VG-Wort Pixel

Mit 40 in die WG?


Mit 40 in die WG - ist das nicht ein Rückschritt? Keinesfalls, denn im Zusammenleben stecken große Qualitäten. Hier stellen wir drei WGs vor, in denen Frauen diese Wohnform als ideale Alternative entdeckt haben.

WG in Hamburg hat zwei Zimmer frei

Sonntagmorgen. Sie treffen sich im Flur. Er, ein gestandener Mann Mitte vierzig, ist auf dem Weg nach draußen. Sie, graue Strähnen im blonden Schopf, einen feinen blauen Lidstrich über den Augen, spricht ihn an: Na, wie ist's. Ich geh jetzt zum Sport, sagt er. Conny Sessler runzelt die Stirn. Das ist ja ganz was Neues, das gab es ja noch nie, sagt sie zweifelnd. Ihr Mitbewohner, ein bisschen verlegen, weil ertappt, murmelt leise: Nicht aktiv, nur zum Gucken. Bist du zum Abendbrot zu Hause? Sie verabreden sich auf eine Portion Falafel um sieben. Dann geht jeder seines Weges.

Wir sind jetzt wieder vier, sagt Conny Sessler, 45, Redakteurin in Hamburg zufrieden. Acht Jahre war die WG in dieser Wohnung stabil, bis einer nach Kanada zog. Kurz darauf gaben sie folgende Annonce auf: WG in Hamburg hat 2 Zimmer frei. 2 Frauen, 1 Mann, 1 Hund suchen jemanden, der gern in Wohngemeinschaft lebt, erwachsen, verträglich und berufstätig ist. Ach: Bei uns ist nur der Hund noch nicht über 40.

Conny Sessler wirft die Espressomaschine an, schäumt Milch auf und bereitet einen Cappuccino. Dann trägt sie die Tassen in ihr großes, sonnendurchflutetes Zimmer und erzählt: wie tagelang das Telefon geklingelt hat, weil Leute anriefen, denen die Idee gefiel. Sie ließen sich die Wohnung beschreiben, kamen, um die Zimmer anzugucken, und sagten: Oh, ist das schön hier, denn die Decken sind hoch und mit Jugendstil-Stuck verziert, die Flügeltüren breit und der Flur so groß, dass man Walzer tanzen könnte.

Der 250-Quadratmeter-Altbau stiehlt jedem Single-Apartment die Show. Und die Augen der Besichtiger leuchteten entsprechend. Doch bei vielen dachte ich gleich: Träum ruhig weiter, du passt hier nicht rein, erzählt Conny Sessler, denn es geht ja um mehr als um das Vermieten von zwei Zimmern. Mit andern zu wohnen, vor allem, wenn man nicht mehr ganz jung ist - das gelingt nicht jedem. Ich glaube, das muss trainiert sein. Irgendwann aber stand einer in der Tür, und sie hatte das Gefühl: Prima, das könnte was werden. Dann haben wir einen Kennenlern-Termin vereinbart. Franz, der Hund, ist der Einzige, der ohne Vorstellungsgespräch hier einzog.

Der Zimmernachbar steckt den Kopf zur Tür rein. Gehst du mit dem Hund? Wir gehen an die Elbe, nur ein paar Schritte von der Wohnung entfernt. Die Sonne scheint, Tausende flanieren: Paare, junge, alte, oft auch zu mehreren und in allen Konstellationen: Mann - Frau. Frau - Frau. Mann - Mann, Hand in Hand, turtelnd. Dazwischen Mütter allein mit einem Pulk tobender Kinder und Männer, die Sportkarre schiebend. Franz hat einen Riesenspaß: So viele Hunde! Familien - also Vater, Mutter, Kind in klassischer Sonntagsspaziergeh-Konstellation - sind eher selten.

Als Mädchen wollte ich das auch: Mann, Heiraten, Kinder. Natürlich! Ich bin in den 50er Jahren aufgewachsen, mit Kleinfamilie, das war einfach so. Während des Studiums wurden andere Dinge wichtiger: Politik, Gemeinschaft, Reisen. Mit jeder Beziehung, die in die Brüche ging, zerbröckelte der Klein-Mädchen-Lebensentwurf weiter. Heute sagt sie: Dies ist nicht mehr die Phase, in der ich denke: Was mache ich mit meinem Leben. Sondern ich nehme zur Kenntnis: Ach, so ist es. Ich kann mich nicht neu erfinden. Früher, sagt Conny Sessler, hätte man eine unverheiratete Mittvierzigerin eine alte Jungfer genannt. Sie hätte die Kinder der Verwandtschaft zu hüten und würde bei denen mit wohnen. Wie gut, dass diese Zeiten vorbei sind.

