Abschied vom Kinderwunsch - warum es so verdammt schwer ist

Wenn ein Kinderwunsch unerfüllt bleibt, leidet die Psyche der Betroffenen oft jahrelang. Coach Franziska Ferber erklärt, was die Krise so schwer macht und warum ein Hund gar keine schlechte Idee ist.

BRIGITTE: Viele Wünsche erfüllen sich nicht im Leben - warum stürzt uns gerade der unerfüllte Kinderwunsch in so tiefe Krisen?

Franziska Ferber: Ich denke, es liegt daran, dass der Kinderwunsch jeden Lebensbereich betrifft. Wenn sich berufliche Träume nicht erfüllen, hat das Auswirkungen auf meine Karriere und Finanzen, aber nicht unbedingt aufs Liebesleben. Der unerfüllte Kinderwunsch hingegen betrifft alle Lebensbereiche, darunter den Partner, der auch leidet.

Und das oft über Jahre.

Ja, die Krise kann langwierig sein. Man macht sich von Monat zu Monat neue Hoffnungen, die wieder enttäuscht werden. Bei einem Todesfall zum Beispiel ist es anders. Man leidet zwar sehr, kann das Erlebnis aber dann verarbeiten und innerlich heilen. Beim unerfüllten Kinderwunsch reißen die Wunden immer wieder auf.

Man kann nicht abschließen, weil man hofft, dass es noch klappt?

Richtig. Dazu kommt, dass man nur wenige Rückzugsorte findet, um auf andere Gedanken zu kommen. Egal, wo man hingeht - überall werden wir mit dem Thema konfrontiert. Jede Schwangerschaft im Bekanntenkreis, jede Frau mit Kinderwagen auf der Straße erinnern uns daran, dass in unserem Leben etwas fehlt.

Franziska Ferber hat früher als Unternehmensberaterin gearbeitet. Nachdem sich ihr eigener Kinderwunsch nicht erfüllt hat, ließ sie sich zum systemischen Coach ausbilden und betreut nun Menschen, denen es auch so geht. Mehr zum Thema und ihrer Arbeit findet ihr unter www.kindersehnsucht.de.

Was sind mögliche Folgen, wenn ein Paar einsehen muss, dass es nichts wird mit dem Kind?

Vereinsamung und Rückzug können eine Folge sein, weil das Paar die genannten Situationen vermeiden will und sich nicht verstanden fühlt. Es kann zu depressiven Phasen kommen. Auch Beziehungsprobleme bis hin zur Trennung sind mögliche Folgen.

Was macht es für die Beziehung so schwer?

Schwierig wird es vor allem, wenn ein Partner der klare "Verursacher" ist. Dann kommt es zu Fragen nach der Schuld. Man kommt auf den Gedanken, dass es mit einem anderen Partner doch klappen kann. Das ist Gift für die Liebe.

Wie versuchen Sie, Frauen zu helfen, die sich auf ein Leben ohne Kind einstellen müssen?

Ich versuche, mit ihnen - und auch mit dem Partner - eine neue Lebensvision zu entwickeln. Wir fragen uns, wie sie trotzdem glücklich werden und Sinn in ihr Leben kriegen können. Oft geht es darum, einen Kanal für die mütterliche Liebe zu finden als Kompensation für das fehlende Kind. Hier gibt es kein Patentrezept, das sind sehr individuelle Wege, die wir gemeinsam erarbeiten.

Sie selbst wissen, wie es ist, wenn der Kinderwunsch unerfüllt bleibt. Was hat Ihnen persönlich geholfen?

Ich habe meinen Job gekündigt und mich selbstständig gemacht. Das ist sicher radikal, aber für mich war es richtig. Ich habe vorher unfassbar gelitten, und kann diese Erfahrung aber jetzt als Coach in etwas Positives verwandeln. Außerdem habe ich mir einen Hund angeschafft.

Den Tipp mit dem Hund hört man ja oft - kann ein Tier denn wirklich eine Alternative sein?

Wenn der Mensch ein Hunde-Fan ist, kann das helfen, ja. Es ist ganz klar eine Kompensation, das darf man sich auch ruhig bewusst machen. Und es funktioniert eben nicht bei allen. Manche finden ihren Sinn vielleicht eher als Trainer im Fußballverein. Hilfreich ist alles, für das man sich begeistert und wo man sich auch gebraucht fühlt.

