Malu Dreyer: "Ich kann die Welt gerechter machen"

Malu Dreyer, die neue Landeschefin in Rheinland-Pfalz, ist eine Frau, die Sie sich merken sollten. Wir stellen Ihnen die SPD-Politikerin, die seit 20 Jahren Multiple Sklerose hat, vor.

Nordrhein-Westfalen, Saarland, Thüringen und nun Rheinland-Pfalz: Die Frauen erobern die Bundesländer. Mit Malu Dreyer wurde nun die vierte Frau Ministerpräsidentin, und wie Hannelore Kraft verkörpert die SPD-Politikerin einen Typus, der ankommt im Volk: stark, engagiert, authentisch. Bislang agierte Malu Dreyer eher unbemerkt von der Bundespolitik als Sozialministerin in Rheinland-Pfalz. Doch dann rückte sie schlagartig ins Rampenlicht, als Kurt Beck, der bisherige Ministerpräsident des Landes, ankündigte, sein Amt im Januar niederlegen zu wollen und sie als seine Nachfolgerin vorschlug. Doch Malu Dreyer, die eigentlich Marie Luise heißt, will nicht nur ersatzweise einspringen. Bereits jetzt plant sie 2016 erneut zur Wahl des Ministerpräsidenten anzutreten. Das ist besonders bemerkenswert, weil Malu Dreyer seit 20 Jahren an Multipler Sklerose erkrankt ist und im Rollstuhl sitzt. Was Sie noch über diese Frau wissen sollten – wir haben es zusammengefasst.

Kein Tabu-ThemaDie Wahl-Triererin will keinesfalls über ihre Krankheit definiert werden, weshalb sie sich auch bei vielen Gelegenheiten aus ihrem Rollstuhl erhebt, um einige Schritte zu gehen. Dabei braucht sie zwar einen Stock oder jemanden, der sie stützt, dennoch macht sie so deutlich: Sie hat Multiple Sklerose, aber davon lässt sie sich bestimmt nicht unterkriegen. Malu Dreyer lebt inzwischen seit 20 Jahren mit der Erkrankung des Nervensystems, die ganz unterschiedlich verlaufen kann. Mögliche Symptome sind die Beeinträchtigung des Sehvermögens, spastische Lähmungen oder Erschöpfungszustände. Malu Dreyer fühlt sich aber gut. "Natürlich muss ich öfter zur Physiotherapie, aber das bauen wir ganz selbstverständlich in meinen Tagesablauf ein", so Dreyer gegenüber BRIGITTE.

Ein Herz für die Schwachen:Malu Dreyer ist keine Politikerin, die sich nur um der Macht willen engagiert. Wer sie trifft, erlebt sie als herzenswarm, offen und aufrichtig interessiert. Als Sozialministerin stritt sie zum Beispiel für Mindestlöhne, Kinderbetreuung, Bildung für alle. "Seit ich denken kann, ist die soziale Gerechtigkeit mein großes Thema", sagt sie im Gespräch mit BRIGITTE. Deshalb sei sie auch in die Politik gegangen: "Da hatte ich das Gefühl, ich kann die Welt etwas gerechter machen. Als Ministerpräsidentin habe ich dazu noch mehr Möglichkeiten."

Malu Dreyer, die KämpferinNeben ihrer sozialen Ader zeichnet Malu Dreyer aber auch ein starker Kampfeswille aus. Was sie anpackt, das zieht sie durch, sei es ihr Jura-Studium, ihren Job als Staatsanwältin oder ihren Wechsel in die Politik. Zu ihren politischen Erfolgen gehört die Einführung des Projekts "Jobfux": Diese Maßnahme erleichtert Jugendlichen den Übergang von der Schule in den Beruf und soll so die Jugendarbeitslosigkeit eindämmen. Dreyer sorgte dafür, dass in vielen Schulen Jobfux-Beratungsbüros eingerichtet wurden, in denen besonders jungen Menschen geholfen wird, die sozial benachteiligt sind oder mit individuellen Schwierigkeiten kämpfen.

Das Trierer "Schammatdorf": Hier tankt Malu Dreyer Kraft Gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Trierer Oberbürgermeister Klaus Jensen und drei Kindern aus seiner ersten Ehe, lebt Dreyer im so genannten "Schammatdorf" in Trier. Es ist ein modellhaftes Wohngebiet, in dem behinderte und nicht-behinderte Menschen zusammenleben. Hier wird viel kommuniziert, die Nachbarn helfen sich gegenseitig, wo immer ein Schuh drückt. Die Gebäude und Außenanlagen sind auf die Bedürfnisse von Rollstuhlfahrern ausgelegt. "Für mich ist das Lebensqualität pur. Ich bin unglaublich gerne hier, auch weil es so unkompliziert ist", sagt Dreyer über ihren Wohnort. "Dies ist der Platz, an dem ich alt werden möchte."

Starkes Netzwerk: Malu Dreyer zählt auf die Frauen an ihrer SeiteWer Auftritte von Malu Dreyer beobachtet, stellt fest, dass sie fast immer von Kolleginnen begleitet wird. Als Kurt Beck sie als Nachfolgerin vorstellte, war stets Sozialstaatssekretärin Jaqueline Kraege an ihrer Seite. Lange Zeit war es Sabine May, die die Ministerin als persönliche Referentin auf Schritt und Tritt begleitete. Das hat praktische Gründe - die Frauen helfen ihr, wenn sie aus dem Rollstuhl aufstehen will oder räumen Hinternisse aus dem Weg. Doch sie sind auch ihre Vertrauten und ein wichtiger Teil ihres Netzwerks. So verwundert es nicht, dass Dreyer Jaqueline Kraege einen wichtigen Posten in ihrem Ministerium gibt: Sie leitet künftig die Staatskanzlei. Es wird nicht der letzte strategische Zug der neuen Landeschefin bleiben.

Text: Mirca Waldhecker
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