Moldau: Wie Frauen gegen Zwangsprostitution kämpfen

Im ärmsten Land Europas, dem kleinen Moldau, versucht die Psychologin Lilia Gorceag, ehemaligen Zwangsprostituierten zu helfen.

Nachts kommen die Männer zurück. Sie fesseln sie, dringen in sie ein, sie lassen Skorpione über ihre nackten Körper laufen. Nachts verschwimmt die Grenze zwischen Albtraum und Erinnerung. Zwischen der Vergangenheit in einem Bordell irgendwo in Europa und der Gegenwart in diesem Wohnheim. Noch vor wenigen Tagen waren sie eingepfercht in billigen Hotelzimmern. Jetzt liegen sie in Zimmern mit Stockbetten, neben und über ihnen Frauen, die wie sie gefangen gehalten wurden. Doch hier ist die Tür offen - einige müssen sich davon immer wieder überzeugen.

Niemand schläft gut in diesem Wohnheim in Chisinau. Die Schreie der Frauen hallen über den Flur und wecken die anderen. Auch Lilia Gorceag, 59. Die Psychologin hat schon viele Nachtschichten gegenüber den Schlafräumen der Frauen verbracht. Sie kennt ihre Albträume. Seit acht Jahren hört sich Lilia Gorceag an, was die Frauen erzählen: Berichte aus dem Alltag der modernen Sklaverei.

Die Republik Moldau, ein schmales Land zwischen Rumänien und der Ukraine, gilt als eines der Zentren des osteuropäischen Menschenhandels. Frauen, Kinder und auch Männer werden als Prostituierte, Bettler und Zwangsarbeiter ausgebeutet. Niemand weiß, wie viele es sind. Rund 340 Frauen und Mädchen suchen jedes Jahr Zuflucht im Rehabilitationszentrum der Internationalen Organisation für Migration (IOM), das sich in der Hauptstadt Chisinau befindet. Sie erhalten hier kostenlos medizinische Versorgung, juristische Hilfe und, wenn sie wollen, eine Kurztherapie. Fast jeden Tag trifft ein neues Opfer ein. Früher kamen viele aus den Kriegsgebieten Ex-Jugoslawiens zurück - mit den Soldaten stieg dort die Zahl der Prostituierten. Aber auch aus Italien und Deutschland kehren Frauen zurück. Länder, in denen die Fahndung nach Menschenhändlern jetzt verschärft wurde. Inzwischen werden die meisten Frauen nach Russland und in die Türkei verschleppt, wo die Gesetze nach wie vor lax sind.

Morgens scheint die Sonne durch die Fenster auf bunte Bettwäsche und zitronengelb gestrichene Wände. Kinder toben durchs frisch geflieste Treppenhaus. Das Zentrum ist ein freundlicher Ort - ein sicherer. An der Haustür hängt kein Schild. Nichts deutet darauf hin, dass hier insgesamt 20 ehemalige Zwangsprostituierte bis zu vier Wochen wohnen können. Die meisten kommen direkt vom Flughafen, wo IOM-Mitarbeiter sie abholen. Sie konnten fliehen vor ihren Zuhältern, weil Interpol sie aufgespürt und an die Organisation übergeben hat. Sie haben oft monatelang darauf gewartet, mit irgendeinem Handy telefonieren zu können. Um endlich die Familie zu benachrichtigen oder die internationale Hotline für Opfer von Menschenhandel anzurufen. Sieben Frauen zwischen 18 und 41 sind gerade hier, darunter Mütter mit ihren Kindern, außerdem drei Minderjährige. Die Jüngste ist 13, sie kommt vom Straßenstrich in Moskau.

Ein abgewetztes Sofa, zwei Stühle, ein voll beladener Schreibtisch - Lilia Gorceags Büro. Sie ist ein mütterlicher Typ, große braune Augen, runde Figur; zugleich liegt etwas Burschikoses in der Art, wie sie sich mit der Hand durchs Gesicht fährt oder impulsiv auf dem Stuhl zurückwirft. Die Tür steht offen - jetzt, im Sommer, wäre die Hitze sonst nicht zu ertragen.