"Adoptier doch ein Kind!" ist ein weiterer häufiger Rat. Empfehlen Sie das auch Ihren Klientinnen?

Nein, eher nicht. Denn das sagt sich zwar leicht, aber das ist es nicht. Früher mag das anders gewesen sein, als die Kinderheime noch voll waren. Aber heute werden nur noch sehr wenige Kinder zur Adoption freigegeben. In München waren es 2013 wohl gerade mal 6-16 Kinder - auf die kamen circa 400 Bewerber aus dem aktuellen Jahr und die aus den vorherigen Jahren. Dazu kommen die strengen Bewerbungskriterien und die Auswahlfreiheit der Jugendamtsmitarbeitenden. Es ist wirklich schwer, ein Kind zu adoptieren, aber natürlich kann es für manche Frauen sehr toll sein, wenn es klappt.

Sollte man sich schon während der Phase des Hoffens darauf vorbereiten, dass es auch nicht klappen kann?

Ich empfehle das meinen Klientinnen auf jeden Fall. Das hängt aber von den individuellen Personen ab. Viele wollen davon vor dem zweiten Versuch in der Kinderwunsch-Klinik gar nichts hören. Die Hoffnung ist noch zu groß. Dabei kann ein Plan B enorm den Druck lindern. Wie kann das Umfeld den Betroffenen helfen?

Wichtig ist vor allem, sensibel zu sein. Nachfragen sollte man eher vermeiden, denn diese können Wunden tief aufreißen. Ich selbst habe nach mancher Frage zwei Wochen gebraucht, um mich wieder zu erholen. Lieber wertschätzend zuhören und fragen: "Wie geht es dir denn?" Abwarten, den anderen nicht bedrängen und von selbst kommen lassen. Und fragen, wie man helfen kann. Auf keinen Fall sollte man die Betroffenen verurteilen.

Passiert das denn so oft?

Ja, interessanterweise sagen gerade ältere Frauen, dass die Akzeptanz früher größer war. Heute hingegen haben wir gelernt, dass man mit Hilfe der Reproduktionsmedizin fast alles möglich machen kann - darum gibt es oft die Haltung: "Strengt euch doch mal an, dann kriegt ihr das schon hin". Wenn ich etwa manche Methoden der Medizin ablehne, muss ich damit rechnen, dass Andere das hinterfragen. Viele Frauen sprechen darum lieber gar nicht über den unerfüllten Kinderwunsch, um sich nicht rechtfertigen zu müssen. So entsteht schnell eine Schweigespirale, aus der man kaum rauskommt.

Mit Ihrem Coaching-Angebot versuchen Sie, das Schweigen zu brechen - wie groß ist die Resonanz?

Sehr groß. Es gibt nur wenige Angebote dieser Art und ich bin eine der wenigen Coaches, die selbst den unerfüllten Kinderwunsch erfahren hat. Das macht einen Unterschied, das sagen mir Klientinnen immer wieder. Sie fühlen sich besser verstanden.

Brauchen wir mehr Hilfsangebote für Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch?

Auf jeden Fall. Es kann nicht sein, dass wir in unserem Land rund sechs Millionen Menschen allein damit lassen. Unsere Politik und Gesellschaft fordern zwar mehr Kinder, um unser soziales Sicherungssystem aufrecht zu erhalten. Gleichzeitig muten wir aber so vielen Menschen zu, dass sie außerhalb der Psychotherapie überhaupt keine Hilfe bekommen. Im Grunde sollte jedes Paar, das in eine Kinderwunschklinik geht, von Anfang an professionell begleitet werden. Das bestätigen mir auch Ärzte immer wieder.

Buchtipp

Franziska Ferber hat über das Thema ein Buch geschrieben. In "Unsere Glückszahl ist die Zwei: Wie wir uns von unserem Kinderwunsch verabschiedeten und unser neues, wunderbares Leben fanden" erzählt sie ihre persönliche Geschichte und erklärt, wie man die Krise überwinden kann. (Eden Books, 240 S., 14,95 Euro, erhältlich zum Beispiel bei Amazon.)

Onlinecoaching

Franziska Ferber bietet seit kurzem auch einen Onlinekurs an für die Frauen, die sich ein Coaching über mehrere Etappen nicht leisten können oder wollen. Infos dazu findet ihr hier.

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