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Nimko Ali "Genitalverstümmelung ist der Riss in der Menschheit"

Nimko Ali kämpft gegen Genitalverstümmelung
Nimko Ali (38) ist unsere "Starke Frau" im Monat Oktober
© Sandra Freij
Mit sieben wurde sie beschnitten, heute ist Nimko Ali eine Schlüsselfigur im Kampf gegen Genitalverstümmelung und andere Formen von genderbasierter Gewalt. Wie hat sie das geschafft?

In ihrem Bemühen, die Genitalverstümmelung auf der ganzen Welt zu beenden, hat Nimko Ali (38) gleich zwei Organisationen mitbegründet: Die NGOs "The Five Foundation" und "Daughters of Eve" haben zum Ziel, dass kein Mädchen auf der Welt mehr eine Female Genital Mutilation (FGM) erleiden muss. Doch damit nicht genug: Ali, die in Somaliland geboren wurde und in Manchester aufgewachsen ist, erarbeitet für die britische Regierung Strategien, um Gewalt gegen Frauen zu verhindern. Unter anderem erreichte sie, dass Themen wie Zwangsheirat, häusliche Gewalt und Genitalverstümmelung in den Lehrplan aufgenommen wurden. Sie rief auch das "Ginsburg Women's Health Board" ins Leben, das sich für ein gleichberechtigtes Gesundheitssystem für Frauen einsetzt. 

Nun hat die vielfach ausgezeichnete Frauenrechtsaktivistin ein Buch geschrieben: Für "Worüber wir nicht sprechen sollen – es jetzt aber trotzdem tun" hat Nimko Ali Interviews mit Frauen aus 14 Ländern geführt. Und wir aus diesem Anlass eines mit ihr:

BRIGITTE.de: Sie kämpfen an allen Fronten für Frauen – gegen Genitalverstümmelung, Femizide oder den Gender Gap im Gesundheitssystem. Was ist Ihr größtes Anliegen?

Nimko Ali: Mein Hauptanliegen ist die Menschheit. Ich glaube nicht, dass wir eine Welt des Friedens und des Wohlstands schaffen können, solange Frauen diskriminiert werden – und das beginnt bei der Genitalverstümmelung, der primitivsten Form von Gewalt gegen Frauen.

Die Genitalverstümmelung ist also die Basis allen Übels?

FGM ist der Riss in der Menschheit. Wir werden keine friedliche Welt haben, in der Frauen respektiert werden, solange Mädchen verstümmelt werden, um sie in die Ehe zu verkaufen. So gern sich manche Leute auch auf Themen wie den Gender Pay Gap oder die Sichtbarkeit von Frauen konzentrieren – wir können keine Gleichheit auf einem Fundament bauen, das kaputt und wackelig ist, auch wenn diese Dinge wichtig sind. Solange es FGM gibt, ist Gleichheit nicht möglich.

In Ihrem Buch "Worüber wir nicht sprechen sollen – es jetzt aber trotzdem tun" schreiben Sie, dass FGM sich wie eine Seuche auf der Welt verbreitet habe. Warum hält sich diese 4000 Jahre alte Praxis so hartnäckig?

Bei FGM geht es nicht nur um die Kontrolle weiblicher Sexualität. FGM dient dazu, Frauen zu kontrollieren und ihnen Angst einzuflößen. Viele schwache Männer haben Angst vor Frauen, die eine Stimme haben, empowered und furchtlos sind. Deshalb schließen beispielsweise die Taliban Mädchen von der Bildung aus. Und es macht etwas mit dir, wenn die Begrüßung in die Welt der Frauen eine Form von Gewalt ist.

Sie selbst wurden bei einem Urlaub in Somaliland im Alter von sieben Jahren verstümmelt. Was hat das bei Ihnen ausgelöst?  

Es nahm mir die Fähigkeit, mich in der Welt und in meinem Körper wohlzufühlen. Ich verlor meine Unschuld und erkannte früh, dass die Welt mich nicht unbedingt respektiert und mich niemand beschützt. Das verlieh mir ein Gefühl von Angst. Frauen wird diese Angst auf unterschiedlichste Weise eingeflößt: Bei mir war es der physische Akt der Genitalverstümmelung, bei anderen sind es Geschichten, die erzählt werden – etwa über ein Mädchen, das wegging und nie zurückkam. Frauen in der ganzen Welt werden über die Angst kontrolliert, was passieren kann, wenn sie leben, wie sie wollen. Ich habe die Erfahrung der Genitalverstümmelung jedoch auf gewisse Weise genutzt, um lauter zu werden und für mich einzustehen. 