Die Frauen, die auf dem Flur vorbeigehen, nehmen keine Notiz von den Besuchern. Ihre Blicke sind abweisend. "Sie verstecken sich hinter einer Maske der Arroganz", sagt die Psychologin. Niemand soll in ihnen ein Opfer sehen. Weil dies der letzte Rest an Stolz ist, den sie haben. Und weil sie sich selbst die Schuld dafür geben, dass sie leiden mussten. Sie wurden wie Vieh auf Lastwagen transportiert oder mussten zu Fuß über eisige Berge, sie verschafften sich für hohe Summen gefälschte Visa und verschuldeten sich damit - bloß weil sie ins Ausland wollten, Geld verdienen. Sie riskierten viel und verloren alles: Gesundheit, Ehre, Selbstvertrauen. Schuldgefühle machen einsam.

Unter den Zwangsprostituierten gibt es wenig Solidarität, keinen kämpferischen Gemeinsinn, keine Heldin, die sich nun für die anderen einsetzt. Die meisten verkapseln sich. Wie schafft man es dennoch, ihr Vertrauen zu gewinnen? Lilia Gorceag lehnt sich zurück und lächelt. "Ich kann warten." Nach ein paar Tagen kommen die Frauen zu ihr - und sitzen dann erst mal schweigend auf dem Sofa.

Also spricht Lilia Gorceag mit ihnen über ihren Alltag: Geldsorgen, Probleme mit Ehemännern, Kinder. Später tastet sie sich an das Trauma heran. Fast alle leiden unter Symptomen, die Fachleute als posttraumatisch bezeichnen. Ein Zustand, vergleichbar mit den Erfahrungen von Soldaten im Krieg. Noch Jahre später kann er wieder auftreten. Schlaflosigkeit zählt dazu, Verfolgungsangst, Phobien vor geschlossenen Räumen. Eine Stimme, ein Geruch kann eine Panikattacke auslösen. Die meisten Frauen ertragen es nicht, von jemandem berührt zu werden. Magersucht, Drogen- und Alkoholabhängigkeit - das alles sei normal bei den Heimkehrerinnen, sagt die Therapeutin. Hinzu kommen die Verletzungen von den Misshandlungen: Rippenbrüche, Prellungen ...

Einige Frauen wollen zwar über das Erlebte reden, aber können es nicht. Sie öffnen sich erst unter den Händen von Lilia Gorceag. Ein sanfter Druck auf bestimmte Stellen des Körpers, und die Frauen entspannen sich. Manche fangen an zu zittern, Blockaden lösen sich, andere schlafen erst einmal ein. Viele können nach langer Zeit endlich wieder weinen.

An schweren Tagen hilft Lilia Gorceag selbst ein Psychiater. Und ihr Mann. Eine glückliche Ehe, seit 37 Jahren. Es kommt vor, dass sie nachts schreiend aus einem Traum hochfährt, dann steht er auf und kocht ihr einen Tee. "Mir fehlt oft die nötige Distanz", sagt die Psychologin und reibt sich die Augen. Manchmal ist sie entmutigt. "Viele Frauen bräuchten eine langfristige Therapie. Oder wenigstens Menschen, mit denen sie reden können." Doch die meisten stoßen auf Ablehnung. IOM schickt deshalb Sozialarbeiter durch das Land, um die zuweilen etwas starrköpfigen orthodoxen Pfarrer zu sensibilisieren. Die Seelsorger haben oft den engsten Draht zu den Ex-Prostituierten.

