Mongolei: Die Frauen unter der Stadt

Wenn es kalt wird in Ulan Bator, der Hauptstadt der Mongolei, ziehen tausende Menschen in die Kanalisation. Eine von ihnen ist Ganchimeg, 39, die dort mit ihrer ältesten Tochter und ihrem Enkelkind lebt - und ihre Würde verteidigt.

Heute ist kein Tag, um Mülltonnen zu durchwühlen. Kein Tag, um sich mit leeren Flaschen und Getränkedosen ein wenig Geld zu verdienen. Da helfen nicht einmal Fellmütze, Fäustlinge und die drei Pullover übereinander. "Die Kälte ist gar nicht so schlimm", sagt Ganchimeg, "aber dieser verfluchte Wind macht uns zu schaffen."

Ganchimeg mit ihren Töchtern und ihrem Enkelkind.

Ulan Bator, die Hauptstadt der Mongolei, an einem Mittwochmorgen im Januar: Eisige Böen fegen durch die Straßen, es sind 28 Grad unter Null. Ganchimeg, 39, und ihre Tochter Ankhtsereg, 19, bleiben heute unter der Erde. Wer sie besuchen will, muss auf dem Gelände des zentralen Busbahnhofs nach einem Kanaldeckel suchen. Dann über eine rostige Leiter drei Meter in die Tiefe steigen, in die Eingeweide der Stadt.

"Menschenlöcher" nennen die Mongolen diese unterirdischen Hohlkammern des städtischen Heizungssystems, ein Labyrinth mit meterdicken Heißwasserrohren. Und für Obdachlose die einzige Möglichkeit, den mongolischen Winter zu überleben.

Ganchimegs Wohnhöhle misst zwei mal zwei Meter. Sie teilt sie sich mit ihrer ältesten Tochter Ankhtsereg und deren Säugling. Die drei schlafen in einem feucht-klammen Nest aus abgewetzten Wolldecken. Tauwasser tropft herab. In einer Ecke stehen zwei Mülltüten mit alten Kleidern, dazwischen spielen zwei Welpen. "Hunde halten die Ratten fern", erklärt Ganchimeg. "Nur die Kakerlaken kriegst du nicht weg." Tatsächlich krabbeln überall fingerdicke Schaben. "Wenn wir etwas Geld übrig haben", sagt Ankhtsereg, "kaufen wir Kerzen, die vertreiben die Viecher." Seit Wochen hat hier unten keine Kerze mehr gebrannt.

In den Heizungsrohren blubbert und rauscht es, mit gewaltigem Druck schießt hundert Grad heißes Wasser hindurch. Wenn die Rohre bersten, verwandeln sich die Hohlräume in ein kochendes, dampfendes Inferno, in dem die Schlafenden verbrühen.

Um solche Unglücke zu vermeiden, ließ die Stadtverwaltung dutzende Einstiegslöcher mit schweren Eisendeckeln verschließen. Ganchimeg schüttelt über solche Maßnahmen den Kopf: "Auch dadurch sterben Menschen. Sie erfrieren auf der Straße. Wohin sollen sie bei diesen Temperaturen?"

Ganchimeg und ihre Tochter warten. Dass sie ein wenig schlafen können, damit sie nicht an den Hunger denken müssen. Dass der Abend kommt, denn um 18 Uhr öffnet das "Verbist Care Center", eines von etwa 40 Heimen für die Straßenkinder von Ulan Bator. Dann erhalten auch ältere Obdachlose eine warme Mahlzeit. "Reis mit Gemüse und Huhn und Nachschlag, so viel du willst", sagt Ganchimeg. Und dann wird sie endlich auch ihre zweite Tochter in die Arme schließen können, die fünfjährige Otgontsereg, "gezeugt in einer kalten Nacht auf der Straße".

Ganchimeg hat die Kleine in die Obhut des katholischen Heims gegeben, weil sie dort besser aufgehoben ist als bei ihr unter der Stadt. Manchmal darf sie sie für ein paar Tage zu sich holen. Doch sie weiß, dass Otgontsereg sich irgendwann weigern wird, in den dunklen Schacht hinabzusteigen und die Nächte bei ihr zwischen Ratten und Kakerlaken zu verbringen.

Früher war Ganchimeg Erzieherin und arbeitete in einem staatlichen Kindergarten. Sie heiratete und bekam ihre erste Tochter, Ankhtsereg. Dann ging die Sowjetunion unter und mit ihr die Sozialistische Volksrepublik Mongolei. Im Zuge der Demokratisierung führte das Land Anfang der neunziger Jahre sehr schnell die Marktwirtschaft ein. Staatsbetriebe und auch ehemals kollektive Viehherden wurden privatisiert, ohne dass die Eigentümer das dafür notwendige wirtschaftliche Know-how hatten. Viele Menschen verloren dabei ihre Arbeit und verarmten schließlich, heute leben etwa ein Drittel der 2,8 Millionen Mongolen unterhalb der Armutsgrenze.

