Mutter von Pistorius-Opfer Reeva Steenkamp: "Der Tod hat mich zu dem gemacht, was ich bin"

Reeva Steenkamp wurde von dem Paralympioniken Oscar Pistorius erschossen - wie viele Frauen wurde sie Opfer einer Gewaltbeziehung. Ihre Mutter June kämpft seitdem für Frauen, die Gewalt durch ihre Partner erleiden. 

June Steenkamp wurde in England geboren und zog 1965 nach Südafrika. 2013 wurde ihre Tochter Reeva Steenkamp von dem Paralympioniken Oscar Pistorius erschossen, mit dem Reeva seit mehreren Monaten zusammen war. 2015 gründete June Steenkamp die Reeva Rebecca Steenkamp Foundation, um Frauen und Kinder zu unterstützen und sie über Gewalt und Missbrauch aufzuklären.

Was ist Ihnen wirklich wichtig?

Andere Frauen sind mir wichtig. Ich will Frauen davor bewahren, ihre Töchter zu verlieren, und ich will Frauen davor bewahren, ihr Leben zu verlieren. Ich zog mit meinem ersten Mann und meiner Tochter Simone von England nach Südafrika. Die Ehe endete in einer Scheidung. Dann traf ich 1982 Barry, und zehn Tage später waren wir verheiratet. Wir hatten nicht geplant, Kinder zu bekommen, doch dann wurde ich mit Reeva schwanger, und wir waren überglücklich.

Reeva war so ein außergewöhnlicher, liebevoller Mensch: Wir haben sie vergöttert. Kurz vor Beginn ihres Studiums brach sie sich an zwei Stellen die Wirbelsäule. Das war für uns alle traumatisierend, die Ärzte wussten nicht, ob sie je wieder laufen würde. Doch sie tat es. Sie ging in die Uni und trug dabei ein bestimmtes Korsett – sie sah aus, als wollte sie in den Weltraum –, doch sie hatte nicht einen Fehltag und beendete ihr Jurastudium mit dreizehn Auszeichnungen.

Reeva hatte sich gegen den Missbrauch von Frauen eingesetzt - und wurde selbst getötet

Nach der Gruppenvergewaltigung und Ermordung der siebzehnjährigen Anene Booysen 2013 rief mich Reeva an und sagte: ‘Mama, ich muss etwas dagegen unternehmen.’ Sie begann, sich gegen den Missbrauch von Frauen einzusetzen, und zwei Wochen später wurde sie selbst ermordet.

An dem Tag, an dem sie starb, sollte sie in einer Schule in Johannesburg mit Schulmädchen über Gewalt gegen Frauen sprechen. Reeva war plötzlich nicht mehr da. Das war unerträglich. Was auch immer in ihrer Beziehung vor sich ging, sie hat es vor mir verborgen. Sie wollte wohl nicht, dass ich mir Sorgen mache.

Es ist schwer, mit der furchtbaren Art, auf die sie starb, zu leben.

Wir haben sie immer beschützt, dann passierte diese Sache, und wir konnten nichts tun. Barry und ich wachen jede Nacht zu der Uhrzeit auf, zu der sie starb; wahrscheinlich, weil wir glauben, dass wir sie hätten beschützen müssen. Einen Moment lang glaubt man, dass es nicht passiert ist – so schirmt man sich ab, aber letztlich muss man es akzeptieren.

Nachdem es geschehen war, vermisste ich Reeva so sehr, dass meine Trauer destruktiv wurde. Im Gerichtssaal fühlte ich mich sehr verletzlich, aber nach dem, was alles geschehen war, war es für mich entscheidend, meine Ehre zu bewahren – so konnte ich mich selbst beschützen. Ich wollte stark sein, aber die Dinge, die ich mir anhören musste, waren grauenvoll, und es fiel mir sehr schwer.

Später befreite ich mich von der Wut und dem Selbstzerstörerischen und habe vergeben; man muss verzeihen können, Gott erwartet das – das bedeutet aber nicht, dass Reevas Mörder nicht für das zahlen muss, was er getan hat.