Orhei. Dort, wo die Felder enden und vereinzelt schon ein paar Häuser stehen, wohnt Viorica, 22. Als sie vor vier Jahren ins Wohnheim nach Chisinau kam, war ihr Bauch aufgebläht wie ein Fußball - eine Infektion der Gebärmutter. Die meisten Zwangsprostituierten holen sich Geschlechtskrankheiten, viele infizieren sich mit Aids. Für Viorica bedeutete es immerhin das Ende ihres zweimonatigen Martyriums. Ihr Käufer, ein Bordellbesitzer auf Zypern, schmiss sie einfach raus. Auf Kosten von IOM wurde sie operiert. Heute lebt sie mit ihren zwei Töchtern, zwei und sechs Jahre, in einer kleinen, aber komfortablen Dreizimmerwohnung mit Bad und Küche, die ihrer Mutter gehört. Viorica sitzt auf ihrem Bett, schmal, kindhaft, umgeben von Stofftieren. Die Vorhänge sind zugezogen, im Fernsehen läuft ein Zeichentrickfilm. Eine Höhle.

"Nach meiner Rückkehr aus Zypern fing ich an zu zittern, sobald mir Männer auf der Straße entgegenkamen", erzählt sie. Und wenn ihre Tochter sie von hinten berührte, zuckte sie zusammen, weil sie dachte, es sei ein Kunde, der sie anfasst. Die zweite Schwangerschaft war ein Versuch, ins normale Leben zurückzukehren. "Ich wollte eine richtige Familie." Doch der Mann verließ sie ein paar Monate nach der Geburt des Kindes. Viorica spricht mit heiserer Stimme, ihre Worte sind gewählt. Eine intelligente Frau. Sie war gut in der Schule, sagt sie, ihr Lieblingsfach war Rumänisch, die Landessprache. Gern hätte sie Psychologie studiert. Doch dann kam mit 16 das erste Kind, und ihr Vater, der sie als Kind oft misshandelt hatte, setzte sie vor die Tür. Als ihr eine Bekannte einen Job als Tänzerin auf Zypern anbot, zögerte sie nicht. Die Frau besorgte ihr einen gefälschten Pass und lieh ihr das Geld für den Flug. Später sollte sie es ihr zurückzahlen. Tatsächlich verkaufte sie Viorica an den Mann, der sie am Flughafen von Nikosia abholte und gleich ihren Ausweis kassierte. Ihr Preis: 2500 Euro, die sie nun bei ihm abarbeiten sollte. "Noch am selben Abend musste ich Kunden bedienen", sagt sie leise und mit weit aufgerissenen Augen. "Wenn ich nicht parierte, sperrte der Zuhälter mich ein, er gab mir nichts zu essen und schlug mich." Sie verstummt. Mehr will, mehr kann sie nicht erzählen.

Sie leidet noch heute, sie hat Schmerzen im Unterleib. Aber von sechs Euro Kindergeld, ihren einzigen Einkünften, kann sie sich keinen Arztbesuch leisten. Krankenversicherung und Sozialhilfe gibt es in Moldau nicht. Sie habe schon oft daran gedacht, Schluss zu machen, sagt sie. "Ich reiße mich zusammen. Wegen der Mädchen."

Viorica ist statistisch gesehen ein typischer Fall: arbeitslos, alleinerziehend, aufgewachsen mit einem gewalttätigen Vater. Auffallend viele Opfer von Frauenhandel haben schon als Kind Gewalt erlebt. Wo andere zurückweichen, gehen sie über ihre Grenzen. Riskieren immer wieder, Opfer zu werden. Auch kluge Frauen wie Viorica tappen in die Fallen der Menschenhändler. Armut und niedrige Löhne machen viele Moldauer blind für die Gefahren. Außerdem kursieren überall die Erfolgsgeschichten der Auswanderer, die jeden Monat hohe Summen auf die Konten der Daheimgebliebenen überweisen - die Gescheiterten erzählen keine Geschichten.

