Verdrängung von Obdachlosen: Was die Städte sich alles einfallen lassen

Von Metallspitzen auf dem Boden bis zu abgerundeten Bänken – die Verdrängung von Obdachlosen aus dem öffentlichen Raum nimmt immer neue Formen an. Ein Foto aus London löste erneut eine Debatte aus.

Zäune unter Brücken, Metallspitzen in Hauseingängen, abgerundete Bänke, die es unmöglich machen, sich hinzulegen, Mülleimer, die so konstruiert sind, dass man nicht in sie hineingreifen kann. Es ist geradezu erstaunlich, welche Maßnahmen Städte und Kommunen ergreifen, um obdachlose Menschen fernzuhalten.

Als kürzlich der Twitter-Nutzer Ethical Pioneer ein Foto aus London postete, das Metallspitzen zeigt, die auf dem Boden eines Hauseingangs angebracht wurden, damit sich dort niemand hinlegen kann, löste er eine Diskussion auf Twitter aus. "Anti-Obdachlosen-Spitzen. So viel zum Gemeinschaftssinn", schrieb er zu seinem Foto. Die Reaktionen folgten prompt: Menschen aus aller Welt kommentierten das Foto empört und teilten Bilder aus anderen Städten, in denen Obdachlose durch verschiedene Maßnahmen vertrieben werden sollen.

Zaun unter einer Brücke in Hamburg-Mitte, die Obdachlose als Schlafplatz nutzten

Auch in Deutschland finden sich viele Beispiele für die Verdrängung von Obdachlosen aus dem öffentlichen Raum. In Großstädten wie Hamburg oder München klingt klassische Musik aus Lautsprechern an Bahnhöfen, damit Menschen dort am Schlafen gehindert werden. In Hamburg errichtete das Bezirksamt Hamburg-Mitte einen Stahlzaun unter einer Brücke in der Nähe der Reeperbahn, die vorher von Obdachlosen als Schlafplatz genutzt worden war. In vielen Städten finden sich Metallspitzen auf Fensterbänken und Bodenplatten, die nicht nur Tauben, sondern auch Menschen davon abhalten sollen, sich niederzulassen. Und die Stadtplaner überbieten sich in der innovativen Gestaltung von Bänken und anderen öffentlichen Sitzgelegenheiten – immer neue Formen werden erdacht, die es unmöglich machen, sich hinzulegen.

Die Städte versuchen das Problem der Obdachlosigkeit zu lösen, indem sie die Betroffenen vertreiben. Nach dem Motto: Obdachlose und Bettler stören das Stadtbild, sie stinken und niemand will sie sehen. Also investiert man Geld in Maßnahmen, die wohnungslose Menschen aus dem Blickfeld räumen sollen. Das wachsende Problem bei der Wurzel zu packen (nach Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe ist die Zahl der Obdachlosen in Deutschland 2012 auf 284.000 angestiegen), scheint die Regierungen zu überfordern.

Was denken Sie? Haben Sie Maßnahmen gegen Obdachlose in Ihrer Stadt beobachtet? Finden Sie diese Maßnahmen gerechtfertigt? Ihre Meinung interessiert uns.

Redaktion: AW
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