NSU: Opfer enttäuscht über Merkel und Gauck

Gamze Kubasik ist Tochter eines NSU-Opfers. Vor zwei Jahren hat ihr Kanzlerin Merkel versprochen, für die Aufklärung der Verbrechen zu sorgen - bislang wurde es nicht eingelöst.

Gamze Kubasiks Vater wurde von den NSU-Terroristen hingerichtet, als sie 20 Jahre alt war. Auf der Trauerfeier für die Opfer des NSU vor genau zwei Jahren hielt sie eine bewegende Rede. Die Bundeskanzlerin versprach ihr danach "rückhaltlose Aufklärung".

BRIGITTE: Frau Kubasik, hat Angela Merkel ihr Versprechen eingelöst?

Gamze Kubasik: Bisher habe ich davon noch nichts gespürt. Ich bin sehr enttäuscht. Als der Prozess im Mai begann hatte ich das Gefühl, dass nun endlich Gerechtigkeit geschehen wird. Aber die Behörden fahren fort mit ihrer Heimlichtuerei.

Was meinen Sie damit?

Mein Vater wurde brutal ermordet, einfach, weil er Türke war. Ich habe als Tochter das Recht alles zu erfahren, bis ins letzte Detail. Ich will wissen, wer alles am Mord an meinem Vater beteiligt war. Wenn da noch Menschen frei herum laufen, die geholfen haben, dann sollen sie gefunden und bestraft werden.

Die Bundesanwaltschaft hat doch umfassend ermittelt. Warum glauben Sie, dass es noch mehr Helfer gab?

Die waren 13 Jahre lang untergetaucht, waren aber nicht wirklich abgeschottet in der Zeit, das hat auch der Untersuchungsausschuss festgestellt. Es gibt an allen Tatorten Hinweise auf lokale Unterstützer, viele Menschen müssen mitverwickelt gewesen sein. Wie haben die Mörder denn ihre Opfer ausgesucht? Waren es wirklich Zufallsopfer? Der Kiosk meines Vaters lag in einer Straße, die man eigentlich nur als Dortmunder kennt.

Der Generalbundesanwalt ermittelt ja gegen neun weitere Personen und führt ein Verfahren gegen Unbekannt.

Aber was ermitteln die da? Wir können es nicht überprüfen, weil mein Anwalt die Akten von der Bundesanwaltschaft nicht bekommt. Die filtern alle neuen Erkenntnisse und sagen, dass Akten über die Unterstützer nicht wichtig seien für dieses Gerichtsverfahren. Viele der Nebenklageanwälte sprechen von mangelndem Aufklärungswillen. Das ist für mich echt heftig. Dieses Vorgehen ist aber im Strafprozess so angelegt. Das hier ist kein normales Mordverfahren. Ich verlange doch nichts mehr als Transparenz. Genau das haben uns Bundeskanzlerin und Bundespräsident Joachim Gauck versprochen. Merkel und Gauck haben ihre Versprechen nicht eingelöst.

Der Prozess ist ja noch längst nicht beendet, es ist noch kein Urteil gesprochen.

Es geht mir nicht um ein Urteil. Ich will Gewissheit, sonst kann es für mich keine Gerechtigkeit geben. Und ich habe mittlerweile wirklich Angst, dass wir nie alles erfahren werden. Für mich wäre es das zweite gebrochene deutsche Versprechen. Meine Eltern sind nach Deutschland gekommen, weil sie Schutz suchten. In der Türkei wurden sie als Aleviten (eine islamische Glaubensrichtung, Anm. d. Red.) verfolgt. Als wir hier Asyl bekamen versprach man uns, dass wir hier sicher sein würden. Doch mein Vater wurde nicht beschützt.

Im November 2013 haben Sie selbst im Prozess ausgesagt. Ihr Auftritt war beeindruckend.

Für mich war es furchtbar. Alle im Raum kennen dein Schicksal und ich wollte nicht weinen vor denen. Ich musste immer rüberschauen. Jede Regung im Gesicht der Angeklagten interpretiere ich. Wenn sie lacht, frage ich mich: Hat sie auch genau so gelacht, als sie erfahren hat, dass mein Vater tot ist? Ich weiß, dass ich das nicht sollte, aber selbst, wenn ich abends ins Bett gehe, frage ich mich, was die Angeklagte gerade tut.

Sie sagen, "die Angeklagte", den Namen sprechen Sie nicht aus. Was würden Sie Frau Zschäpe fragen, wenn sie könnten?

Ich will wissen, was nach dem Mord an meinem Vater gesprochen wurde. Und ob mein Vater noch etwas gesagt hat, bevor sie ihm ins Gesicht schossen.

Was hat sich für Sie seit dem Auffliegen des NSU geändert?

In meinem engen Umfeld sehr viel. Bis 2011 waren wir ja keine gute Familie, selbst Freunde und Bekannte vermuteten wegen der Ermittlungen, dass mein Vater ein Krimineller war und deshalb ermordet wurde. Jetzt wird ganz anders geredet. Einfache Leute auf der Straße entschuldigen sich bei mir. Ich sehe auch Scham in ihren Gesichtern. Mir war vorher auch nicht klar, wie viele Neonazis es in Dortmund gibt. Jetzt achte ich darauf. Vor zwei Wochen saß ich einem in der Bahn gegenüber, der hatte diesen Haarschnitt und trug eine typische Lonsdale-Jacke. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und schaute ihn so lange an, bis er wegguckte. Mein Mann flüsterte: "Hör auf, provozier den nicht." Aber ich hörte nicht auf zu schauen und ich werde es auch nicht. Die haben meine Familie zerstört und mir das wichtigste in meinem Leben genommen. Ich bin trotzdem eine Deutsche. Das ist meine Heimat. Die werden mich hier nicht wegkriegen.

Interview: Lena Kampf

Wer hier schreibt:

Lena Kampf
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