Das Geschäft mit der Muttermilch

Frauen haben eine lukrative Quelle entdeckt: Sie pumpen trotz aller Gefahren für Geld und verkaufen ihre Milch. Jetzt hat auch in Deutschland die erste "Muttermilch-Börse" eröffnet.

Sie nennen sich "Milchmädchen", "Mollige Melkmaschine" oder "Yummy Mommy". Und sie preisen ihre Ware wie die Marktschreier. Auf Internetseiten, die voll sind mit stolz- und milchgeschwellten Brüsten: "Healthy fatty milk", schreibt Allee, 26, aus Iowa auf der Website Onlythebreast.com , der führenden privaten Börse für den internationalen Muttermilch- Handel. Die deutsche Bio-Mami "Milky", 21, Nichtraucherin aus Worms, hat in einer Annonce im Netz einen halben Liter "ökologisch abgezapfte Milch - mit viel Rahm obendrauf" im Angebot. Und auch Allees und Milkys Mitbewerberinnen rühmen ihr Produkt aus eigener Fertigung wie einen Philadelphia Cheesecake: "sahnig und cremig", "himmlisch süß", "macht dein Baby satt und glücklich". Als Qualitätsbeweis wird bevorzugt der eigene Wonneproppen in die Kamera gehalten.

Von ihrer Familie wird Allee liebevoll "die Milchkuh" genannt. Rund 500 Liter überschüssige Milch habe sie in fast zehn Monaten verkauft, sagt sie. Ihre Muttermilch schickt sie in speziellen Gefrierbeuteln, gebettet in Trockeneis, per Fedex in alle Welt. Vom Milchgeld - bis zu 3000 Euro im Monat - habe sich die Familie viel geleistet, was sonst nicht drin gewesen wäre. Ein größeres Auto mit Platz für die drei Kinder zum Beispiel. "Wir leben vom Einkommen meines Mannes, während ich daheim bleibe und stille", sagt sie. "Warum soll ich daraus nicht einen Job machen, wenn es Nachfrage gibt."

Hauptberufliche Ammen gibt es heute kaum noch

Das Geschäft mit der Muttermilch ist nicht neu, Amme ist einer der ältesten Berufe der Menschheit. Schon immer haben Mütter die Kinder anderer Frauen gestillt, und noch im 19. Jahrhundert war es bei uns üblich, dass wohlhabende Damen nach der Geburt ihres Kindes eine Amme bekamen. Heute empfiehlt die Weltgesundheits-Organisation WHO den Müttern, ihre Kinder mindestens sechs Monate zu stillen. Die Wissenschaft ist sich einig: Muttermilch ist das Beste, was ein Baby kriegen kann. Und in der chinesischen Oberschicht gilt es seit Neuestem wieder als chic, sich neben einem Aupair aus Europa ein heimisches Mädchen vom Land zu holen, das gut und günstig Milch gibt und die Hausherrin entlastet.

Hauptberufliche Ammen gibt es trotzdem kaum noch auf der Welt. Dafür boomt das internationale Geschäft im Netz. Noch nie wurde so eifrig Muttermilch verkauft, noch nie war ihr Marktwert so hoch. Bei Onlythebreast.com sind über 6000 Mitglieder angemeldet. Im Durchschnitt werden dort sechs Euro für 100 Milliliter verlangt, ein sechs Monate altes Baby kann das Zehnfache am Tag trinken. Hinzu kommen die Transportkosten. Auch sie werden von vielen Käuferinnen gern übernommen. Dabei ist das "liquid gold", wie die weiße Ware in den USA genannt wird, ein heikles Handelsgut.

Auch in Deutschland ist der Bedarf an Muttermilch hoch. Und so war es nur eine Frage der Zeit, bis die erste Tauschseite an den Start geht. Seit Januar 2014 können Mütter in der Muttermilch-Börse eigene Milch anbieten, fremde kaufen oder auch verschenken. Die Gründerin, Tanja Müller, arbeitet mit dem Institut für Milchuntersuchung (IfM) zusammen - eine Kontrolle der Milch ist aber nicht vorgeschrieben.

Muttermilch ist nicht steril, bei unsachgemäßem Umgang kann es da zu gefährlicher Keimbelastung kommen

"Ich würde mein Kind nicht mit ungeprüfter Milch einer Fremden füttern", sagt Corinna Gebauer, ärztliche Leiterin der größten deutschen Frauenmilchbank am Universitätsklinikum Leipzig. "Muttermilch ist nicht steril, bei unsachgemäßem Umgang kann es da zu gefährlicher Keimbelastung kommen." Und keiner weiß, ob die angebliche "Bio-Mami" Drogen nimmt oder Medikamente, raucht, trinkt oder gar ansteckende Krankheiten hat. Im Gegensatz zu anderen Körperflüssigkeiten gilt Muttermilch aber fast überall auf der Welt als Lebensmittel. Deswegen ist ihr Verkauf auch in Deutschland legal. Große Handelsplattformen wie Ebay schließen den Geschäftszweig trotzdem aus. Dafür floriert der Austausch in Internet-Foren und auf dem Markt der lokalen Kleinanzeigen im Netz.

