Ninia LaGrande ist kleinwüchsig und weiß: "Was man nicht kennt, glotzt man an"

Menschen mit und ohne Behinderung leben in Deutschland noch fast überall in getrennten Welten. Die kleinwüchsige Moderatorin Ninia LaGrande fordert mehr Teilhabe und Austausch.

BRIGITTE: Wer im Rollstuhl sitzt oder wie Sie kleinwüchsig ist, wird neuerdings gern als "Mensch mit besonderer Begabung" bezeichnet statt als Behinderte*r. Das ist gut gemeint, aber Sie hassen es. Warum?

Ninia Binias: Es ist nun mal eine Tatsache, wenn jemand behindert ist. Sagt es einfach!

Warum benutzen Menschen ohne Behinderung solche beschönigenden Ausdrücke?

Sie sind unsicher. Das ist klar, denn Menschen mit Behinderung sind für viele eine fremde Spezies. Sie leben noch immer meist am Rand der Gesellschaft, arbeiten in Werkstätten im Industriegebiet, fahren mit Spezialbussen in Spezialschulen. Ich hasse den Ausdruck aber auch, weil er den Blick verstellt.

Was meinen Sie damit?

Wer "behindert" sagt, spricht klar an, dass es im Leben von Menschen sehr wohl Barrieren gibt. Und regt dazu an, diese zu beseitigen: Was genau behindert eine Rollstuhlfahrerin, was einen Blinden, und wie wird ihr Leben barrierefrei? Diese gesellschaftspolitische Dimension hat ein Euphemismus wie "Mensch mit besonderer Begabung" nicht.

Deutschland setzt zu sehr auf Separation unter dem Deckmantel des Wohlbefindens und nimmt Inklusion nicht so ernst wie andere Länder.

Was behindert Sie im Alltag am meisten?

Gibt es keine Rolltreppen oder Lifts und ich reise mit Gepäck, muss ich Fremde um Hilfe bitten. An die Tasten der meisten Fahrtkartenautomaten komme ich nicht ran. In Läden mit hohen Verkaufstheken übersehen mich die Verkäufer*innen. Solche Hindernisse drängen behinderte Menschen an den Rand, machen sie unsichtbar. Was dann zu Alltagsdiskriminierung führt: Was ich nicht kenne, glotze ich an.

Ist das in anderen Ländern anders?

Auf jeden Fall. Meist weil es dort entsprechende Gesetze gibt. Großbritannien etwa ist aus diesem Grund Vorreiter, was barrierefreie Flugreisen und barrierefreies Internet angeht. In Italien werden seit fast vierzig Jahren behinderte und nicht behinderte Kinder per Gesetz gemeinsam unterrichtet. In Kanada sind inklusive, barrierefreie Schulen seit 1986 Pflicht. Das hat auch die Mentalität der Gesellschaft verändert. In Belgien stagniert die Zahl der Beschäftigten in Behinderten-Werkstätten, die Menschen erhalten dort den Mindestlohn; in Deutschland dagegen gibt es immer mehr Mitarbeiter*innen in diesen Einrichtungen, und ihr Lohn liegt fast immer unter dem gesetzlichen Minimum. Kurz: Deutschland setzt zu sehr auf Separation unter dem Deckmantel des Wohlbefindens und nimmt Inklusion nicht so ernst wie andere Länder.

Gibt es bei uns auch Bereiche, wo Sie das Gefühl haben: Es bessert sich etwas?

Viele Jahre wurde nicht mit, sondern über uns gesprochen, das ändert sich nun. Auf Podien sitzen endlich auch Expert*innen in eigener Sache. Ich sehe den Ursprung im Netz, wo Aktivist*innen sichtbar sind, Rudel bilden. Ein Beispiel dafür sind die Netzkampagnen, die für ein Wahlrecht kämpften, das Menschen mit Behinderung und psychische Erkrankte, die betreut werden, nicht länger ausschließt. Bei der Europawahl durften diese 80 000 Deutschen nun endlich wählen – ein großer Erfolg!

Auch Sie selbst sind im Netz sehr aktiv. Schon als Teenager bloggten Sie zu Toleranz, Inklusion, Feminismus. Heute erreichen Sie über Ihre Social-Media-Kanäle an die 30 000 Menschen. Was regt Sie am meisten auf?

Dass bei uns auch heute noch Menschen in großem Umfang diskriminiert werden. Ich selbst bin damit aufgewachsen. Für meine Freund*innen an der Regelschule war ich normal, außerhalb meiner Blase wurde ich ausgelacht. Und diese Erfahrung machen nicht nur Menschen mit Behinderung – auch als Frau oder als Mensch mit nicht-weißer Hautfarbe kann man Diskriminierung erleben. Im Netz wurde mir damals klar: Ich bin nicht die Einzige. Es gibt viele von uns, auch ich kann eine Stimme haben und gehört werden. Netzdiskussionen schwappen in die Gesellschaft, was langfristig auch Druck auf die Politik ausübt.

Wann erfuhren Sie selbst zuletzt Diskriminierung?

Ich bekomme meine Dosis täglich. Menschen zeigen auf mich, lachen.

Auf einem Konzert legte kürzlich ein Fremder seinen Ellbogen auf meinen Kopf.

Während meiner Schwangerschaft hörte ich: War das Baby gewollt? Wird es auch so klein? Als dürften behinderte Menschen keine Kinder haben, und als sei ein Leben als Kleinwüchsige nicht lebenswert.

Was würde behinderten Menschen helfen?

Teilhabe. Verbindliche Quoten statt Freiwilligkeit und Rauskauf – derzeit zahlen Firmen eine sogenannte Ausgleichsabgabe, um Menschen mit Behinderung nicht beschäftigen zu müssen. Wären auch Theater und Geschäfte zwingend barrierefrei, würden davon auch Ältere und Eltern mit Kinderwagen profitieren. Würden behinderte und nicht behinderte Menschen miteinander lernen, gäbe es Schulen, die kein survival of the fittest lehrten, sondern den Menschen sehen würden. Ist das nicht viel mehr die Gesellschaft, in der wir alle leben wollen?

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BRIGITTE 17/2019

Wer hier schreibt:

Madlen Ottenschläger
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