Irgendwann wusste ich: Ich muss anderen Frauen helfen

Irgendwie realisierte ich mit der Zeit, dass, anstatt zu Hause zu sitzen und zu weinen, ich nach draußen gehen und anderen von Gewalt betroffenen Frauen helfen musste. So wurde die Stiftung geboren. Sie ist nach Reeva benannt, im Gedenken an sie, um die Arbeit, die sie geleistet hat, weiterzuführen. Wir wollen auf den körperlichen Missbrauch von Frauen aufmerksam machen, den Missbrauchsopfern Mittel zur Verfügung stellen und Frauen ihre Würde vor Augen führen. Wir üben mit den Mädchen Handlungsweisen ein, mit denen sie sich gegen Männer wehren können, die sie auf herabwürdigende Art behandeln. Wir wollen auch Männer aufklären – solange sie noch Jungs sind –, die Frauen in ihrem Leben zu respektieren.

Wir wollen der Gewalt zuvorkommen und etwas dafür tun, sie zu verhindern.

Männern muss beigebracht werden, ihre Mütter, ihre Schwestern, ihre Freundinnen und ihre Frauen zu respektieren. Im Augenblick konzentrieren wir uns darauf, Anwälte und Juristen dazu zu bewegen, ehrenamtlich Frauen zu verteidigen. Und jedes Jahr wählen wir ein Reeva Girl aus, eine Frau, die einen Abschluss in Jura mit dem Schwerpunkt Familienrecht machen möchte, und wir bezahlen dann ihr Studium, um sie dafür starkzumachen, Opfern physischer Gewalt zu helfen.

Die Stiftung gibt mir einen Grund zu leben und nach vorn zu sehen

In meinem Leben geht es nun darum, anderen zu helfen – das hat mir selbst sehr geholfen. Doch Gewalt gegen Frauen zu beenden, ist nicht leicht, und es geschieht jeden Tag – die Beispiele sind endlos, und manchmal fühlt es sich an, als gäbe es so wenig Gerechtigkeit für diese Frauen. Trotzdem hoffe ich, dass wir die Welt verändern.

Bis zu meinem letzten Atemzug wird es meine Mission sein, andere Frauen davor zu bewahren, ihre Töchter zu verlieren.

Es wird in Zukunft in meinem Leben darum gehen, anderen zu helfen, damit sie nicht durchmachen müssen, was Reeva durchgemacht hat.

Was würden Sie in der Welt verändern, wenn Sie könnten?

Ich möchte, dass sich alle Menschen lieben, genau wie sie sich selbst lieben – ohne das kommen wir nicht voran.

Wählen Sie ein Wort, das Sie beschreibt

Tod. Ich versuche, den Tod junger Frauen durch die Hand ihrer Partner zu stoppen. Deshalb habe ich mich für dieses Wort entschieden: Der Tod hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin.

 June Steenkamp ist eine der Frauen, die in dem Buch "200 Frauen - was uns bewegt" zu Wort kommen: Frauen mit verschiedensten Hintergründen, die gefragt wurden, was ihnen wirklich wichtig ist. Bei aller Unterschiedlichkeit zeichnet die Frauen ihr Mut, ihr Engagement und die Kraft ihrer Stimme aus. Sie sind berühmt, völlig unbekannt, sie haben verschiedene Religionen und Hautfarben, sie sind Überlebende von Gewalt und Kämpferinnen für eine bessere Welt. Alle haben fünf Fragen beantwortet, deren Antworten unter die Haut gehen. "200 Frauen - was uns bewegt" (Hg. Ruth Hobday & Geoff Blackwell, Elisabeth Sandmann Verlag, 35 Euro). Weitere Infos zum internationalen Buch- und Ausstellungsprojekt unter http://twohundredwomen.de

VIDEOTIPP: June Steenkamp erzählt, was dieses Verbrechen so besonders furchtbar macht

June Steenkamp

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