Chelly Snow, Mitbegründerin der US-Seite Onlythebreast.com , hatte nach der Geburt ihrer ersten Tochter Zoa den "Geistesblitz": Im Internet las sie alles über die nicht zu toppenden Vorzüge des Stillens und gleichzeitig viele verzweifelte Posts: "Muttermilch dringend gesucht". Snow arbeitete sich durch die Leidensgeschichten der Mütter, die nicht stillen konnten. Und durch die Diskussionen der Stillenden, die ihre abgepumpten Reserven ins Vollbad gossen, weil sie nicht wussten, wohin mit dem Überschuss. Snow sah potenzielle Anbieterinnen und Kundinnen, die nicht zueinander kommen konnten. Der Beginn einer wunderbaren Geschäftsverbindung.

Noch gab es keine bekannten Fälle von Erkrankungen und keinen Skandal

Gemeinsam mit ihrem Mann Glenn startete sie die Seite, die sich durch Anzeigen finanziert. Zwar werden Tipps gegeben, wie möglichst steril abgepumpt und sicher für den Transport eingefroren wird, der auf Wunsch bis nach Übersee geht, aber die Verantwortung und Selbstkontrolle wird allein den stillenden Müttern überlassen. Und so wird - was als Wundermittel fürs Baby beschafft werden soll - zur Gefahr. Chelly Snow weiß, dass durch Muttermilch HIV übertragen werden kann. Und sie weiß, dass beim Abpumpen schon ein nicht ganz frisches Handtuch die Zahl der bakteriellen Keime in der Milchlieferung explodieren lassen kann.

Wie die Käuferinnen auf ihrer Seite hofft sie, dass alle Verkäuferinnen ihren Job auch zum Wohle fremder Kinder machen. Dass sie keinem Baby jemals etwas zuleide tun würden. Dass all die Selfmade-Milchhändlerinnen nicht mal auf die Idee kämen, ihre Ware mit Wasser, Kuhmilch, Milchpulver oder sonstwas zu strecken. Die Käuferinnen verdrängen alle Warnungen der Gesundheits-Organisationen und glauben fest an das Gute in der Muttermilch - und der dazugehörigen Spenderin. Sie hoffen einfach, dass nichts passiert. Noch gab es keine bekannten Fälle von Erkrankungen und keinen Skandal.

Bei den offiziellen Milchbanken in den USA, wo mit der gleichen medizinische Sorgfalt gearbeitet wird wie beim Blutspenden, macht sich die Internet-Konkurrenz schon bemerkbar. Fast alle Einrichtungen, die vor allem Krankenhäuser beliefern, beklagen Milch-Engpässe. Das ist tragisch, denn Muttermilch kann Frühchenleben retten.

Diese Babys schweben, bei allem, was medizinisch machbar ist, wochenlang in Lebensgefahr. Muttermilch wirkt da Wunder, die zum Teil wissenschaftlich noch gar nicht erklärt werden können, und schafft mit speziellen Wachstumsfaktoren, Eiweißen und Zuckerverbindungen, was keine Ersatznahrung kann: Sie lässt den hochempfindlichen Darmtrakt der Winzlinge reifen und dichtet ihn ab gegen lebensbedrohende Keime.

Aber die Mütter dieser Kinder können noch nicht stillen. In der Regel dauert es selbst nach einer Geburt zum errechneten Termin ein paar Tage, bis die Milch kommt und es mit dem Stillen läuft - aber dazu muss das Kind erst mal kräftig saugen. Genau das kann ein Frühgeborenes meist noch nicht.

Auch in Deutschland ist in solchen Fällen Verlass auf die Milchbanken, deren Bestände durch den Online- Handel noch nicht beeinträchtigt sind. Sie sind ein Erbe aus DDR-Zeiten. In der Bundesrepublik schloss die letzte Frauenmilchsammelstelle 1972, als künstliche Säuglingsnahrung als fortschrittliche Alternative galt. Vor Kurzem hat am Klinikum Großhadern in München wieder eine eröffnet, die erste Neugründung im Westen seit 100 Jahren, zwei weitere sind geplant.

Zur Zeit gibt es in Deutschland insgesamt elf, die größte Milchbank befindet sich in Leipzig. Sie setzt mit bis zu 1800 Litern pro Jahr über die Hälfte der Spenderinnenmilch für deutsche Krankenhäuser um. Die Spenderinnen werden untersucht, ihre Milch wird getestet. Sichergestellt wird, dass die Frau selbst stillt, ihr Baby satt wird und sie ausreichend Milch übrig hat. Gespendet werden darf in der Regel nur in den ersten sechs Monaten nach der Geburt, denn die Muttermilch ist je nach Lebensmonat genau auf das Bedürfnis des Kindes abgestimmt. Das Blut wird auf Hepatitis B und C, HIV und Syphilis untersucht. Die Leberwerte werden getestet. Und wenn die Frauen bestimmte Viren wie CMV in sich tragen, wird die Milch pasteurisiert, das heißt für 30 Minuten auf genau 62,5 Grad Celsius erhitzt. "Weil beim Pasteurisieren aber ein Großteil der wichtigsten Bestandteile kaputt geht, versuchen wir, die Milch so oft wie möglich roh zu geben", erklärt Corinna Gebauer. Bei minus 20 Grad dauerhaft eingefroren, wird die Rohmilch bis zu einem halben Jahr gelagert. Soll sie aber frisch gegeben werden, muss dies im Krankenhaus innerhalb von 72 Stunden geschehen. "Das ist dann etwas ganz Wertvolles", sagt Gebauer. "Nur 20 bis 30 Prozent der Milchspenden haben diese Qualität."