Vorbei ist leider auch die Zeit der großen Wohnungen, die zu diesem Familienkonzept gehörten. Lauter kleine Einheiten für einzelne Menschen entstehen - in Hamburg wie anderswo auch. Der Wohnungsbau trägt dem gesellschaftlichen Wandel Rechnung. Für mich wäre das nichts, sagt Conny. Zwei Jahre habe ich allein gelebt. Das waren ganz sicher nicht meine besten. Anders als Arbeitskollegen oder Bekannte erleben die WG-Kollegen sie so, wie sie ist. Ungeschminkt, oft im wahrsten Sinne des Wortes. Ich brauche solche lebendigen Beziehungen. Auch wenn alle immer älter werden und die Macken dabei immer deutlicher hervortreten. Manchmal, wenn sie die Sammlung von Brillen auf dem Küchentisch sieht, muss sie lachen. 13 Jahre noch, dann wird die älteste Mitbewohnerin 70. Und noch ein paar Jahre später die WG zur gerontologischen Abteilung. Na und?, sagt Conny fröhlich. Manche nennen uns Dinosaurier, Überlebende aus der Aufbruchphase der 70er Jahre. Aber für mich ist das die passendste Art zu leben.

Der Bremer Beginenhof

Wir wollen die Renaissance der Beginenbewegung in Europa. Unser Ehrgeiz, sagt die Frau mit knallroter Weste und kurzen Haaren, geht weit über Bremen hinaus. Den ersten Schritt dahin haben Erika Riemer-Noltenius, 61, und ihre Mitstreiterinnen in diesen Tagen geschafft. In der Bremer Neustadt eröffnen sie ein Wohnprojekt für Frauen jeden Alters.

Angefangen hat das im Herbst 1997 mit einer kleinen Meldung in der Zeitung: Der Verein Bremer Beginenhof Modell lädt am morgigen Donnerstag zu einer Informationsveranstaltung ein. Angesprochen sind alleinstehende Frauen aller Altersstufen, die zwar in einer eigenen Wohnung, aber trotzdem in einer Gemeinschaft leben möchten.

Die Frauen kamen in Heerscharen, dabei hatten wir noch gar nichts, erzählt Erika Riemer-Noltenius, kein Grundstück, keinen Plan, nur eine Idee. Jetzt spannt sich der Bauplan über die ganze rechte Wand des Büros: 67 Wohnungen sind realisiert, dazu Kindergarten, Restaurant, Markthalle, Wellness-Bereich, Sauna, Läden, Büros, Praxen und ein Apartment-Hotel. Alles in Frauenhand. Und ausgebucht. Schon vor dem ersten Spatenstich waren alle Wohnungen vergeben. Wir wundern uns, wer da alles kommt, sagt Erika Riemer-Noltenius. Berufstätige, erfolgreiche Frauen. Alte, die schüchtern fragen, ob da ein Platz für sie sei. Alleinerziehende Mütter mit ihren Kindern. Gefragt, was all diese Frauen reize, sagt sie: Sie suchen Gemeinschaft.

Ein Vierteljahrhundert hat die Idee in ihrem Kopf gespukt. Gezündet hatte sie in Brügge. Dort sah die Politologin einen Hof, gerahmt von kleinen, gelben Häuschen, mit einer großen Wiese in der Mitte, mit Bäumen und Millionen Osterglocken. Es war ein Beginenhof, das tollste Stück Architektur, das ich kenne: ganz im Dienste des Miteinanders.

Die Beginen waren im Mittelalter Frauen, die in Gemeinschaften miteinander lebten und wirtschafteten. Sie waren fromm, aber keine Nonnen, denn sie hatten nie ein Gelübde abgelegt und konnten jederzeit ihren Status ändern. Sie sind uns ein großes Vorbild, sagt Erika Riemer-Noltenius, faszinierend unabhängig und solidarisch. Es waren reiche Frauen und arme, junge und alte, die ihren Alltag teilten. 400 Jahre hielt sich die Bewegung, bis zur Reformation. Jetzt wird sie wiederbelebt.