Moldau gilt als ärmstes Land Europas. Das durchschnittliche Einkommen in der ehemaligen Sowjetrepublik liegt zwischen geschätzten 175 und 260 Euro im Monat. Selbst Lehrer und Ärzte verdienen hier oft weniger als das Existenzminimum, das offiziell bei 60 Euro im Monat liegt. Ohne die Auswanderer könnte das Land nicht überleben. Von den 4,3 Millionen Einwohnern arbeiten rund 600 000 im Ausland. Sie verdienen schätzungsweise ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts. Zunehmend werden auch Hochschulabsolventen Opfer von Menschenhandel. Laut einer IOM-Studie waren es 2006 15 Prozent, doppelt so viele wie im vorigen Jahr. Plakate auf den Straßen warnen davor, auf falsche Jobangebote im Ausland hereinzufallen. Monatelang war Chisinau plakatiert mit Bildern von zwei riesigen Männerfäusten - in der einen steckte Geld, in der anderen eine nackte Frau. Radio- und Fernsehsendungen greifen das Thema auf. "Aber solange es keine Sozialhilfe in Moldau gibt, wird sich nichts ändern", sagt Lilia Gorceag.

Chisinau, die Hauptstadt des Armutsstaats, lässt sich nichts anmerken. Boss, Nike, Adidas und das erste McDonald's haben ihre Filialen eröffnet. In unzähligen Wechselstuben tauschen Teenager die Euros und Rubel ihrer im Ausland arbeitenden Eltern um. Junge Mädchen stelzen in Miniröcken und Stilettos über die Straße. Zwischen überfüllten Trolleybussen, die am Stromnetz entlanggleiten, bahnt sich ein deutscher Markenwagen mit abgedunkelten Scheiben den Weg durch den Verkehr. Am Steuer eine Frau, hohe Pumps, schwarz umrandete Augen, lange Fingernägel: Valentina Litvinov, 48, Chefin von Interpol. Vor einer Villa im Zentrum hält sie. Das Interpol-Gebäude hat Norwegen finanziert. Sie selbst verdient 210 Euro im Monat, zu wenig, um die Mieten in der Stadtmitte zu bezahlen. Also lebt sie mit ihrer 25-jährigen Tochter bei ihren Eltern. Ziemlich normal in Moldau, jedenfalls für eine alleinerziehende Mutter. Valentina Litvinov ist die erste Frau in Moldau in einer Spitzenposition der Polizei. Und eine der wichtigsten im Kampf gegen den Menschenhandel. Die studierte Philologin war schon 29, als sie bei der Polizei als Übersetzerin anfing. Nach fünf Jahren in der Zivilabteilung bot man ihr eine Stelle bei Interpol an, damals ein reines Männerteam. Die junge Inspektorin galt als fleißig und äußerst korrekt. "Ich habe höllisch aufgepasst, dass man mir keine Fehler vorwerfen kann", sagt sie. Hinzu kam, dass es gerade mit dem Frauenhandel in Moldau losging. Eine Frau bei Interpol, so dachten die Autoritäten, kann da nur hilfreich sein.

Sechs Jahre später wurde Valentina Litvinov Chefin von Interpol und krempelte den Laden um. Vom autoritären Drill der postsowjetischen Miliz hält sie nichts. Ihre Mitarbeiter mussten sich daran gewöhnen, Entscheidungen als Team zu treffen. Und daran, dass sie die Hälfte der Posten mit Frauen besetzte. Ihre Truppe arbeitet rund um die Uhr. "Unsere Stärke ist Schnelligkeit und das internationale Netzwerk", sagt sie und klingt zum ersten Mal wie eine Polizistin. Ihr größtes Anliegen: Menschenhändlerringe zerschlagen. Bei einigen ist das schon gelungen. "Auch meine Tochter hätte Opfer sein können. Das hat mich immer angetrieben."

Sie gibt Kurse an der Polizei-Akademie. Auf dem Stundenplan steht offiziell: "Die Routen der Menschenhändler". Inoffiziell geht es um etwas anderes: "Vorurteile abbauen." "Ich versuche den Studenten beizubringen, dass sie die Frauen schätzen müssen", sagt sie und trommelt mit ihren Fingernägeln auf den Tisch. Sie kämpft auch bei der Polizei gegen die uralte Doppelmoral: Entweder sind Frauen Engel oder Huren. Ob sie zur Prostitution gezwungen wurden oder nicht, ist egal. Die Frauen sind der öffentlichen Meinung nach unrein. "Dabei sind doch die Männer das Problem", platzt es aus ihr heraus. "Ohne Nachfrage kein Angebot!"