Sie sagten einmal: "FGM sollte mich brechen und verstummen lassen, aber es hat aus mir die lauteste Person im Raum gemacht."

Ich war häufig in Räumen, in denen Menschen unfähig waren, über FGM zu reden. Die Genitalverstümmelung soll dich mit Scham erfüllen, damit du nie über diesen Akt sprichst. Aber ich habe mich nie wirklich geschämt. Ich habe mehr Wut als Scham empfunden, mehr Verletzung als Angst. Verletztheit ist ein Schmerz, mit dem du umgehen kannst, Angst musst du überwinden. Ich konnte die Verletzung und den Schmerz hinter mir lassen.

Wie haben Sie das geschafft?

Ich bekam in meiner Familie mehr emotionale Fürsorge als andere Frauen in der Community. Es klingt vielleicht widersprüchlich, aber ich wurde geliebt und man hat sich gut um mich gekümmert. Besonders meine Großmutter hat mich zu einem gewissen Grad zur Furchtlosigkeit erzogen. Und die Verstümmelung hat mich nicht definiert. Sie war nichts, worüber man jeden Tag sprach, im Sinne von: Darauf basiert deine Identität. So hatte ich eine gewisse Distanz und konnte über diesen Angriff auf meinen Körper nachdenken.  

Was muss vor allem getan werden, um die Praxis zu beenden?

Zuallererst muss sie als Akt der geschlechtsabhängigen Gewalt und als Verletzung der Menschenrechte gesehen werden und nicht nur als gesundheitliches Problem. Wir haben zwar den Schmerz afrikanischer Frauen erkannt, aber wir geben ihnen nicht die Berechtigung, die Macht und das Geld, um für sich zu kämpfen. Dafür setze ich mich mit meiner Organisation "The Five Foundation" ein. Ökonomische Gerechtigkeit ist zentral: Nur wenn Frauen Geld in der Tasche haben, nur wenn sie für ihre Arbeit bezahlt werden, haben sie eine Wahl und können echte Entscheidungen treffen. Doch viele Frauen in Afrika arbeiten nicht außerhalb des Hauses, sie werden als reine Gebärmaschinen betrachtet. Wir müssen aber auch die Diskriminierung von Frauen weltweit adressieren und darauf schauen, wie der Westen mit Kontinenten wie Afrika und Südamerika umgeht.

Stimmt es, dass Sie einen großen Anteil daran hatten, dass der Sudan FGM verboten hat?

Ich hatte das Glück, mit Politikern in den Dialog zu treten, deren Ideologien ich zwar nicht unbedingt teile, aber denen die Emanzipation afrikanischer Frauen wichtig ist. Und das kann ich über Mike Pompeo sagen, den ehemaligen Außenminister der USA. Im Rahmen der "Abraham Accords Declaration" arbeiteten er und Donald Trump daran, die Beziehungen zwischen dem Mittleren Osten, Afrika und Israel zu normalisieren und demokratische Prozesse in Gang zu setzen. Sudan war ganz vorne mit dabei, das Land wollte als zivilisierte Nation auf die Weltbühne zurückkehren. Da habe ich gesagt, ihr könnt aber nicht zivilisiert sein, solange ihr FGM erlaubt. Sobald der Sudan eine demokratisch gewählte Regierung hatte, wurde FGM verboten und die Frauen bekamen mehr und mehr Rechte. Ich bin davon überzeugt: Demokratie und die Fähigkeit, Frauenrechte zu wahren, gehen Hand in Hand.

Nimko Ali: "Genitalverstümmelung ist der Riss in der Menschheit"
© Goldmann Verlag

 Lesetipp: In Nimko Alis Buch "Worüber wir nicht sprechen sollen – es jetzt aber trotzdem tun: Ein Manifest über den weiblichen Körper" sprechen Frauen über ihre Erfahrungen mit ihrem Körper und ihrer Sexualität (Goldmann, 14 Euro).

Brigitte

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