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Haben wir einen Notfallplan? Mindestens 9 Millionen Menschen sind durch Hitze gefährdet

Bauer eggt ein trockenes Feld nach der Ernte
© blickwinkel / McPHOTO / A. Schauhuber / imago images
Temperaturen über 40 Grad, Waldbrände, Wasserknappheit: In Europa herrscht Hitze. Die Welle wird auch Teile von Deutschland treffen. Doch sind wir auf diese hohen Temperaturen überhaupt vorbereitet?

Im vergangenen Jahr gab es die große Flutkatastrophe im Ahrtal, Waldbrände nehmen immer weiter zu, und einige Kommunen wollen das Trinkwasser limitieren – der Klimawandel wird auch in Deutschland immer sichtbarer. Dabei ist die Hitze eine der wohl am unterschätztesten klimatischen Veränderungen. Sie schleicht sich an und führt zu enormen Problemen – bei der Gesundheit der Einzelnen, dem Gesundheitssystem im Ganzen, der Landwirtschaft und der Natur, um nur einige wenige zu nennen.

Die mittlere jährliche Lufttemperatur nimmt immer weiter zu

"Klimamodelle prognostizieren, dass der Anstieg der mittleren jährlichen Lufttemperatur zukünftig zu wärmeren beziehungsweise heißeren Sommern mit einer größeren Anzahl von heißen Tagen und Tropennächten führen wird", heißt es auf der Seite des Umweltbundesamtes. Heiße Tage definieren sich durch Temperaturen oberhalb von 30 Grad, bei einer Tropennacht fällt die Temperatur nicht unter 20 Grad.

Hitzewellen werden gerade in Deutschland noch vermehrt unterschätzt, weil es in der Vergangenheit nur wenige davon gab. So sind die spanische und auch die italienische Gesellschaft bereits seit Langem darauf ausgerichtet, dass in der Mittagszeit, wenn es brütend heiß ist, geruht und nur zu den Randzeiten gearbeitet wird. Das ist reiner Selbstschutz, denn die heißen Temperaturen beanspruchen den menschlichen Organismus in ganz besonderer Weise und führen häufig zu Herz-Kreislauf-Problemen. Das körpereigene Kühlsystem kann bei starker Hitze überlastet sein, es folgt ein Hitzschlag. Typische Symptome sind Kopfschmerzen, Erschöpfung und Benommenheit.

Die Krankenhäuser könnten aufgrund der Hitze stark ausgelastet werden

Gerade ältere Menschen oder Personen mit Vorerkrankungen sind gefährdet. Angesichts der drohenden Hitzewelle warnt die Deutsche Krankenhausgesellschaft bereits vor einer sehr hohen Belastung der Kliniken. Der Vorstandsvorsitzende Gerald Gaß erwartet neben dehydrierten Patient:innen auch Menschen, die unter Herzrhythmusstörungen, niedrigem Blutdruck oder Schlafstörungen leiden. Auch Magen-Darm-Infekte könnten durch die Hitze verstärkt werden. Die Zahl der Patient:innen, die aufgrund hitzebedingter Beschwerden stationär behandelt werden müssen, ist enorm und hat sich über die vergangenen Jahre teilweise verdoppelt.

Die Vorhersagen für die drohende Hitzewelle ab diesem Wochenende schwanken seit einigen Tagen, aktuell erwartet der Deutsche Wetterdienst (DWD) ein trockenes und heißes Wochenende mit einer anschließenden Hitzewelle in der kommenden Woche. Die Temperaturen sollen bis auf 38 Grad steigen. Wo genau die heißen Spitzentemperaturen erwartet werden, ist noch unklar, heiß wird es aber überall.

Frankreich kümmert sich um Schutzbedürftige bei Hitze

In Frankreich ist die Hitze bereits seit Wochen das beherrschende Thema. Dort werden vor allem ältere und geschwächte Personen an heißen Tagen von Sozialarbeiter:innen umsorgt. Sie rufen täglich an, stellen Ventilatoren in den Wohnungen auf und reichen ihnen Flüssigkeiten. Über 65-Jährige, die allein leben, Menschen mit Behinderungen und Erwerbsunfähige können sich in ihrer Stadt registrieren lassen. Sobald die Alarmstufe "Hitzewelle" gilt, erkundigt sich der soziale Dienst nach ihrem Wohlbefinden. Bereits seit 20 Jahren sind die Kommunen in Frankreich dazu verpflichtet, ein solches Register für Schutzbedürftige zu führen – nachdem eine tödliche Hitzewelle mindestens 20.000 Menschen das Leben kostete. Viele starben allein und wurden erst spät gefunden.

9 Millionen Menschen gelten durch Hitze als gefährdet

In Deutschland ist die lebensbedrohende Hitze aktuell offenbar noch kein Grund, um Menschen zu schützen, die sich vielleicht selbst nicht mehr schützen können. "Die Zeit" hat zusammen mit dem "Correctiv" recherchiert, dass die Zahl der Personen, deren Gesundheit bei andauernd hohen Temperaturen potenziell gefährdet ist, sich auf rund neun Millionen beläuft – vermutlich sind es sogar noch mehr. Eine verlässliche Statistik oder Erhebung gebe es nicht, teilte ihnen das Bundesgesundheitsministerium mit.

In den Hitzesommern 2003, 2006 und 2015 starben insgesamt etwa 19.500 Menschen zusätzlich an den Folgen einer Hitzebelastung, so das Umweltbundesamt. In den Jahren 2018 und 2020 waren es mit insgesamt 19.300 Hitzetoten schon ebenso viele Fälle wie zuvor aus drei Jahren. Gesundheitsminister Karl Lauterbach schrieb über Twitter, dass "ältere und kranke Menschen vor der Mega Hitzewelle“ geschützt werden müssten und warnte vor den Todesopfern, doch "bundeseinheitliche Vorgaben" seien nicht geplant. In Deutschland sei es Aufgabe der Länder und Kommunen, regional angepasste Hitzeaktionspläne zu entwickeln.

Nur jeder fünfte Landkreis kann einen Hitzeaktionsplan vorweisen

"Zeit Online" hatte kürzlich erst aufgedeckt, dass nur jeder fünfte Landkreis überhaupt ein Konzept vorlegen kann, wie besonders gefährdete Menschen geschützt werden könnten. Noch immer scheint in Deutschland die Gefahr durch die Hitze nicht greifbar. Viele freuen sich über die heißen Tage und verbringen sie komplett draußen – dass sie damit ihre Gesundheit stark gefährden, scheint vielen nicht bewusst zu sein. Die Deutschen sind anhaltende Hitzeperioden nicht gewöhnt, was dazu führt, dass Schutzmaßnahmen wie viel Trinken, helle Kleidung oder der Aufenthalt im Schatten häufig nicht eingehalten werden.

Es zeigt sich deutlich, dass ein Hitzewarnsystem in Deutschland nicht funktioniert beziehungsweise nicht existent ist, obwohl Temperaturen über 30 Grad für viele lebensbedrohlich sein können. Das Klima verändert sich. Deutschland braucht verlässliche Frühwarnsysteme in allen Bereichen – eingeschlossen der Hitze – und Pläne, wie im Notfall reagiert werden muss. Eine Katastrophe wie im Ahrtal oder in Frankreich vor 20 Jahren soll sich nicht wiederholen.

Verwendete Quellen: zeit.de, umweltbundesamt.de

slr Brigitte

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