So geht es in der Notaufnahme wirklich zu

Menschen, die gar nichts Ernsthaftes haben, aggressive Patienten, überfüllte Wartezimmer. Die Situation in Deutschlands Notaufnahmen sei katastrophal, heißt es. Stimmt das? Ortsbesuch in einer Hamburger Klinik.

"Herr B., ich bin sofort bei Ihnen." Es ist der Satz, den Dr. Sara Sheikhzadeh an diesem Tag am häufigsten sagen wird. Zusammen mit seinen Variationen "Ich komme gleich" oder "In fünf Minuten". Dabei nimmt sich die 41-Jährige nicht mal Zeit zum Umziehen, als sie gegen sieben Uhr die Zentrale Notaufnahme im Erdgeschoss der Asklepios Klinik Hamburg-Harburg betritt. "Die Minuten verbringe ich lieber bei den Patienten", sagt sie und eilt im Sommerkleid durch den Gang.

Weggeschickt wird hier keiner

Jetzt, unter der Woche und früh am Morgen, kommen nur wenige in die Notaufnahme. Im Wartezimmer sitzen zwei Patientinnen: eine junge, sehr blasse Frau* mit ihren Eltern, die nach einem Suizidversuch medizinisch versorgt werden musste und nun auf ihre Entlassung wartet, und ein Mann, der vor Kurzem am Knie operiert wurde und dem nun das ganze Bein wehtut. Er wird nach etwa
 20 Minuten von einer Ärztin in eines der Behandlungszimmer gebeten.

Sara Sheikhzadeh ist derweil in den Kranken
zimmern der Notaufnahme unterwegs. In der
 Nacht sind mehrere Patienten eingeliefert worden,
 die dort die vergangenen Stunden zur Überwachung verbracht haben. Wie es ihnen geht, hat das Team aus Ärzten und Pflegern jederzeit anhand der großen Bildschirme hinter dem Anmeldetresen im Blick; sie übertragen Herzaktivität und Atemrhythmus als bunte Kurven. 

Eine davon gehört einem 
älteren Herrn mit chronisch-obstruktiver Lungenerkrankung im Endstadium, umgangssprachlich Raucherhusten genannt. Am Abend ist er wegen 
akuter Luftnot mit dem Rettungsdienst gebracht 
worden. Nun soll er stationär aufgenommen werden. Sara Sheikhzadeh telefoniert mit verschiedenen Klinikabteilungen. Gleich darauf ruft sie wegen einer Patientin in der Radiologie an: "Frau H., kann
 die jetzt zur Computer-Tomografie kommen?"

Für ihr Team und die Patienten ist sie immer da

"Eine Notaufnahme ist nur so gut wie die Klinik dahinter", erklärt die Ärztin, nachdem sie sich, von ihrem ersten Rundgang zurückgekommen, dann doch ihr Klinik-Outfit aus blauem Kurzarmhemd und blauer Hose angezogen hat. "Wenn es hier unten überfüllt ist, ist das das Problem der ganzen Klinik."

Seit drei Jahren ist die ausgebildete Kardiologin Leiterin der Notaufnahme und hat in dieser Zeit viel verändert und neue Abläufe geschaffen. Die Ärztin spricht energisch, schnell, fixiert ihr Gegenüber: "In vielen Notaufnahmen arbeiten zum Beispiel sehr junge, noch unerfahrene Ärzte. Manchmal sind sie unsicher und es kommt zu unnötigen Doppeluntersuchungen." Mediziner, die sie einstellt, müssen deswegen mindestens ein Jahr klinische Erfahrung haben.

Sie selbst ist rund um die Uhr für ihr Team erreichbar. Erst letzte Woche hat sie sich nach einem Anruf mitten in der Nacht ins Auto gesetzt, um die diensthabenden Ärztinnen und Ärzte zu unterstützen.

Ob man nicht endlich gehen könne, sagt der Vater der jungen Frau und tritt an den Tresen. Er ist sichtlich angespannt. Man sei doch nun schon seit Stunden hier. "Gleich, Herr B.", sagt Sara Sheikhzadeh, während sie am Computer das Entlassungsschreiben fertigstellt. Die junge Frau wurde nachts eingeliefert. Die Schnitte, die sie sich zugefügt hatte, waren so tief, dass sie genäht werden mussten. Als die Familie die Klinik wenig später verlässt, ist für die Tochter bereits ein Termin beim Psychiater vereinbart worden. "Das trinkst du heute noch – mir zuliebe", sagt Sara Sheikhzadeh und reicht ihr zwei Mineralwasserflaschen. Die junge Frau lächelt schüchtern. Dem Vater legt die Ärztin zum Abschied die Hand auf die Schulter: "Schimpfen Sie nicht mit ihr."