Moldau hat noch ein anderes Problem. Dem Staat hängen etliche Korruptionsvorwürfe an, und zwar auf allen Ebenen: Grenzposten, Polizei, Justiz. Erst ein paar Tage zuvor ließ ein schlecht verdienender Dorfpolizist für ein paar hundert Lei eine 13-Jährige bei ihren Peinigern sitzen. Am nächsten Tag flog die Sache auf, aber da war das Mädchen schon vergewaltigt worden. Oder im Oktober 2006: Die Regierung entließ in einem spektakulären Fall wieder einen hohen Politiker, weil er einen Menschenhändler geschützt hatte. Zu einem Prozess kam es aber nicht. "Die Gehälter der Polizisten müssen endlich erhöht werden", sagt die Interpol-Chefin. Mehr Geld würde die Polizei weniger anfällig für Korruption machen.

Valentina Litvinov gilt als unbestechlich. Mit ihrem fließenden Französisch und ihrem emanzipatorischen Auftreten ist sie so etwas wie die europäische Hoffnung in dem Land, das wie so viele postsozialistische Staaten nur schleppend auf dem Weg in ein stabiles Rechtssystem vorankommt. Die Republik Moldau hat zwar wesentliche UN-Konventionen unterzeichnet, darunter das Palermo-Protokoll, das den Menschenhandel als Verbrechen definiert und einen besseren Schutz der Opfer vorschreibt. Auch besteht seit 2005 ein Strafgesetz, das Menschenhändlern bis zu lebenslange Haftstrafen androht. Doch bei der Umsetzung hapert es. "Es gibt in Moldau praktisch keinen Opferschutz", sagt Valentina Litvinov. "Außerdem werden am Ende eines Menschenhandel-Prozesses zwei Drittel der Täter nur noch wegen Zuhälterei oder Schleusertum verklagt." Die Frauen verlieren damit ihre Immunität als Opfer von Menschenhandel, sie werden zu Zeugen und können dann für ihre illegale Ausreise bestraft werden. Also klagen sie lieber nicht. Sie hüllen sich in Schweigen, weil sie die Verachtung in ihrem Dorf oder in der Familie fürchten.

Oxana nicht. Sie klagte ihren Cousin an. Für ein paar Schmuckstücke hatte er sie verkauft. Ein Ring und eine Kette für den Körper einer 15-Jährigen, für rötliche Haare, Sommersprossen und eine Porzellanhaut. Doch Oxana war zäh, und sie hatte Mut. Das sollte sie retten. Oxana, 21, erzählt ihre Geschichte zum zweiten Mal. Nur vor Gericht hat sie darüber gesprochen. Ihr Gesicht ist starr, die Stimme monoton. Sie steht am Fenster und schaut aus dem achten Stock eines Plattenbaus in Chisinau. Hinter den Häusern gegenüber beginnt die grüne Hügellandschaft. 70 Kilometer weiter nördlich liegt Sintazeni, Oxanas Dorf. Es ist ein Dorf wie viele andere in der Gegend, wo kein Haus fließendes Wasser hat, die 20 Meter tiefen Brunnen im Garten verschmutzt sind und es fast jeden Tag Polenta zu essen gibt. Der Mais ist das einzige Nahrungsmittel, das direkt vor der Haustür wächst. Jeder im Dorf träumt davon, wegzugehen. Oxana blieb nichts anderes übrig. Ihr Vater war tot, die Mutter litt an einer unheilbaren Nervenkrankheit. Sie brach die Schule in der achten Klasse ab, um in Moskau als Babysitterin zu arbeiten. Ihr Cousin hatte ihr den Job vermittelt und eine Mitfahrgelegenheit bei einem Paar organisiert. Dort angekommen, erfuhr sie, dass sie für die beiden noch am selben Abend auf den Straßenstrich sollte.

