Mit 25 ins Kloster: "Als Nonne bin ich glücklicher"

Das Studium abbrechen und ins Kloster gehen: Was treibt eine Frau dazu? Das Porträt der 25-jährigen Nonne Maria.

Maria und ihre Schwestern. Allein möchte sie sich nicht fotografieren lassen - im Kloster zählt die Gemeinschaft mehr als der Einzelne.

Maria wirft einen prüfenden Blick in den Spiegel, hält ihre Haube in den Händen. "Nein, ich bereue meinen Entschluss auf keinen Fall", sagt sie entschlossen. "Die Entscheidung, Nonne zu werden, kam für viele meiner Freunde, aber auch für meine Familie völlig unerwartet." Sie hätten zwar gewusst, dass der Glaube im Leben der damaligen Soziologie-Studentin eine große Rolle spielte, aber sie alle waren sicher, dass Maria eine "normale" Laufbahn wählen würde. "Normal", betont Maria. "Es hat mich damals schon ein wenig verletzt, zu hören, dass sie meine Entscheidung fürs Nonnenleben unnormal oder merkwürdig fanden." Maria versuchte, der Familie ihre Gründe zu vermitteln. Es war schwer, weil niemand in ihrer Verwandtschaft gläubig ist. Marias Großeltern waren die einzigen, die sich mit dem katholischen Glauben auseinandergesetzt haben. "Aber sie haben es nicht freiwillig gemacht. In ihrer Jugend war der Glaube noch fest in der Gesellschaft verankert. Während und nach dem Zweiten Weltkrieg hat die Bedeutung der Religion im Alltag der Menschen stark abgenommen", stellt sie fest. Der Glaube wurde in Marias Familie nie ernsthaft diskutiert. Maria witzelt deshalb, sie sei das "schwarze Schaf", denn sie habe andere Wertvorstellungen als all' ihre Verwandten.

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Bereits als Mädchen hat sich Maria für die Religion interessiert: "Ich ging seit meinem 13 Lebensjahr regelmäßig in die Kirche, unterhielt mich stundenlang mit Pfarrern und meinen Religionslehrerinnen." Was der genaue Auslöser für ihre Begeisterung und ihren Glauben war, kann sie heute nicht mehr sagen. Nur, dass ihr die Religion damals Antworten auf Fragen geben konnte, die ihr keine Ruhe gelassen haben. "Es waren fundamentale Fragen", erklärt Maria. "Ich habe nach dem Sinn unseres Lebens gesucht." Da habe sie festgestellt, dass sie sich mit den Ansichten der katholischen Kirche identifiziert. Sie glaubt beispielsweise an die Unsterblichkeit der Seele.

Identifizierte sie sich aber damals schon mit den Verboten der Kirche? "Ja", sagt Maria entschlossen. Natürlich hätte sie während der Schulzeit ab und zu "Schmetterlinge im Bauch wegen einiger Jungen" gehabt. Aber diese Gefühle seien nie mehr als flüchtige Momente gewesen. Eine Beziehung hat Maria nie gehabt. Einmal habe sie einen Mann geküsst, erzählt sie. Das war bereits während ihres Studiums. "Es fühlte sich jedoch für mich nicht so schön und erhebend an, wie ich erwartet hatte", gesteht sie. Das Einzige, was Maria ein dauerhaft gutes Gefühl verleiht, ist die Religion, ihr tief empfundener Glaube.

"Meine Mutter hat meine Entscheidung, ins Kloster einzutreten, besonders getroffen, weil sie sich gewünscht hatte, dass ich heirate und sie irgendwann Enkel hat." Aber Maria möchte keine eigene Familie gründen. Unter ihren Mitschwestern, so sagt sie, fühle sie sich zuhause. Obwohl ihre Mutter sie nicht versteht, haben die beiden ein gutes Verhältnis zueinander. Trotzdem kann sich die Mutter nie eine humorvolle Bemerkung über Marias Nonnentracht verkneifen. "Aber wir lachen immer zusammen über ihre Kommentare. Ich habe sie sehr lieb."

Maria sagt von sich, sie sei kein anderer Mensch geworden, nur weil sie ein Nonnengewand trägt. Aber es war merkwürdig und ungewohnt für sie, das erste Mal während ihres Noviziats in diese Kleidung zu schlüpfen. Das Noviziat ist die Ausbildung zur Nonne. Diese Lehrzeit gibt Frauen die Möglichkeit, gründlich zu prüfen, ob sie dem Kloster wirklich beitreten wollen. Maria fielen die ersten Wochen unerwartet schwer. "Während des Noviziats wurde plötzlich aus "ich" ein "wir"," beschreibt die junge Frau den Prozess. "Ich lernte, als Teil einer religiösen Gemeinschaft zu leben."

Armut, Zölibat und Gehorsam waren Marias neue Leitwerte, aber keine der drei Bedingungen fiel ihr schwer. Die klösterliche Armuts-Regel lautet, man solle "frei sein von der Abhängigkeit zum Besitz". Die wichtigsten persönlichen Dinge, wie ihre Lieblingsbücher oder das alte Stofftier, das sie seit ihrer Kindheit hat, nahm Maria trotzdem mit ins Kloster. Eine strenge Mutter Oberin, die ihren Mitschwestern die Regeln eisern beibringen will, gibt es nicht. Autoritär muss es laut Maria gar nicht zugehen - alle Nonnen halten sich aus tiefer Überzeugung an die Regeln. Diese Überzeugung ist einer der Gründe, wieso die gebürtige Frankfurterin am Ende ihres Noviziats das Gefühl hatte, im Kloster ihr wahres Zuhause gefunden zu haben: Sie konnte sich völlig mit ihren Mitschwestern identifizieren.

