Beate Zschäpe - die fremde Tochter

Das Verhältnis zwischen Beate Zschäpe und ihrer Mutter war nie gut. Trotzdem hält Annerose Zschäpe zur Angeklagten. Und verweigert die Aussage.

Annerose Zschäpe hat ihre Tochter seit Jahren nicht gesehen. Erst im Gerichtssaal saß sie ihr für ein paar Minuten gegenüber.

Zwei Tassen in ihrem Regal erinnern Annerose Zschäpe an ihre Tochter. Auf der einen Tasse steht der Name "Beate", auf der anderen ist ein Foto von Uwe Mundlos abgedruckt. Sie sind alles, was ihr von Beate Zschäpe geblieben ist, seit ihrem "Verschwinden". So nennt die Mutter das Untertauchen ihrer Tochter am 26. Januar 1998.

Seither hatte sie keinen Kontakt zu ihr, so hat es Annerose Zschäpe den Ermittlern erzählt, nachdem sich Beate Zschäpe am 8. November 2011 gestellt hatte. 14 Jahre lang habe sie nicht gewusst, wo sich ihre Tochter aufhält.

Über die Beamten ließ sie der mutmaßlichen Terroristin damals ausrichten, dass ihre Familie für sie da sei, die Mutter und die Oma. Und heute beweist sie es. Als der Vorsitzende Richter Manfred Götzl sie im NSU-Prozess fragt, ob sie eine Aussage machen will, sagt die zierliche 61-Jährige: "Nein." Sie beruft sich auf ihr Zeugnisverweigerungsrecht als Mutter. Auch der Verwertung ihrer Aussage beim Bundeskriminalamt vom November 2011 widerspricht sie. So belastet sie ihre Tochter, auch versehentlich, nicht.

An diesem Mittwoch sitzen sich, für einen kurzen Moment bloß, Mutter und Tochter im Gerichtssaal gegenüber. Beate Zschäpe starrt nach unten, versucht Blickkontakt zu vermeiden. Nach wenigen Minuten verlässt Annerose Zschäpe das Münchner Oberlandesgericht, wo ihrer Tochter seit dem 6. Mai der Prozess gemacht wird.

Die Beziehung zwischen Annerose und Beate Zschäpe gilt als "schwierig". Schon lange vor Beate Zschäpes "Verschwinden" war sie wohl zerrüttet. Die Tochter wuchs bei den Großeltern auf, die Mutter war alleinerziehend und arbeitete als Ingenieurin. Beate Zschäpe wurde ohne Vater groß, der biologische Erzeuger hatte die Vaterschaft nicht anerkannt und ist auch nicht in der Geburtsurkunde vermerkt. "Beate Apel, weiblichen Geschlechts. Geboren um 18 Uhr 38 am 6. Januar 1975", Eltern: Annerose Apel, steht im Dokument des Standesamts Jena.

Annerose Zschäpe lernte ihn bei ihrem Studium in Bukarest kennengelernt, wurde schwanger und ging ohne den Rumänen zurück nach Jena. Sie heiratete kurz darauf ihren Jugendfreund und sein Name wurde nachträglich in der Geburtsurkunde vermerkt. Die Ehe hielt nicht. Die Mutter heiratete 1978 ein zweites Mal, doch auch diese Ehe wurde nach einem guten Jahr wieder geschieden. Vom zweiten Stiefvater blieb Beate Zschäpe der Nachname.

In der Vernehmung von 2011, die das Gericht nun nicht mehr verwenden darf, schilderte Annerose Zschäpe ihre Tochter als "liebes, nettes Mädchen". Als eine, die gerne anderen eine Freude bereitet hat. "Sie war eigentlich immer beliebt, hatte viele Freundinnen in der Schulzeit, die sind auch immer gern zu uns gekommen."

"Wenn sie sich von etwas überzeugt hat, dann vertrat sie diese Sache auch konsequent."

Mit der Wende brach die Familie endgültig zusammen, Annerose Zschäpe verlor ihren Job als Ingenieurin und verfiel in Lethargie, kümmerte sich nicht einmal um Arbeitslosengeld. Mutter und Tochter verloren ihre Wohnung. Beate Zschäpe hat ihr das wohl nie verziehen. Als Kämpfernatur beschrieb Annerose Zschäpe ihre Tochter in der Vernehmung: "In der Schule zeigte sie sich selbstbewusst. Ich würde nicht sagen, dass sie leicht beeinflussbar war. Aber wenn sie sich von etwas überzeugt hat, dann vertrat sie diese Sache auch konsequent. In der vierten Klasse fing Beate an zu fechten und war darin auch wirklich gut." Als ihre Fechtgruppe aufgelöst worden sei, habe sie in keine andere gehen wollen. "Dies lehnte sie vehement ab, ging nicht mehr zum Fechten. Sie war nicht sprunghaft."

Die rechte Gesinnung war ein Schock

Mit derselben Sturheit wandte sich Beate Zschäpe später gegen den neuen Freund der Mutter. Sie entfremdeten sich. Irgendwann teilten sie wohl kaum mehr als die neue Zwei-Zimmer-Wohnung in Jena-Winzerla. Und so sei die Mutter geschockt gewesen, als 1996 die Polizei die Wohnung durchsuchte.

Da erst sei ihr bewusst geworden, dass ihre Tochter "ernsthaft diese politische Richtung eingeschlagen hat, sich in der Neonazi-Szene bewegt", erzählte Annerose Zschäpe den Ermittlern 2011. Sie, die "politisch eher in die linke Richtung" tendiere, konnte damit nicht umgehen. Aber da sei es bereits zu spät gewesen, sie sei nicht mehr an sie heran gekommen.

Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt seien ihr damals sogar positiv aufgefallen, berichtete sie in ihrer Vernehmung. "Sie tranken kaum Alkohol, achteten darauf, dass ihre Schuhe immer geputzt sind." Das stand im Bericht. Bis Annerose Zschäpe handschriftlich das Wort "Schuhe" durchstrich und durch "Springerstiefel" ersetzte.

Eine nicht überwindbare Distanz

Es ist nicht bekannt, wo Annerose Zschäpe ihre Tochter Beate in den Jahren im Untergrund vermutete. Sie hatte sich mit der Mutter von Uwe Mundlos abgesprochen, sie wollten sich gegenseitig informieren, sobald sie etwas von ihren Kindern hörten. Doch nur Brigitte Böhnhardt, die Mutter von Uwe Böhnhardt, hatte Kontakt zu den Dreien.

Ihre Tochter habe sie erst in der Haft wiedergetroffen, dreimal hat sie Beate Zschäpe bisher besucht. Und heute im Prozess für einen kurzen Augenblick wiedergesehen.

Dass Annerose Zschäpe heute ihre Aussage verweigerte, überrascht nicht. Interviewanfragen hatte sie stets freundlich aber bestimmt abgelehnt. Lauerten Journalisten ihr in Jena auf, antwortete sie: "Es werden doch nur Lügen geschrieben."

Es scheint, als habe sie sich nun komplett in den zehnstöckigen Plattenbau in gelb-blau-rosa Pastellfarben im Jenaer Norden zurückgezogen, wo die beiden Tassen stehen. Dort wohnt sie mit ihrer Mutter, die 80-jährig und herzkrank ist. Sie war es, die Beate Zschäpe auf ihrer Flucht noch einmal besuchen wollte. Nicht die Mutter. Auf einem Bahnticket hatte Zschäpe die Telefonnummer notiert: "Oma 822XXX".

Text: Lena Kampf

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