VG-Wort Pixel

Missbrauch in der Familie "Hat er dich angefasst?"

Missbrauch in der Familie: Mädchen guckt aus Dachfenster raus
© Oleh_Slobodeniuk / Getty Images
Die meisten sexuellen Übergriffe finden innerhalb der Familie statt. Umso schwieriger ist es für die Betroffenen, darüber zu sprechen. Unsere Autorin hat es am eigenen Leib erfahren: das Schweigen – und schließlich das Reden.

Inhaltsverzeichnis

"Was hat das mit Ihrer Familie gemacht?" Meine Therapeutin sitzt mir in einem Sessel gegenüber und sieht mich an. "Es hat uns über einen sehr langen Zeitraum zerrissen", antworte ich. Und höre für einen Moment auf zu atmen.

Mein Onkel hatte mich unter Drogen gesetzt

Ich war 16, als mich mein alkoholkranker Onkel bei einer Familienfeier unter Drogen setzte und sich anschließend in mein Zimmer schlich. Die Erinnerungen an diese Nacht sind vage. Ich weiß noch, wie er plötzlich neben meinem Bett stand. Wie groß er war, und wie klein ich mich fühlte. Meine Sicht war verschwommen, mir war schlecht, mein Herz raste. Aber die Wahrheit ist: Ich bin mir nicht sicher, was genau passiert ist. Das ist wohl das Tückische, wenn Drogen im Spiel sind.

Am Morgen danach habe ich meinen Eltern nichts erzählt – gerade weil wir immer eine gute Beziehung hatten. Ich wollte, dass es genauso bleibt, und konnte nicht riskieren, diese Sicherheit – die ich gerade jetzt so sehr brauchte – aufgrund meiner Erinnerungsfetzen zu riskieren. Ich hatte Angst vor einem Streit in unserer Großfamilie, bei dem mir die Argumente und die Beweise fehlen würden. Also saß ich beim Frühstück ruhig neben ihnen, während in meinem Kopf das Chaos ausbrach.

Ich war verunsichert, ob es sich tatsächlich um einen Übergriff handelte, wenn ich doch keine eindeutigen Spuren an meinem Körper fand. Ich wusste nicht, ob er mich fotografiert, angefasst oder einfach angestarrt hatte. Also habe ich versucht, den Vorfall in meinem Kopf zu legitimieren. Schließlich hatte ich Onkel Paul in meiner Kindheit immer so lustig gefunden. Er hat mit mir und meinen fünf Cousinen im Wald gespielt und war sich für nichts zu schade. Gleichzeitig aber erinnerte ich mich an unangenehme Berührungen und Kommentare, die sich mit meinem Heranwachsen häuften. "Du hast aber auch einen geilen Arsch bekommen", hat er auf der Beerdigung meines Großvaters gesagt.

Meine Eltern konnten meine Hilferufe nicht hören

Mein 16-jähriges Ich war verwirrt. Und weil ich das alles nicht einordnen konnte, beschloss ich zu schweigen. Und erst Jahre später realisierte ich, dass der Übergriff nicht nur mich geprägt hat, sondern auch meine Eltern und die Beziehung zu ihnen. Ich bemerkte, wie ich begann, die Luft anzuhalten, wenn mich mein Vater in den Arm nahm. Jedes Mal, wenn ich ihn anschaute, sah ich auch meinen Onkel. Ihre Gesichter glichen sich viel zu sehr, als dass kein Ekel in mir aufsteigen konnte, wenn mein Vater mir einen liebevollen Kuss auf den Kopf gab. Der Held meiner Kindheit, der mir das Fahrradfahren beigebracht und mich nach jedem Sturz wieder auf die Füße gestellt hatte, wurde plötzlich zur Projektionsfläche meiner Wut. Meiner Überforderung. Die verbalen Schüsse, die ich in meiner Verzweiflung auf ihn abfeuerte, verletzten ihn tief. Unwissend darüber, was mich so reagieren ließ, hielt er mein Verhalten für die Pubertät. Meinen Hilferuf konnte er nicht hören.

