Sie möchten und schweigen Sie auch jetzt vornehm zu Ihrem Äußeren, wie Sie es in all den vergangenen Jahren auch getan haben. Denn die Wogen, die Ihr Auftritt in Oslo hervorgerufen hat, werden sich schnell als das herausstellen, was sie wirklich sind: Ein absurder Sturm im Wasserglas.

Text: Barbara Warning
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