Erika Riemer-Noltenius stammt aus einer angesehenen Bremer Senatoren- und Kaufmannsfamilie. Sie weiß, wie man in der Hansestadt Politik macht. Und sie ist eine, die zupackt. Erst beim Studium in Frankreich, dann als Referentin an der Handelskammer, später als Trainerin im Tennisverein und - seit Mitte der 80er Jahre - in der Frauenbewegung in Bremen. Schon mit drei, vier Jahren wollte ich vor allem unabhängig leben, erzählt sie. Familie gehörte nicht zu ihrem Plan. Sie heiratete dennoch, wurde 1982 Witwe mit einer Rente, die reicht, um zu leben. Und sich in einem Projekt wie dem Beginenhof zu engagieren, wo viel über unbezahlte Ehrenämter läuft.

Was in dem neuen Wohnviertel in der Neustadt entsteht: Jede Bewohnerin hat eine eigene abgeschlossene Wohnung - 60 bis 65 Quadratmeter die meisten. Daneben gibt es Gemeinschaftsräume. Wer Lust hat, kann gucken, ob andere da sind, schnacken, gemeinsam kochen. Oder zum Telefon greifen: Gespräche unter den Bewohnerinnen sind im ganzen Komplex gratis. Es bleibt jeder überlassen, wie intensiv sie Gemeinschaft sucht, sagt Erika Riemer-Noltenius. Aber grundsätzlich sind die Beginen füreinander da, verantwortlich, bereit, sich gegenseitig zu unterstützen. Allerdings ohne lebenslange Bindung. Manche, gerade jüngere Frauen finden sicher wieder einen Partner und werden den Beginenhof verlassen. Männer dürfen nicht einziehen. Sie sind nur als Gäste willkommen oder als Kunden in den Läden.

Wir stellen die Wahlverwandtschaft neben die Blutsverwandtschaft, sagt Erika Riemer-Noltenius. Heute ist die Crux der Gesellschaft die Einsamkeit, die Isolation vieler. Die wollen wir durchbrechen. Die Geschichte der Beginen dient dabei als Kraftquell. Die Idee soll ganz Deutschland, ganz Europa erfassen. In jeder größeren Stadt soll es wieder Beginenhöfe geben. Die Zeit sei reif. Ihr seid Pionierinnen, ruft die Macherin den angehenden Beginen zu, ihr habt Wagemut, ihr seid bereit, etwas Neues zu entwickeln. Niemand weiß, wo das hinführt. Aber was 400 Jahre lang funktioniert hat, wird auch heute funktionieren. Denn die Menschen haben sich in ihrem Wunsch nach Gemeinschaft nicht geändert.

Frauen-WG in Berlin

Das Telefon klingelt. "Hi, na, wo steckst du?... Ich bin auch gerade erst nach Hause gekommen... Doch, es ist noch Auflauf da, und wir können uns einen Salat dazu machen... Nee, brauchst keine Pizza zu holen, das reicht schon." Allison Brown, Wohngemeinschafts-Älteste in einer Frauengenossenschaft über den Dächern von Berlin-Kreuzberg, legt den Hörer auf und kommt zurück in die Küche. "Das war meine Mitbewohnerin", sagt sie. Es ist Donnerstagabend, kurz vor neun. Allison hat, wie so oft, bis in den Abend hinein im Büro an einer Übersetzung gefeilt. Ein paar Minuten später kommt ihre Mitbewohnerin zur Tür rein, lässt die Tasche fallen, knurrt: "Ich habe einen Mega-Hunger, ich sterb gleich", und die beiden fangen an Gemüse zu schnippeln. Nebenbei erzählen sie sich das Neuste vom Tage.

Allison ist 45, Amerikanerin, freiberufliche Übersetzerin, Single, seit 18 Jahren in Berlin. Eine Langstreckenläuferin mit Kapuzenpulli und Turnschuhen. Acht Jahre hat sie allein in einer großen, sonnigen, schönen Ein-Zimmer-Wohnung in Charlottenburg gewohnt, bevor sie mit Anfang 40 beschloss, wieder in eine Wohngemeinschaft zu ziehen.