Als Gesellschaft haben wir ein bestimmtes Bild vor Augen, wie sich Betroffene sexueller Gewalt zu verhalten haben. Wir nennen sie "Opfer" und denken, dass sie traumatisiert und verletzt sind. Wir glauben, dass insbesondere Kinder und Jugendliche nach einem Übergriff ganz leise werden und in sich gekehrt. Wenn die Reaktion anders ausfällt und Betroffene sehr laut, wütend und auflehnend reagieren, sind wir erst mal irritiert.

Mittlerweile denke ich, dass Betroffene nicht nur die Angst, dass ihnen nicht geglaubt wird, zum Schweigen bringt, sondern auch die Verweigerung dieser Opfer-Attribute. Ich wollte nie ein Opfer sein. Ich wollte nie, dass mich Erinnerungsfetzen an diese Nacht definieren, weil es verhindern würde, dass ich mich von dem Ereignis emanzipieren kann. Viel lieber wollte ich stark und selbstbewusst damit umgehen. Im Alleingang.

Irgendwann musste ich mein Schweigen brechen

Also gewöhnte ich mir an, in ein Kissen zu atmen, wenn mich eine Panikattacke überkam. Den Raum zu verlassen und die Handgelenke so lange unter kaltes Wasser zu halten, bis sich mein ganzer Körper wieder abgekühlt hatte. Den Kiefer zusammenzubeißen, bis mir die Zähne wehtaten, anstatt in Tränen auszubrechen. Bis mir das alles zu viel wurde.

Meine Mutter wollte mich an jenem Tag, fast fünf Jahre nach dem Übergriff, dazu überreden, mit zu einer Familienfeier zu kommen. Ich wollte eigentlich wie immer biestig reagieren, fauchen, dass ich kein Bock auf diese Menschen habe. Das hatte zuvor auch immer funktioniert, sie konnte mich ja nicht zwingen. Aber an dem Tag hatte ich plötzlich keine Kraft mehr und brach in Tränen aus. Ich erzählte meiner Mutter alles: von den Bemerkungen, die mein Onkel schon immer über meinen Körper gemacht hat; von den Drogen, die ich am Tag nach der Tat bei meinem Onkel fand.

"Warum hast du nichts gesagt?", fragte meine Mutter immer wieder unter Tränen, doch ich hatte keine kluge Antwort, die sie zufriedengestellt hätte.

Durch mein jahrelanges Schweigen fühlte sie sich um ihre Chance betrogen, mich als Mutter zu verteidigen. Schließlich hatte sie für sich geschworen, mich vor allem und jedem zu beschützen, als sie mich als Baby zum ersten Mal im Arm hielt. Die Erkenntnis, dass Eltern das gar nicht können, traf uns alle hart.

Das Einzige, was meinen Eltern blieb, war, mir nachträglich Rückhalt zu geben. Und das taten sie. Sie akzeptierten, dass ich eine Anzeige angesichts der Beweislage für sinnlos hielt. In der Zwischenzeit hatte ich mich informiert und wusste, dass die Zahl der verurteilten Fälle gering ist. Neben der Tatsache, dass ich im Prinzip keine Beweise hatte, hatte sich die Alkoholabhängigkeit meines Onkels mittlerweile zu einem massiven Drogenproblem entwickelt. Ein Gericht würde ihn im Zweifel für unzurechnungsfähig erklären.

Meine Familie und ich - wir heilen immer noch 

Eines Tages hatte ich plötzlich den Wunsch, Onkel Paul noch mal zu treffen. Ich bildete mir ein, dass es eine Erlösung sein könnte, und ich ihm dieses Mal überlegen sein würde. Als es bei dem nächsten Geburtstag meiner Großmutter so weit war, verließ mich leider diese Entschlossenheit. Als er auftauchte und ich seine Stimme hörte, brach ich in Angstschweiß aus und schloss mich im Badezimmer ein. Meine Mutter war es, die schließlich kam und mich da rausholte, mich ins Auto setzte und mit mir wegfuhr. Einfach nur weg, ohne es unserer Verwandtschaft zu erklären. In meinem schwächsten Moment war sie stark.

