Mission Müll: Wie ich mit meinem Sohn die Welt rettete (also fast)

Susanne Arndt paddelte mit ihrem Sohn Fred (14) über die Hamburger Alster, um sie von Müll zu befreien. Gar nicht so einfach ...

Paddeln mit Jagdfieber? Könnte was sein für uns

Boah, super! Endlich Müll!!!“, schallt es über die Hamburger Außenalster. Der das ruft, ist mein Sohn Fred, der mit leuchtenden Augen und einer Müllzange hochkonzentriert den Fetzen einer Twix-Verpackung aus dem Wasser fischt. 

Fred ist 14, findet die virtuellen Welten auf dem Computer-Bildschirm tendenziell aufregender als die Realität und versieht Vorschläge für gemeinsame Ausflüge gern mal mit entsetzten Blicken („Radtour!? Nee, echt nich“).

Als ich dann im Internet auf Greenkayak stoße, denke ich: Zwei Stunden paddeln und dabei Abfälle aus dem Wasser angeln, könnte eine gute Unternehmung für uns sein. Nicht nur "langweiliges" Dümpeln auf einem "öden" See, sondern Paddeln mit einer Mission:

Schaffen wir es, mehr Müll aus der Alster zu fischen als alle anderen vor uns?

Und tatsächlich: Fred sagt Ja!

Was den Umweltnutzen angeht, bin ich allerdings etwas skeptisch: Was soll es bringen, ein bisschen Müll aus dem Wasser zu fischen? Damit es am Ende schöner aussieht, zur Freude der Menschen? Oder hilft es wirklich dem Gewässer, der Fauna und Flora?

Nach Angaben des Kopenhagener Start-Ups, das seine grünen Kajaks Bootsverleihern zur Verfügung stellt, wurden europaweit bereits 18 Tonnen Müll eingesammelt. Der Deal: Jeder bekommt für zwei Stunden kostenlos ein Kajak, wenn er oder sie bereit ist, beim Paddeln Abfälle aus dem Wasser zu fischen. Am Ende wird die Beute gewogen. 

Und ja, die Aktion mache sich schon bemerkbar, sagt der Mann, der uns an der Alster mit Kajak, Mülleimer und Greifzangen versorgt: „In der Bucht hier wird immer weniger Müll angeschwemmt, selbst bei Wind“ – auf jeden Fall gut für ihn, denn er betreibt am Steg auch ein Café.

No Müll today, our luck is gone away ...

"Wohin, Fred?", frage ich meinen Sohn, nachdem wir uns vom Ufer abgestoßen haben. „Egal, ich will so viel Müll sammeln wie möglich!“ Aha, der Challenge-Gedanke funktioniert schon mal.

Wir paddeln ein Weilchen ziel- und erfolglos übers Wasser, bis Fred ruft: „Zurück! Zurück! Hoffentlich ist das Müll!!“ Aber ach, die Enttäuschung ist groß, der Müll entpuppt sich als Kastanie, die vom langen Dümpeln schon ganz schwarz geworden ist.

Nach längerer erfolgloser Suche sage ich vorsichtig ins Schweigen: „Ist doch ganz schön hier auf dem Wasser, oder?“

„Aber ich will Müll! Was machen wir überhaupt hier, wenn's keinen Müll gibt?“, grummelt es von hinten.  

„Komm, lass mal ans Ufer paddeln, bestimmt sammelt sich dort alles“, schlage ich vor. Aber da ist auch nichts zu finden.

„Sind Kastanien und Blätter nicht auch Müll?“, fragt Fred mit einem Anflug von Hoffnung in der Stimme. Ich muss ihn enttäuschen: Der Mensch hat Müll als das definiert, was er selbst hinterlässt und nicht die Bäume – es sei denn, deren Hinterlassenschaften liegen auf Gehwegen herum. Dann werden sie schnell weggepustet oder zusammengefegt und in Mülltonnen gepackt.

Das einzige Plastik weit und breit ist das Kajak, in dem wir sitzen

Auch nach einer guten halben Stunde müssen wir feststellen: Das einzige Stück Kunststoff weit und breit ist das Kajak, in dem wir sitzen, und das ist in seiner gnadenlosen Härte unfassbar unbequem – Knöchel und Hinterteil tun schon nach kürzester Zeit weh.

