Ökologischer Fußabdruck: Wie nachhaltig lebst du wirklich?

Glaubst du auch, dass du umweltbewusst lebst? Dann täuschst du dich womöglich! Ein Rechner im Internet hilft dir herauszufinden, wo du zu viele Ressourcen verbrauchst.

Wie umweltbewusst leben wir wirklich? Wir haben Christa Liedtke gefragt, worauf es tatsächlich ankommt - und haben überraschende Antworten bekommen. Die Biologin leitet die Abteilung „Nachhaltiges Konsumieren und Produzieren“ am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie.

BRIGITTE: Frau Liedtke, warum braucht es einen Ressourcenrechner? Es gibt doch schon den CO2-Fußabdruck als bewährten Indikator für Umweltverschmutzung?

Christa Liedtke: Der Ressourcenrechner hat alle Materialien im Blick, die für ein Produkt von der Rohstoffförderung über Herstellung und Nutzung bis zur Entsorgung oder dem Recycling verbraucht werden, also auch Energieträger, Erze oder Nahrungsmittel. Der CO2-Fußabdruck hat allein die Treibhaus-Emissionen im Fokus. Nehmen wir eine Waschmaschine: Ginge es allein um den Treibhauseffekt, wäre das Gerät am besten, das besonders energieeffzient ist. Um diese Effizienz und saubere Wäsche zu erreichen, braucht man aber unter Umständen mehr Rohstoffe, etwa Metalle für die elektronische Steuerung. Die Gesamtbilanz ist also gar nicht so gut. Auf solche Fehlschlüsse kann eine Ressourcenbetrachtung aufmerksam machen.

Wie umweltbewusst bist du? Hier geht's zum Rechner!

200 000 Menschen haben den Rechner schon genutzt, 60 000 ihre Daten für Ihre Forschung hinterlassen. In welchen Bereichen ist der Verbrauch denn auffallend hoch?

Bei der Ernährung, beim Wohnen und Unterwegssein. Da fallen 80 Prozent der 40 Tonnen Ressourcen wie Holz, Kohle, Metalle und Mineralstoffe an, die die Nutzer unseres Rechners im Durchschnitt pro Jahr verbrauchen. Damit das globale Ökosystem weiter bestehen kann, sollten wir bis 2050 acht Tonnen erreichen. Sonst wird die Begrenzung der globalen Erderwärmung nicht zu schaffen sein, und wir verlieren unsere biologische Vielfalt, Voraussetzungen für unseren Wohlstand.


Wer lebt denn Ihren Daten zufolge besonders verschwenderisch?


Interessanterweise haben gerade die umweltbewussten Menschen, oft Besserverdienende, einen vergleichsweise hohen Verbrauch. Wenn man allein mit dem SUV beim Biomarkt vorfährt, ist das eben insgesamt nicht unbedingt ökologischer als ein Großeinkauf mit der Familie beim Discounter. Die Einkommensschwächeren tragen wesentlich mehr zu Klimaschutz und Nachhaltigkeit bei, auch wenn das nicht unbedingt beabsichtigt ist. Der Rechner zeigt damit auch eine soziale Dimension auf: die Ungleichheit im Zugang zu Ressourcen und damit zu Produkten und Dienstleistungen.


Wo ließen sich Ihrer Erfahrung nach am ehesten Ressourcen einsparen?


Großes Potenzial sehe ich beim Wohnen: Wir leben auf viel zu viel Fläche, verbrauchen deshalb zu viel Strom, heizen mehr als nötig und müssen die ganze Fläche auch noch sauber halten. Ich spreche da aus eigener Erfahrung. Seit meine beiden Söhne vor Kurzem ausgezogen sind, lebe ich mit meinem Mann auf 130 Quadratmetern, ökologisch sinnvoll wären 20 bis 30 Quadratmeter pro Person. Mein Ressourcenrucksack hat sich allein dadurch stark vergrößert. So geht es vielen Eltern, deren Kinder flügge werden. Aber die Hürde, daran etwas zu ändern, ist riesig. Schon allein, weil unsere Häuser so unflexibel gebaut sind: Es fehlen separate Eingänge, die es ermöglichen, ein Haus in mehrere Wohneinheiten aufzuteilen. Deshalb bleibt oft nur der Umzug. Beim aktuellen Immobilienmarkt ist das allerdings nicht gerade einfach.

Sie könnten die Wohnung doch an Gäste vermieten, wenn Sie selbst im Urlaub sind. Auch Autos oder Bohrmaschinen teilen heute viele gegen Gebühr mit anderen. Könnte die Sharing Economy die Ökobilanz nicht entscheidend verbessern?

Die Idee dahinter ist gut, doch man muss von Fall zu Fall prüfen, wie groß der Effekt wirklich ist. Wir haben uns zum Beispiel das Car-Sharing in Großstädten angeguckt und festgestellt: Unterm Strich werden dadurch nur ein bis drei Prozent an Treibhausgas-Emissionen eingespart. Weil die Autos vor allem von Leuten genutzt werden, die vorher mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder Fahrrad unterwegs waren. Da muss ein anderes Geschäftsmodell her. Sehr sinnvoll wäre Car-Pooling für Pendler. Wenn Firmen fördern, dass Mitarbeiter zusammen zur Arbeit fahren, hat das größeren Nutzen.

Was können Politik und Unternehmen noch tun, um ressourcenschonenden Konsum zu fördern?


Die Ressourcenkommission am Umweltbundesamt, deren eine von zwei Vorsitzenden ich bin, fordert eine verständliche und transparente Produktinformation und eine Institution, die eingreift, wenn sich Beschwerden der Konsumenten häufen. Ähnlich dem Effzienzklasse-Label sollten bestimmte Kennwerte, etwa die Lebensdauer eines Produkts oder der Anteil von recyceltem Material, ausgezeichnet werden. Nur so können Konsumenten sich überhaupt bewusst für nachhaltigere Produkte entscheiden. Weniger nachhaltige Produkte würden damit allmählich vom Markt verdrängt und verschwinden.

Sind Sie sicher? Nicht allen Verbrauchern ist Nachhaltigkeit besonders wichtig.

Aber vielleicht Produkte, die halten, was sie versprechen? Stellen Sie sich vor, Sie haben drei nicht gerade preisgünstige LED-Leuchten gekauft, die mit einer Lebensdauer von 30 000 Stunden ausgezeichnet wurden, aber jeweils schon nach 3000 Stunden kaputt sind. Wenn es die Produktinformation gäbe, könnten Sie sich bei der Produktkennzeichnungsstelle beschweren. Häufen sich die Beschwerden, würden die Produkte vom Markt genommen.

Christa Liedtke ist Biologin und leitet die Abteilung „Nachhaltiges Konsumieren und Produzieren“ am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. Für eine Professur pendelt sie nach Essen zur Folkwang-Universität - gern mit dem Zug. Weil es ökologischer ist, und, weil sie Staus und Parkplatzsuche satt hat. Den Ressourcenrechner des Wuppertal Instituts findet ihr hier: www.ressourcen-rechner.de

Brigitte 07/2018

Wer hier schreibt:

Luisa Jacobs
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