Sat.1 mit Anlauf ins Fettnäpfchen

Heute Abend startet bei Sat.1 die Serie "Es kommt noch dicker". Der Sender hat ein neues Lieblingsthema: dicke Menschen. Wie die beschrieben werden, ist so unsensibel und sinnbefreit, dass wir uns fragen: Was möchte uns Sat.1 eigentlich sagen?

Wolke Hegenbarth (re.) in "Es kommt noch dicker" – Petro Domenigg/Sat.1

Sat.1 zeigt ab 10. September um 20:15 Uhr die neue Serie "Es kommt noch dicker". Die Handlung ist eher unvielschichtig: Die hübsche, erfolgreiche Hotelmanagerin Jessica, gespielt von Wolke Hegenbarth, beleidigt die – wir zitieren aus der Pressemitteilung – "unansehnlich-dicke" Bewerberin Rike. In einer Gewitternacht (bitte, welch Klischee!) tauschen die beiden ihr Gewicht. Das soll wahrscheinlich komisch sein, ist aber einfach nur eine Qual.

Wahrscheinlich kein Zufall: Der Sender stimmte das Publikum bereits in den vergangenen Wochen auf die neue Serie ein und zeigte zwei Filme, in denen mollige Menschen die Hauptrollen spielen. Falls Sie diese zu Recht verpasst haben sollten, fassen wir die Handlungen gern nochmals zusammen:

Sophie Schütt isst als pseudo-rundliche Dette in "Gefühlte XXS" – Achtung, sehr inspiriert! - schon zum Frühstück Süßigkeiten. Nach einer Hypnose wird Dette quasi über Nacht verwandelt und sieht sich selbst in allen Spiegeln als dünne, sexy Frau. Ihr neues schlankes Selbstbild, das ist ja klar, führt augenblicklich zu einer umwerfenden, Männer anziehenden Ausstrahlung. Hurra!

Dicke Menschen sitzen nicht die ganze Zeit unglücklich Kekse essend auf dem Sofa!

Kurze Zeit darauf - es wird noch schlimmer in der Titelwahl - lief "Plötzlich fett" zur besten Sendezeit. Fitnesstrainer Nick hasst dicke Menschen. Diese Abneigung lässt er Diana Amft (die uns ja schon in "Doctor's Diary" als Moppelchen verkauft werden sollte) alias Eva deutlich spüren. Eva stürzt, ist daraufhin dünn. Nick hingegen - Sie ahnen es - ist fett. Verstehen Sie nicht? Wir auch nicht.

Die Charaktere in diesen Filmen haben mal mehr, mal nur ein bisschen Übergewicht. Sie sind herzensgut, liebenswert, aber anscheinend total verkannt. Natürlich steht am Ende das Umdenken der Fieslinge und das wie Phoenix aus der Asche empor steigende Selbstbewusstsein der Dicken.

Empört möchte man dennoch schreien: Was fällt euch eigentlich ein? Spott und Hohn für Menschen, die mehr wiegen? Eine dieser Produktionen könnte man möglicherweise ertragen. In Folge ist das zu viel. Herablassend, trampelig, beleidigend. Was für ein Bild haben die Drehbuch-Autoren denn bitte von Übergewichtigen?

Wenn der Sender damit versucht, etwas gegen die Vorurteile gegenüber Übergewichtigen zu tun, gelingt dies überhaupt nicht. Sat.1 bedient sich derer und reitet auch noch schamlos darauf herum. Hinzu kommen die unfassbaren Botschaften: Dick sein ist eine moralische Strafe? Wer dick ist, kann nicht selbstbewusst sein?

Dicke Menschen sitzen nicht die ganze Zeit unglücklich Kekse essend auf dem Sofa! Sie sind genau so aktiv, stolz und wundervoll wie normalgewichtige Menschen!

Es ist nämlich gar nicht notwendig, Dicken mitleidig den Kopf zu tätscheln und ihnen gönnerhaft mal ein paar gut gemeinte, aber total flache Sendungen zu widmen. Das geht auch anders. Zum Beispiel in "Mike & Molly", einer amerikanischen Sitcom, die ab September ausgestrahlt wird. Ebenfalls von Sat.1 – das muss man dem Sender dann wenigstens lassen.

Auch dort sind die Hauptpersonen runder. Die wunderbare Melissa McCarthy, bekannt von den "Gilmore Girls", spielt Molly. Eine Frau mit Format, die weder über Nacht noch durch Gewitter zu ihren Kilos kam. Molly trifft Mike bei den "Anonymen Essern", die beiden verlieben sich ineinander. Ja, auch dies ist letztendlich unterhaltsamer Klamauk, aber die Machart, die Tonalität und die Aussagen über die Figuren sind vollkommen anders: Es dreht sich nicht alles um die Figur, übergeordnet sind die alltäglichen Sorgen, die jeder Mensch hat: Familie, Liebe, Job.

Hier sehen wir glaubwürdige Schauspieler, die nicht mit Kopfkissen unter ihren Kostümen ausgestopft sind und im realen Leben Größe 36 tragen. Wenn Mike und Molly sich in ihrer Serie über sich selbst lustig machen, lacht man mit und nicht über sie.

Humor ist eben, wenn jemand lacht. Nicht, wenn man ausgelacht wird.

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