Nicht jeder Patient gehört in die Notaufnahme

Inzwischen ist es kurz nach neun, und vor dem Tresen der Anmeldung stehen die Menschen nun bereits in einer kleinen Schlange. Besonders krank sehen die meisten von ihnen auf den ersten Blick nicht aus. Es gibt Erhebungen, dass mittlerweile bereits jeder dritte Patient in der Notaufnahme in die Kategorie "niedrigdringlich" fällt, also zum Beispiel mit Schnupfen kommt oder mit Rückenbeschwerden, die nicht akut sind, sondern bereits seit Wochen bestehen, oder sich auch mal nur krankschreiben lassen will. Alles Anliegen, mit denen man in der Haus- oder Facharztpraxis zweifellos besser aufgehoben wäre.

Sara Sheikhzadeh sieht das nicht so dramatisch: "Auch wenn es keine echten Notfälle sind, müssen diese Patientinnen und Patienten medizinisch betreut werden. Natürlich kümmern wir uns um sie, aber Herzinfarkt oder Schlaganfall gehen vor. Dann muss jemand mit eingewachsenem Fußnagel eben mal warten, das geht nicht anders."

Krankenschwester Monika Beutler ist die erste, der die Neuankömmlinge ihre Beschwerden schildern. Sie ist für die sogenannte Triage zuständig, das heißt, je nach Dringlichkeit weist sie ihnen die Farben Grün, Gelb oder Rot zu. Eine Frau mit Verdacht auf Hirnhautentzündung muss direkt in ein Isolierzimmer, ein Mann in die Urologie, weil der entsprechende Facharzt der Notaufnahme gerade nicht da ist. 

Auffällig ist, wie viele der Patienten, beinahe jeder zweite, sich mit Überweisungsschein anmelden. Sie kommen also nicht von sich aus, ein anderer Arzt schickt sie. Möglicherweise liegt das auch daran: Laut einer Studie des Hamburg Center for Health Economics nehmen niedergelassene Mediziner jeweils regelmäßig zum Quartalsende weniger Patienten für Routineuntersuchungen an. Ihre Budgets sind dann erschöpft und sie würden diese quasi kostenlos behandeln. Die kassenärztliche Vereinigung bestreitet dieses Phänomen.

Diagnosen erhält man in der Notaufnahme oft schneller

"Ich habe den Eindruck, dass die Steuerung im System nicht optimal ist. Die Patienten sind zunehmend auf sich gestellt", sagt Dr. Sheikhzadeh. Sie erinnert sich an ihren eigenen Bandscheibenvorfall vor ein paar Jahren. "Vom Hausarzt zum Orthopäden, von dort zum Wirbelsäulenchirurgen, der mich dann noch zum MRT geschickt hat – das alles hat eine Woche gedauert." In der Notaufnahme sind dagegen Fachärzte verschiedener Disziplinen anwesend. "Da warten Sie dann vielleicht ein paar Stunden, aber danach gehen Sie mit Diagnose, Schmerzmitteln und Rezept nach Hause. Und wenn Sie am nächsten Tag einen wichtigen Termin im Job haben, dann machen Sie das."

Sara Sheikhzadeh lehnt jetzt an einem halbhohen Schrank hinter der Anmeldung und bespricht sich mit Oberarzt Jan Wietz. Das Zimmer, in das sich die Ärzte früher zurückgezogen haben, hat sie aufgelöst, damit sie den Patienten auch räumlich näher sind.

Bei Monika Beutler steht nun eine ältere Frau. Sie habe sich die Hand geklemmt, erklärt sie mit leicht schleppender Stimme. "Sollen wir eine Salbe drauf machen?" fragt Sara Sheikhzadeh von hinten und ihre Stimme wird sanft. Die Frau nickt erleichtert. "Die ist jeden Tag hier, immer mit etwas anderem", sagt die Ärztin. "Sie holt sich ein paar Liebeseinheiten, und das ist völlig in Ordnung." Dann blickt sie auf einen Monitor an der Wand, der anzeigt, wie viele Patienten mit welchem Farbcode sich in der Notaufnahme befinden und wie viel Zeit sie dort bereits verbracht haben. "Gehst du mal zu Frau A., die wartet jetzt schon 20 Minuten", sagt Sheikhzadeh über die Schulter zu einer jungen Ärztin.