Anfangs hatte sie Zweifel. Ist der Schritt aus der eigenen Wohnung in die Gemeinschaft nicht einer zurück? "Ich hatte ja eine richtige Wohnung, so eingerichtet, wie ich es gerne mag. Ich kam mir erwachsen vor: mit Möbeln, Büro und Wochenendhaus auf dem Land. Aber ich war viel allein." Die selbständige Arbeit kostete Kraft und Zeit, und es blieb kaum Energie übrig. Das Ergebnis: Allison hörte auf, sich wie früher im Sportverein und in Gruppen zu engagieren. Sie zog sich zurück. "Am Anfang ist mir das kaum aufgefallen, weil ich eine Beziehung hatte. Aber als die dann kaputtging, habe ich gespürt: Du willst wieder unter Menschen wohnen." Und hörte über eine Freundin von zwei Frauen, die sagten: Bei uns ist ein Zimmer frei. Hast du Interesse? Da waren Erinnerungen, starke.

"Meine erste WG war ein lebensveränderndes Erlebnis", sagt Allison. Das war in den 70ern auf dem Campus, in einer Villa mit 50 Leuten, einer Art Hippie-Studenten-Haus, wo alles kollektiv war. Wo jeder mal dran war, das Brot für alle zu backen - 12 Stück, jeden Tag -, zu kochen, zu putzen, die Geschirrhandtücher zu waschen. Wo über alles und jedes diskutiert werden musste, oft bis spät in die Nacht. Und jedes Semester zog jeder in ein anderes Zimmer, damit klar war: Es geht um die Gemeinschaft, nicht um den Komfort. Wenn Allison heute davon erzählt, hört sich das an wie ein Märchen aus einer anderen Zeit.

Ihre jetzige Wohnung liegt auch in einem größeren Komplex, in der Schoko-Fabrik, einem Projekt von und für Frauen. Aber Allison teilt die 138 Quadratmeter nur mit zwei anderen, und das Brot kommt vom Bäcker. "Jede hat ihr Leben, ihren Beruf, ihren Freundeskreis", erzählt Allison. Und trotzdem: "Es ist einfach nett zu wissen, dass jemand da ist. Andere wahrzunehmen, im Alltag wahrgenommen zu werden. Und kochen macht viel mehr Spaß, wenn man weiß, jemand anderes isst mit." Einmal in der Woche, höchstens, gelingt den Frauen das. Es ist eine Gemeinschaft in Zwischenräumen: Die eine Mitbewohnerin fährt am Wochenende oft zu ihrer Freundin nach Hamburg. Die andere pflegt ihre Beziehung im Ruhrpott. Und so kommt es, dass Allison sonntagmorgens manchmal ohne WG, ganz allein, am Frühstückstisch sitzt und überlegt: "Das ist mir so fast schon zu wenig. Meine Mitbewohnerinnen sind supernett. Aber mir fehlt das Familiengefühl. Das ist noch nicht ganz die Gemeinschaft, von der ich geträumt habe."

Tipps für WG-Interessierte

Lust auf gemeinsame Küche? Wohngemeinschaften suchen neue Mitbewohnerinnen in der Regel per Kleinanzeige in den Stadtmagazinen oder in der Sonnabendsausgabe der "taz". Immer häufiger sind dort auch Inserate von nicht mehr ganz jungen Menschen zu finden. An erster Stelle steht meist ein ausführliches Gespräch. Das ist für beide Seiten eine gute Chance zum Kennenlernen, die Sie nutzen sollten. Passen die Leute zu mir? Und ich zu ihnen? Passen die Ansprüche an den gemeinsam genutzten Wohnraum zusammen? Eine Liste mit Wohnprojekten im gesamten Bundesgebiet finden Sie im Internet unter www.wohnprojekte.de. Sie können sie auch - zusammen mit Informationen über die Arbeit des Vereins - beim Forum für gemeinschaftliches Wohnen im Alter, Kiebitzrain 84, 30657 Hannover, bestellen (frankierten Rückumschlag plus 2,20 Mark in Briefmarken beilegen). Das Bremer Beginenhof Modell hat die Anschrift Langenstraße 68, 28195 Bremen, und ist im Internet unter www.beginenhof.de zu finden. Brigitte-Leserin Ulla de Pellegrini sucht über ihre Website www.altweibersommer.de Mitbewohnerinnen.

Protokolle: Cornelia Gerlach

Mehr zum Thema