Der erste Kunde entjungferte sie. "Er hat dafür extra viel Geld bezahlt. Er war alt und widerlich", sagt Oxana. Zurück im Hotel lauschte sie darauf, wann das Paar, mit dem sie das Zimmer teilte, endlich einschlief. Sie war hellwach. Sie wusste, wo die Handtasche der Frau lag, in der sich ihr Pass befand. Leise stand sie auf und öffnete die Tasche. "Meine Hand zitterte so, dass ich dachte, der Pass würde herunterfallen", sagt sie. Aber sie hielt ihn fest, kletterte durch das Badezimmerfenster im Erdgeschoss und rannte los, so lange, bis sie in einen Wald kam. Vier Tage und Nächte lang versteckte sie sich dort. Aus einem Teich konnte sie trinken. Dann erst wagte sie sich auf die Straße. Ein Ehepaar nahm sie im Auto mit und schenkte ihr auch das Geld für die Heimfahrt.

Als sie in ihrem Dorf ankam, lief sie nach Hause - und sagte nichts. Schämte sich. Vier Jahre lang. Bis zu dem Tag, als ihr Cousin einen Witz darüber riss, dass sie eine Hure sei. Da ging sie zur Polizei. "Er bekam nur eine Geldstrafe", sagt Oxana. Aber allein, dass sie sich nicht von den Verwandten bestechen ließ, weiter zu schweigen, habe ihr Genugtuung verschafft. Nach dem Zuhälter-Paar wird noch heute gefahndet. Immerhin finanzierte ihr eine Hilfsorganisation die Ausbildung an einer Berufsschule, nachdem ihr Fall öffentlich geworden war. In einem Monat macht sie den Abschluss als Friseuse. Dann muss sie Arbeit finden. Sie spricht sich Mut zu: "Ich werde es schon schaffen."

Mit dem Auto sind es knapp fünf Minuten vom IOM-Rehabilitationszentrum bis zum Flughafen Chisinau. Vor dem Checkin- Schalter für einen Flug nach Verona warten fast nur Frauen. Wieder zieht ein Treck nach Westen, um dort Böden zu putzen, Tabletts zu schleppen und fremde Kinder zu versorgen. Aber werden sie alle wirklich dort ankommen, wo sie hinwollen? Am Ausgang zum Rollfeld hängt ein Plakat mit fett gedruckten Zahlen: 0800 77777. Die kostenlose Notrufnummer für Opfer von Menschenhandel.

Frauen und Würde - die Fakten

  • Laut EU-Kommission werden jährlich mehrere hunderttausend Menschen nach oder innerhalb Europas verschleppt
  • Zwangsprostitution und andere Formen sexueller Ausbeutung sind mit 79 Prozent der häufigste Zweck von Menschenhandel
  • Obwohl überwiegend Frauen zum Opfer werden, ist der Anteil von Frauen als Täterinnen bei diesen Verbrechen größer als anderswo
  • Etwa 24 Milliarden Euro Profit werden jährlich weltweit mit sexueller und ökonomischer Ausbeutung gemacht
  • 500 000 Zwangsprostituierte gibt es laut UN in Europa
  • Etwa 400 000 deutsche Männer jährlich haben sexuelle Kontakte mit Frauen in Urlaubsländern
  • Gegen den "Bordell- Tourismus" in der Ukraine wehrt sich die Frauengruppe Femen mit spektakulären öffentlichen Aktionen
  • Die meisten Ausländerinnen, die durch Heirat einen deutschen Pass erhalten, kommen aus Thailand, Polen, Russland, Rumänien und der Ukraine. Die Anbieter von "Ehekatalogen" listen vorrangig Frauen aus Osteuropa auf
  • Jede Frau verdient Achtung und Respekt. Der Körper einer Frau ist keine Ware
Text: Ariane Heimbach Fotos: Andrea Diefenbach Ein Artikel aus der BRIGITTE 13/09
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