Mini-Häuser für Obdachlose: "Eine Treppe in ein besseres Leben"

Etwa 68 000 Frauen in Deutschland leben auf der Straße. Für sie ist der Alltag noch härter als für obdachlose Männer. Können kleine Holzhütten die Lösung sein?

Fragt man Dagmar Sanek nach ihrem größten Wunsch, lächelt sie und sagt: "In einer eigenen kleinen Wohnung ein warmes Bad nehmen zu dürfen." Noch sieht die Realität anders aus, denn das Zuhause der 58-Jährigen ist eine Holzhütte - so klein, dass sie auf vier Paletten passt. Öffnet man die Tür, an der ein dickes Vorhängeschloss hängt, steht man schon mittendrin: Bett, Ablage, Campingtoilette – mehr passt nicht auf 3,2 Quadratmeter. Aber es ist mehr, als Dagmar Sanek in den letzten Monaten hatte. Ihre Hütte steht neben einer zweiten direkt an einer U-Bahn-Station im Hamburger Norden. Passanten kreuzen den Waldweg, der an den Wohn - boxen entlangführt; wenn Dagmar Sanek auf dem Klappstuhl vor ihrer Hütte sitzt, sprechen einige sie an. Sie mag das.

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Die Hütte ist für sie ein Schutzraum: vor bestehlen, anpöbeln oder anpinkeln. Vor frostigen Nächten auf hartem, kaltem Boden. Vor Männern, die nicht davor zurückschrecken, obdachlose Frauen zu vergewaltigen. Schlicht: vor dem Gefühl, ausgeliefert zu sein. "So ein Leben ist grausam, ich wünsche es niemandem", sagt sie. "Mit der Hütte fühle ich mich sicherer." Rund 650 00 Menschen leben nach Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG) auf der Straße. 68 000 von ihnen sollen Frauen sein.

Frauen in der Wohnungslosigkeit

„Bei Frauen gibt es eine hohe verdeckte Wohnungslosigkeit, weil sie sehr lange versuchen, ihre Probleme selbst zu lösen“, sagt Sabine Bösing, die das Fachreferat Wohnungsnotfallsituation von Frauen bei der BAG leitet. Sie schlafen auf dem Sofa der Freundin, in Gartenlauben oder bewohnen Garagen oder Dachböden. Dagmar Saneks Nachtlager war der Eingang einer Passage in der Hamburger Innenstadt. Dort kam ab und an die Security vorbei, das beruhigte sie. Trotzdem bekam sie oft kein Auge zu. Sie hatte als Pferdepflegerin auf einem Bauernhof gearbeitet, erst den Job und dann die Werkswohnung verloren. Weil zwei Wohnungsämter für sie zuständig waren, sich aber keines verantwortlich fühlte und ein endloses bürokratisches Hin und Her folgte, kapitulierte sie und zog auf die Straße.

Es gibt viele Gründe, warum Menschen in diese Lage geraten: Jobverlust, Mietschulden, persönliche Krisen, bürokratische Überforderung. Für Frauen kommen spezielle Risiken hinzu: "Sie verdienen weniger, manche stecken in Gewaltbeziehungen fest, aus denen sie sich nicht lösen, weil sie sonst keine Wohnung hätten. Oder sie gehen prekäre Mietverhältnisse mit Entlohnung ein, was oftmals schon in Prostitution hineinreicht", sagt Sabine Bösing. "Wenn sie endgültig in die Wohnungslosigkeit rutschen, sind sie doppelt stigmatisiert: weiblich und obdachlos. Aber wir stellen fest: Wenn es Notunterkünfte oder Wohnheime speziell für Frauen gibt, nehmen sie sie auch an." 

Notunterkunft - für Sanek keine Alternative

Denn die Zustände in den gemischt geschlechtlichen Notunterkünften sind oft dürftig. Privatsphäre fehlt; die Räume sind häufig verschmutzt; viele Bewohner haben psychische Probleme, die sich auch in Gewalt äußern. Für Dagmar Sanek war das nicht tragbar. Sie zog die Straße vor, bis sie schließlich von der Initiative "Little Home" erfuhr: Sie holte sich gerade ein Abendessen beim Deutschen Roten Kreuz, als der Gründer von "Little Home", Sven Lüdecke, neben ihr stand und ihr eine Hütte anbot – die Frau, der sie eigentlich zugestanden hätte, war nicht aufgetaucht. Großes Glück für Dagmar Sanek. "Hier kann ich mich wieder als Mensch fühlen", sagt sie. Für Sven Lüdecke sollen die Hütten keine Wohnung ersetzen, sondern einfach etwas Privatsphäre und Würde bieten. Ende 2016 sah er, von Beruf Fotograf, einen TV-Beitrag über einen kalifornischen Architekten, der solche Wohnboxen für obdachlose Menschen baute. Sven Lüdecke zimmerte zwei Hütten und verschenkte sie an Wohnungslose in seiner Heimatstadt Köln.

Eine langfristige Lösung?

Das Projekt sorgte über die Stadtgrenzen hinweg für Aufmerksamkeit. Aus der Idee wurde ein eingetragener Verein, der bis heute 117 Hütten in 13 deutschen Städten gebaut hat. Bei der Herstellung einer Wohnbox wirken rund ein Dutzend freiwilliger Helfer und oft auch die zukünftigen Bewohner*innen mit. 20 000 wohnungslose Menschen stehen auf der Warteliste für ein „Little Home“, doch es gibt an der Initiative auch Kritik: Die Diakonie in Hannover sprach von „Hundehütten“, die die fachlich anerkannten Standards für eine Notunterbringung weit unterschreite. Auch Sabine Bösing von der BAG warnt, dass damit neue Substandards gesetzt werden. Eine Sorge, die Sven Lüdecke nachvollziehen kann. Daher betont er stets, dass es sich bei den Hütten nicht um langfristige Wohnlösungen handeln soll, sondern um einen ersten Schritt zurück in die Gesellschaft.

Für Dagmar Sanek ist die Hütte "eine Treppe in ein besseres Leben", wie sie sagt. Neben dem Dach über dem Kopf hat sie nun auch einen Job bei einer Reinigungsfirma erhalten - ihr neuer Chef hatte aus einem Lokalbericht über "Little Home" von ihrem Schicksal erfahren und war davon so berührt, dass er ihr eine Stelle anbot, auch ohne Meldeadresse, die für einen Arbeitsvertrag eigentlich notwendig ist. Manchmal muss nur an einer Stellschraube gedreht werden, um das Leben wieder in die richtigen Bahnen zu lenken.

Die Idee: "Little Home"

Der Kölner Verein stellt obdachlosen Menschen Holzhütten zur Verfügung und hilft bei der Vermittlung von festem Wohnraum und Jobs. Die Materialkosten liegen pro Wohnbox bei etwa 1000 Euro, finanziert aus Spenden - ein in Deutschland einmaliges Projekt. Infos: little-home.eu.

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BRIGITTE 26/2019

Wer hier schreibt:

Luise Gand
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