Milchfaser: Anke Domaske stellt chemiefreie Mode her!

Für ihre Stoffe verwendet sie Abfallmilch: Modedesignerin Anke Domaske produziert chemiefreie Stoffe, die man sogar essen kann!  

Diesen Stoff kann man essen

Manchmal, wenn Anke Domaske ihre Kunden von ihrem Produkt überzeugen will, stellt sie sich an die Spinnmaschine in ihrem Werk am Stadtrand von Hannover, greift sich einen weißen Strang Faser, der gerade aus den schmalen Düsen gepresst wird, und steckt ihn sich einfach so in den Mund. "Lecker ist was anderes", sagt sie, "aber unsere Faser ist zu 100 Prozent natürlich."

Anke Domaske, Mitte 30, ist Modedesignerin, Mikrobiologin und Erfinderin einer Textilfaser – aus Kuhmilch. Während normale Kleidung in vielen Arbeitsschritten chemisch bearbeitet wird, besteht ihre Faser nur aus biologischen Rohstoffen. "Sie kann sogar kompostiert werden, wenn man sie in die Erde eingräbt."

Anke war auf der Suche nach chemiefreier Kleidung  

Die Idee dazu kam ihr 2009, als ihr Stiefvater an Leukämie erkrankte. "Während seiner Therapie entwickelte er eine Textilallergie, wir fanden für ihn einfach nichts zum Anziehen, das nicht chemisch belastet war."

Domaske stand damals am Ende ihres Studiums der Mikrobiologie. Sie recherchierte und stieß auf ein Verfahren, mit dem in den 1930er-Jahren Fasern aus Milch hergestellt wurden: ein aufwendiger Prozess, bei dem krebserregende Stoffe wie Formaldehyd verwendet wurden, um die Fasern stabil zu machen.

"Das muss doch besser gehen", dachte sie und begann zu experimentieren. Im Supermarkt kaufte sie Kochplatten, Mixer und einen Marmeladen-Einkoch-Thermostat. "Meine Laborausstattung", sagt sie und lacht.

Sie verwendet Milch, die weggeschüttet werden würde

Ein Dreivierteljahr und viele Versuche später hatte sie das 80 Jahre alte Verfahren dann so weiterentwickelt, dass sie unter der Zugabe von rein natürlichen Rohstoffen aus dem Milchprotein Kasein eine robuste, antibakterielle, seidige Faser erhielt.

"Milch ist das beliebteste Lebensmittel in Deutschland, wir verbinden etwas Gutes mit ihr", sagt Anke Domaske. Auch deshalb unterliegt Milch strengen Lebensmittelkriterien: Jedes Jahr werden zwei Millionen Tonnen weggeschüttet, weil sie abgelaufen oder keimbelastet sind, von einer Kuh stammen, die krank war oder gerade gekalbt hat.

Solche Milch darf hierzulande nicht verzehrt werden. Domaske verwendet sie für ihre Faser, sie zahlt Molkereien vier Cent pro Liter. "Das macht mein Verfahren noch nachhaltiger", sagt sie. Auch ihr Stiefvater vertrug die Faser gut.

In einem Kleid stecken mindestens sechs Liter Milch!

Seit der Erfindung der "Qmilk Biofaser" hat Domaske nicht nur das Bremer Faserinstitut, das unter anderem neue Fasern erforscht und entwickelt, für ihre Idee gewonnen; sie hat auch etliche Innovations- und Umweltpreise eingeheimst.

Ihre Firma stellt heute Kleidung für ihr eigenes und für fremde Modelabel her. "In einem Kleid stecken mindestens sechs Liter Milch", sagt sie. Je nach Anteil der Faser kosten ihre Stücke 200 Euro aufwärts. Weil die Faser antibakteriell ist, produziert Anke Domaske inzwischen auch Bettwaren oder Wischtücher für die Medizintechnik und Textilien für Autohersteller. 20 Leute arbeiten inzwischen für sie, ihr oberstes Ziel ist es, möglichst nachhaltig zu produzieren.

So hofft Anke Domaske, die Abfallmilch irgendwann selbst von den Bauern einsammeln zu können, damit das Geld ohne Abzüge an diese fließt. Zudem würde sie gern auch andere natürliche Rohstoffe verarbeiten, die nicht mehr verzehrt werden dürfen, weil sie den Lebensmittelkriterien nicht entsprechen: "Wir stehen da noch ganz am Anfang."

Nur über eine Sache ärgere sie sich, sagt sie. "Ein Kleid mit Schokoladengeschmack haben meine Mitarbeiter bisher noch nicht produziert, obwohl das technisch möglich ist. Dabei bin ich ein totaler Schokoholic!"

Zur Person: Anke Domaske hat den Textilstoff "Qmilk Biofaser" erfunden, der unter anderem aus Milch gewonnen wird (www.qmilk.eu). Sie wuchs bei Leipzig auf, ein Japan-Aufenthalt inspirierte sie zur eigenen Modelinie, die Stars wie Mischa Barton trugen. Studiert hat sie dann Mikrobiologie: "Die Welt, die man mit bloßem Auge nicht sieht, hat mich immer fasziniert.”

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BRIGITTE-Spezial 2/2018

Wer hier schreibt:

Sarah Levy
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