Alltag im Kloster

"Mein Alltag im Kloster ist schlicht, aber wunderbar", sagt Maria. Sie steht um halb sechs auf und hält ein Morgengebet mit ihren Mitschwestern. Das ist Teil der Kloster-Tradition. Das frühe Aufstehen soll dazu anhalten, den Tag zu nutzen und sich nicht der Muße hinzugeben. Nach dem Morgengebet erledigt sie reguläre Hausarbeit wie Putzen und Kochen. Um zehn Uhr ist Messe. Anschließend fährt die 25-Jährige mit einigen ihrer Mitschwestern zu einem Obdachlosenheim, wo sie bis nachmittags arbeitet. "Das ist die schönste Arbeit überhaupt", sagt Maria. "Auch wenn sie sehr hart und fordernd sein kann - es ist ein erfüllendes Gefühl, anderen helfen zu können." Wenn sie am späten Nachmittag ins Kloster zurückkommt, bereitet sie mit anderen das Abendessen vor. Anschließend wird gemeinsam gebetet. Die letzten Stunden des Tages verbringt sie meist damit, Briefe und E-Mails an ihre Eltern und drei besten Freundinnen zu schreiben. Obwohl Maria einen völlig anderen Alltag hat, könne sie ihren Freundinnen dennoch immer Rat und Unterstützung geben: "Wir kennen uns seit Ewigkeiten; wir wissen, wie wir sind und haben nach wie vor regen Anteil am gegenseitigen Alltag." Manchmal jedoch fürchte sie, dass sich selbst enge Freundschaften eines Tages auseinander leben, weil ihr Alltag völlig anders ist als der ihrer Freundinnen. Aber darüber grübelt Maria heute noch nicht viel nach. Noch hat sie keinen Anlass.

Nach dem Schreiben der E-Mails geht Maria ins Bett und liest noch ein wenig. Derzeit liegt ein Buch von Paolo Coelho auf ihrem Nachttisch. "Er schreibt wunderbar poetisch und herzergreifend", schwärmt Maria. Zwischen halb elf und elf macht sie das Licht aus.

Viele Leute glauben, Nonnen leben hinter den hohen Klostermauern wie im Mittelalter. "Unsinn!", sagt Maria. Am Wochenende gibt es im Kloster oft Filmabende, es kommt Besuch vorbei und die Ordensschwestern verreisen auch gemeinsam (in der Nonnentracht und mitsamt Kopfhaube) - "kurzum: Unser Leben ist nicht so viel anders als das von anderen Leuten. Ich habe nur eine andere Priorität", fasst Maria zusammen. Sie müsse Samstagabends eben nicht unbedingt Dirty Dancing gucken. Sie lacht. "Wir sind schon sehr wählerisch, was die Filme angeht. Entgegen aller Vorurteile: Wir schauen uns nicht jede Woche Die Dornenvögel an", fügt sie hinzu. Meistens kommt Maria nicht zum Filmeschauen, weil ihre Eltern oder Freunde kommen. "Ich habe Glück, dass sie alle so nah wohnen, sie kommen fast jedes Wochenende vorbei oder ich fahre zu ihnen."

Seitdem sie im Kloster ist, haben einige alte Schulfreunde Maria kontaktiert. Die meisten wollen wissen, wie Maria mit dem Gedanken zurechtkomme, sich nicht selbst verwirklichen zu können. "Und sie fragen mit soviel Inbrunst, als gebe es nichts anderes als Karriere. Sie scheinen nicht zu verstehen, dass Selbstverwirklichung so individuell ist wie jede Person." Sie habe sich vor zwei Jahren selbst verwirklicht, als sie sich für das Noviziat entschieden hat. Damals sind die meisten ihrer Uni-Bekanntschaften fast sofort erloschen. Diejenigen, die anschließend mit ihr im Kontakt geblieben sind, betrachtet Maria als ihre wahren Freunde. "Aber mir war vorher schon klar, wer mir weiterhin schreiben und mich besuchen kommen würde - es gab keine bösen Überraschungen."

Böse Überraschungen gibt es aber ab und zu, wenn Maria das Kloster verlässt und mit "Normalbürgern" in Kontakt kommt. "Wenn ich einkaufen gehe oder sonstiges erledigen muss, habe ich das Gefühl, dass die Leute mir sehr widersprüchlich begegnen". Ältere Leute würden sie meist übertrieben höflich und respektvoll behandeln, jüngere wiederum würden sich manchmal über ihre Nonnentracht lustig machen. "Sie denken wahrscheinlich, es sei ein Kostüm, weil ich noch so jung bin." Auch üble Situationen hat sie schon erlebt. Erst kürzlich schubste sie ein Mann verächtlich zur Seite und meinte, dass Gott keinem helfen könne, weil er nicht existiere.

"Ich möchte keinen von meinem Glauben überzeugen", erklärt Maria, auch die Reaktion des Mannes versucht sie zu verstehen anstatt ihn zu kritisieren. "Ich möchte nur in Ruhe meinen Weg gehen und meinen Glauben leben", sagt die 25-jährige, während sie sich die Nonnenhaube über das blonde Haar zieht.

Text: Anna Gielas
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