Auch Ganchimegs Mann hatte plötzlich keinen Job mehr. Er hockte nur noch zu Hause, nörgelte, trank und prügelte seine Frau. Ganchimeg floh. Im Sommer lagerte sie mit vielen tausend Obdachlosen am Fluss. Das Sorgerecht für die Tochter bekam der Vater zugesprochen, er hatte ja noch ein Zuhause. Aus Schmerz über die Trennung ließ sich Ganchimeg eine Tätowierung in den Unterarm ritzen, einen Skorpion, Ankhtseregs Sternzeichen.

Um zu überleben, sammelt Ganchimeg leere Flaschen und Büchsen.

Irgendwann stieß sie bei einem Streit um Geld einer Frau ein Messer in die Lunge und verletzte sie lebensgefährlich. Vier Jahre ging sie dafür ins Frauengefängnis. Sie hatte Glück: Der Direktor gab ihr eine Chance, machte sie zur Aufseherin über die Näherinnen der Gefängnisfabrik. Nach der Haft landete Ganchimeg wieder auf der Straße - nun nicht mehr als gebrochene Frau, sondern gestärkt. Die Verantwortung, die man ihr während der Haft übertragen habe, sagt sie, habe ihr die Selbstachtung zurückgegeben. Sie nahm Ankhtsereg dem trinkenden Vater weg. Die Polizei war längst überfordert von der wachsenden Zahl obdachloser Mütter mit Kindern und ließ Ganchimeg gewähren.

Heute gehen Ganchimegs Pläne kaum über den nächsten Tag hinaus. Ihre Gedanken sind aufs Überleben ausgerichtet. Wenn es nicht zu kalt ist, ist sie ständig unterwegs, sammelt Flaschen und Blechbüchsen. Für zwei volle Tragetaschen bekommt sie an den Sammelstellen etwa 45 Cent. Das reicht gerade mal für eine Mehlsuppe mit etwas Fleisch - für ihren Enkel, damit er bei Kräften bleibt.

Wenn sie mit Fremden spricht, hält sie meist die Hand vor den Mund. Aus Scham. "Ich habe auf der Straße fast alle Zähne verloren", sagt sie. Ihre Stiefeletten, die braune Kunstlederhose und die schwarzweiße Bomberjacke säubert sie regelmäßig, um nicht verwahrlost auszusehen. Unter den anderen Obdachlosen hat sie sich Respekt verschafft. "Die Leute hören auf mich, weil ich meinen Verstand nicht vertrinke", erzählt sie. "Wodka dulde ich in meiner Gegenwart nicht, schon gar nicht bei Kindern." Respekt auch, weil Ganchimeg sich zu wehren weiß. Wenn jemand ihr zu nahe kommt oder versucht, ihr Wohnloch zu übernehmen, schmeißt Ganchimeg ihn kurzerhand hinaus."Wer nicht hart ist", sagt sie, "den bringt die Straße um."

Die Mongolei

Das Land ist mit 1,57 Millionen Quadratkilometern etwa so groß wie Portugal, Spanien, Frankreich und Deutschland zusammen und hat 2,8 Millionen Einwohner. Ein Drittel der Mongolen lebt in der Hauptstadt Ulan Bator, jeder Vierte ist Nomade und wohnt in einer Jurte, einem Zelt. Doch diese Lebensweise ist bedroht. In den vergangenen Jahren haben extrem kalte Winter und Sommermonate mit ungewöhnlicher Dürre Millionen Pferde, Kühe, Schafe und Ziegen verenden lassen. Zehntausende Nomadenfamilien sind in die Hauptstadt geströmt, weil sie ihre Ernährungsgrundlage verloren haben - nur um sich dort als Obdachlose durchschlagen zu müssen. Seit etwa 20 Jahren lebt ein Drittel aller Mongolen in extremer Armut, die Hälfte von weniger als zwei US-Dollar pro Tag.

Hilfe für die Straßenkinder von Ulan Bator

Das "Verbist Care Center" ist eines von etwa 40 Heimen für die Straßenkinder von Ulan Bator. Es wurde vor elf Jahren vom katholischen Hilfswerk Misereor gegründet und wird vom Kindermissionswerk "Die Sternsinger" in Aachen unterstützt. Spendenkonto: Kindermissionswerk "Die Sternsinger", Pax-Bank eG, Konto 1 031, BLZ 370 601 93, Stichwort: Ulan Bator

Text und Fotos: Rolf Bauerdick BRIGITTE Heft 3/2007
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