In Deutschland bekommen nur Frühgeborene geprüfte Milch in den Kliniken

Im Durchschnitt sorgen die aufwändigen Untersuchungen und die hochsterile Verarbeitung für Sicherheit, aber auch dafür, dass die geprüfte Leipziger Frauenmilch etwa 42 Euro pro Liter kostet. Sie wird ohne Gewinn an die Säuglingsintensivstationen weitergegeben. Die Spenderinnen bekommen eine Aufwandsentschädigung von 6,82 Euro pro Liter - ein Zehntel dessen, was sie auf dem Online-Markt verdienen könnten. "Und viele geben selbst diesen Betrag sofort wieder der Milchbank", sagt Gebauer. "Sie wollen keinen Profit machen, sondern von Herzen spenden." Fast alle Spenderinnen in Leipzig sind Mütter von Kindern, die selbst durch die Milchbanken gerettet wurden. "Einmal in der Woche holen unsere Fahrer die Milch bei den Spenderinnen", erzählt Gebauer. Sie bedauert, dass nicht öfter eingesammelt wird, vor allem aber, dass der Kurierdienst nur das Stadtgebiet abdecken kann. Frauen aus dem Umland müssen ihre Milch selbst bringen. Doch fehlt vielen gerade dazu mit Baby die Zeit. "In Brasilien nimmt die Feuerwehr die Milch mit, da sind die Einsatzkräfte extra geschult. In Kalabrien macht das die Polizei. Und das kostenlos."

In Deutschland ist die mühsam gewonnene Muttermilch allein den Frühgeborenen in den Kliniken vorbehalten. Und auch deren Bedarf ist längst nicht gedeckt. Kein Tröpfchen davon gibt es gegen Bares: "Ich kann den Müttern, die von außen bei uns anfragen, nur sagen, wie leid es mir tut, dass ich nicht helfen kann", sagt Corinna Gebauer. "Aber wir können diese Hilfe nicht leisten, und wir dürfen keine Ausnahme machen."

Und so suchen viele verzweifelte Mütter doch wieder auf dem freien Markt im Netz, landen auf lokalen Kleinanzeigen- Portalen wie Quoka.de, wo sie bis zu 50 Euro für 150 Milliliter ungeprüfte Milch bezahlen sollen. Und merken bald, dass die meisten Angebote gar nicht für Babys gedacht sind. "Dringend gesucht" ist auch hier die häufigste Betreffzeile. Die meisten Suchenden aber sind Erwachsene, die selbst "mal probieren" wollen. Oder experimentieren. "In der Küche" zum Beispiel, wie ein männlicher Interessent schreibt. Schließlich sei die Muttermilch-Eiscreme namens "Baby Gaga" einer Londoner Eisdiele trotz eines Preises von 16,50 Euro pro Portion der absolute Renner gewesen - bis die Gesundheitsbehörde das "pure Naturprodukt" verboten hat. Weniger scheinheilig geht es im Internet-Forum Stillbeziehungen.tk zu. Auch dort herrscht ein reger Handel mit Muttermilch. Die Motivation ist allerdings ganz offen sexueller Natur: "Hier kannst du Annoncen mit finanziellem Hintergrund einstellen, Bedingung: Erotische Laktation als Grundlage ist ein Muss!"

Eiscreme aus Muttermilch - da hört bei mir der Spaß auf.

Corinna Gebauer ist froh, dass die Leipziger Frauenmilchbank von solchen Machenschaften verschont bleibt. "Da wird bei uns zum Glück keiner vorstellig, dazu bedarf es wohl der Anonymität im Netz", sagt sie. "Muttermilch ist eine Nahrung für Neugeborene. Ich habe vielleicht noch Verständnis für Erwachsene, die nach einer schlimmen Darmerkrankung oder einer Chemotherapie kleine Mengen von Muttermilch als individuellen Heilversuch konsumieren wollen, aber schon bei Eiscreme hört bei mir der Spaß auf. Da denke ich nur: Wie viele Frühgeborene wären davon satt geworden."

Unsere Autorin

Angela Wittmann hätte keinem ihrer beiden Kinder die Milch einer Fremden gegeben. Als Redaktionsleiterin von BRIGITTE MOM bekommt sie zunehmend Anfragen, wo man in Deutschland Muttermilch bekommen kann. Auf Facebook gibt es Gruppen, bei denen es nicht ums Geschäft geht, sondern ums Spenden auf privater Basis.

Text: Angela Wittmann
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