Unser Abgang war natürlich meiner Großmutter nicht entgangen. Dass aber ihr jüngster Sohn seit Jahren ein Alkohol- und Drogenproblem hatte, blendete sie aus. Als mein Vater und ich sie ein Jahr später allein zu Kaffee und Kuchen trafen, sprach sie mich auf einmal darauf an: "Was ist mit dir und Paul?" Ich starrte erst sie an, dann meinen Vater. Eigentlich hatten wir die Abmachung, ihr nichts zu erzählen, weil wir nicht sicher waren, ob sie die Wahrheit gesundheitlich verkraften würde. "Hat er dich angefasst?", sagte sie plötzlich. Ich starrte weiter ins Leere, unsicher darüber, wer von uns in diesem Moment mehr litt. "Keine Ahnung", flüsterte ich fast lautlos.

"Wenn du keine Ahnung hast, dann ist auch nichts passiert!", herrschte sie mich an. Ich schob meinen Stuhl vom Tisch und verließ den Raum. Hinter der Tür hörte ich, wie mein Vater meine Großmutter zurechtwies, als diese Paul verteidigen wollte. "Hör auf damit!", schrie er und schlug mit der Handfläche auf die Tischplatte. Mein Vater, den ich die letzten Jahre zu Unrecht bestraft hatte, war plötzlich wieder mein Held.

"Und wie geht’s Ihrer Familie heute?", fragt mich meine Therapeutin abschließend, sie sieht mich immer noch an. "Wir heilen", antworte ich ihr.

Interview: 3 Fragen an die Psychologin Katrin Schwedes

Die Psychologin Katrin Schwedes leitet die Bundeskoordinierungsstelle der Fachberatungen (bundeskoordinierung.de), die zum Thema sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend arbeiten.

BRIGITTE: Kinder und Jugendliche befürchten oft, dass ihre Familie zerbrechen wird, wenn sie über erlebte sexualisierte Gewaltsprechen. Wie nimmt man ihnen diese Angst?

Katrin Schwedes: Man kann Kindern diese Angst nicht präventiv nehmen. Die Botschaft, die man Kindern auf den Weg geben sollte, ist: Die zentrale Verantwortung für die Familie liegt immer bei den Erwachsenen und nicht beim Kind. Genauso liegt die Schuld für sexualisierteGewalt niemals bei ihnen, sondern immer bei der Tatperson. Das kann man wie ein Mantra wiederholen. Wir müssen uns aber tatsächlich vor Augen führen, dass jedes Familienmitglied auf eine andere Weise von der sexualisierten Gewalt gegenüber einem Familienmitglied betroffen ist, darunter leidet und damit zu kämpfen hat. Ich rate dringend, sich von Fachberatungsstellen begleiten zu lassen.

Raten Sie in jedem Fall, die Tat in der Familie anzusprechen?

Das ist sehr abhängig von der Familiensituation. Wenn die ganze Familie in die Situation verstrickt ist oder sich an der Gewalt beteiligt, kommt von dort oft keine Hilfe. Für Betroffene ist das eine schlimme Erfahrung. Es gibt aber auch außerhalb der Familie Erwachsene, die hilfreich oder schützend eingreifen können. Sie können sich Rat bei Fachberatungsstellen holen, die finden Sie über das Hilfeportal hilfe-portal-missbrauch.de.

Halten Sie eine Anzeige auch für sinnvoll, wenn die Beweislage dünn ist und es im Zweifel Aussage gegen Aussage steht?

Verfahren sind sehr belastend, oft wird die Glaubwürdigkeit bezweifelt, Therapien werden verschoben. Berater und Beraterinnen sind nicht pro oder contra Strafanzeige, sondern haben den Auftrag, die Betroffenen zu unterstützen und zu stabilisieren. Die Entscheidung, Anzeige zu erstatten – oder auch nicht –, sollten die Betroffenen selbst treffen.

 

Brigitte

Mehr zum Thema