Wir erleben eine absurde Umkehrung: Wir verteufeln den Müll nicht, wir sehnen uns nach ihm. Womöglich sind wir einfach am falschen Ort unterwegs, an diesem See in einer der wohlhabendsten Ecken Hamburgs. Vielleicht sollten wir in Gegenden aufräumen, wo zwar der Fortschritt in Form von Verpackungen Einzug gehalten hat, nicht aber die Müllabfuhr.

„Da ist was Rotes am Ufer! Das ist Plastik!“, brülle ich.

Hektisch paddeln wir hin.

„Ach Mist, nur 'ne Pflanze!“ Enttäuscht lassen wir die Paddel sinken. 

Fred so: “Armes Deutschland! Kein Müll vorhanden!“

Plötzlich schwimmt ein Haubentaucher neben uns, im Schnabel trägt er einen kleinen, silbrig glänzenden Fisch. Wir verfolgen ihn mit den Augen und beobachten begeistert, wie er damit sein Junges füttert. Wir sind beide gerührt, bis ...

„Da vorn! Da ist was!“ Wir geben Gas, aber es ist nur ein vertrocknetes Kastanienblatt.

Müll badly wanted!

Es nützt nichts, wir brauchen eine Strategie. Nach kurzer Diskussion biegen wir in einen der Kanäle ab, die in die Alster münden, und entscheiden uns für Arbeitsteilung: Einer paddelt, der andere scannt das Wasser. Das erste, was wir finden, ist ein Lollistab. Freds Müllzange schnappt zu, triumphierend befördert er das winzige Teil in den großen grünen Plastikeimer, der leer und mahnend zwischen uns steht.

Fred jubelt: „Wir haben einen Lollistab gefunden! Wir sind die Besten!“

Und dann, unter einer Brücke, schippern wir plötzlich durch ein Müllparadies: Mars-Papierchen, Maoam-Papierchen, Marihuana-Tütchen (leer), Styropor- und Plastikstücke, Flaschendeckel, Plastikringe, noch viel mehr Lollistäbchen, Luftballonfetzen, ein abgebranntes Streichholz.

 „Was ist das?“

„Plastik!“

„Cooool!“

Das Jagdfieber packt uns, wir sind aufgeregt und hibbelig – uns entgeht nichts. Vergessen ist der Schmerz an Knöcheln und Hintern.

„Ein Vivil-Papierchen!“

"Schon wieder Twix!"

 „Zigarettenschachtel!“

„Yeah!  Wir sind gut!“, jubelt Fred.

Paradox, aber wahr: Unsere Euphorie wächst mit den Müllmengen. Fred lässt sich sogar zu dem Satz hinreißen: „Es ist ein Glücksgefühl, Müll zu finden!“

Endlich! Die Realität ist fast so spannend wie ein Computerspiel

Ich gebe alles und lehne mich weit übers Wasser, um den winzigen Fetzen einer Plastiktüte zu schnappen. Es klappt.

„Du hast gutes Aim, Mama!“

"Wie bitte?"

„Gutes Aim! Sagt man beim Zocken, wenn einer gut trifft.“

Ah, Saubermachen kann also so spannend sein wie ein Computerspiel, man muss es nur richtig angehen. Merke ich mir für Zuhause, wenn der Müll in Freds Zimmer mal wieder überhand nimmt.

Die Liste mit der Müllausbeute der letzten Tage 

Die Zeit ist um, wir paddeln zurück zum Steg, hieven den Eimer hinauf und dann wird gewogen: 2,5 Kilo haben wir zusammengekriegt, nicht gerade viel. Aber als wir auf die Liste schauen, auf der die Funde der letzten Tage vermerkt sind, stellen wir fest: Insgesamt 37,6 Kilo Beute in vier Tagen. Zusammengenommen gar nicht so wenig!

Die Aktion hat nicht nur Spaß gemacht, sie hat auch unseren Blick geschärft: „Hier liegt ganz schön viel Müll rum“, fällt Fred auf, als wir zurück nach Sankt Pauli radeln.

Zuhause schauen wir uns noch den Verlauf der Alster an und uns wird klar: Alles, was im Kleinen passiert, hat Einfluss aufs große Ganze. Die Alster mündet in die Elbe, die Elbe in die Nordsee, die Nordsee ist mit dem Atlantik verbunden und der mit allen anderen Ozeanen – und so treibt der Hamburger Müll vielleicht sogar bis in die ferne Südsee. Hat sich wirklich gelohnt, unser Ausflug auf dem Wasser.

Info: Kostenloses Kayak buchen und Müll sammeln geht unter www.greenkayak.org



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