Wir sind ein Spiegel der Gesellschaft

Wie lange man hier denn im Durchschnitt warte? "Das dürfen Sie auf keinen Fall schreiben", sagt die Ärztin schnell, nachdem sie die genaue Minutenzahl genannt hat. "Fakt ist, dass Notfälle immer sofort drankommen. Patienten mit leichteren Beschwerden regt es dann manchmal auf, wenn sie von denen, die mit den Rettungswagen gebracht werden, im Zehn-Minuten-Takt überholt werden."

Mittlerweile haben auch Krankenkassen, Ärztebund und Politik das Problem der vollen Notaufnahmen erkannt und fordern Maßnahmen. Der Notdienst der Kassenärztlichen Vereinigung  soll deshalb mit Plakataktionen bekannter gemacht werden. Und in Harburg betreibt diese seit letztem Herbst in unmittelbarer Nachbarschaft zur Notaufnahme eine Notfallpraxis, die abends und am Wochenende die Klinik entlasten soll. Möglicherweise ein Modell für die Zukunft.

Natürlich sei ihr Team – und auch sie selbst – genervt, "wenn mal wieder jemand mit Haarspliss kommt". Weggeschickt würde allerdings keiner, und niemand müsse zur Strafe dann extra lange warten: "Wenn man solche Patienten rasch sieht 
– und genau das versuchen wir –, dann sind sie schließlich auch schnell wieder weg."

Was sie hier am meisten beanspruche, sei etwas anderes: "Die alten, multimorbiden Menschen binden viel mehr Zeit und Personal als Bagatellerkrankungen, Herzinfarkte, selbst die Versorgung Schwerverletzter." Multimorbid heißt mehrfach erkrankt. Diesen Menschen geht es schlecht, und trotzdem können Ärzte meist wenig tun, dass es ihnen entscheidend oder langfristig besser geht.

Wie der lungenkranke ältere Herr heute. "Es sind zunehmend Menschen, die nach einer notärztlichen Behandlung eine langfristige medizinische Betreuung benötigen – vor allem aber zusätzliche Pflege und Fürsorge", sagt Sara Sheikhzadeh. "Das ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung. Die Notaufnahme ist immer ein Spiegel aktueller Entwicklungen."

Gewalt ist kein neues Phänomen

In der Zeit nach 2015 hatten sie oft junge Männer aus der Flüchtlingsunterkunft des Bezirks als Patienten, erzählt die Ärztin. "Die hatten Schlimmes erlebt." Manche von ihnen waren aggressiv. Seit einigen Jahren hat die Klinik einen privaten Sicherheitsdienst engagiert. Dass die Gewalt deutlich zugenommen hat, bestätigt Dr. Sheikhzadeh aber nicht: "Ich weiß, das will jeder von mir hören. Aber dass Patienten gewalttätig werden, ist kein neues Phänomen. Das gab es schon früher. Für die Kollegen ist das oft sehr belastend, aber dafür sind wir ausgebildet und wir schaffen das."

Kurz darauf wird mit dem Rettungswagen ein junger Mann eingeliefert. Schon letzte Nacht war er da, hat randaliert und ist dann barfuß weggelaufen. Seine Schuhe stehen noch in einer Plastiktüte in der Ecke. Nun liegt der Mann laut schimpfend auf der Transportliege. Die Anspannung von Ärzten und Pflegern ist selbst vorn am Anmeldetresen zu spüren. Der Security-Mann, ein kräftiger Typ in schwarzer Kleidung, eilt dazu; Sara Sheikhzadeh schickt ihn weg. Das hätte die Situation nur explosiver gemacht, erklärt sie später. Mit verschränkten Armen und ein wenig Abstand steht sie dem Patienten gegenüber. Sagt wenig, hört ihm zu und irgendwann wird er tatsächlich ruhiger. Die Ultraschalluntersuchung des Mannes wird sie selbst übernehmen – sobald ein Gerät frei ist. "Ich bin gleich wieder bei Ihnen", sagt sie und atmet kurz durch. 

WENN DIE PRAXIS ZU HAT: Abends, nachts, an Feiertagen und am Wochenende ist der Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigung bundesweit unter der Nummer 116 117 zu erreichen.

*Angaben zu Patientinnen und Patienten wurden von der Redaktion geändert

Brigitte 17/2018

Wer hier schreibt:

Antje Kunstmann
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