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Olena Selenska Die ukrainische First Lady im großen BRIGITTE-LIVE-Interview

Olena Selenska
Olena Selenska im BRIGITTE-LIVE-Interview
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BRIGITTE trifft Olena Selenska, Ehefrau des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyi, auf der Frankfurter Buchmesse zum großen LIVE-Interview. Ihre wichtigsten Aussagen lest ihr hier.

Anders als angekündigt, nahm Olena Selenska, 44, Ehefrau des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyi, persönlich und nicht virtuell an der Veranstaltung BRIGITTE LIVE auf der Frankfurter Buchmesse am 22. Oktober teil. Die First Lady der Ukraine stellte sich vor Ort den Fragen des Publikums und der BRIGITTE-Chefredakteurin Brigitte Huber und Meike Dinklage, Ressortleitung Zeitgeschehen.

Olena Selenska im BRIGITTE-LIVE-Interview: Die wichtigsten Aussagen

Unter großem Beifall betritt Selenska die Bühne. Auf die erste Frage von BRIGITTE-Chefredakteurin Brigitte Huber, wie es ihr aktuell gehe, antwortet sie: "Es ist schwer, das Land zu verlassen, das sich im Krieg befindet. Ich bin froh, die Unterstützung der Menschen zu spüren. Das gibt uns die Kraft, weiterhin zu kämpfen." Sie erklärt: "Wir sind Opfer eines Angriffskrieges und der Krieg verletzt unser Leben jeden Tag." Dennoch sei sie zuversichtlich.

Brigitte Huber, Olena Selenska, Meike Dinklage (von links)
Brigitte Huber, Olena Selenska, Meike Dinklage (von links)
© Getty Images

Ihre Mission auf der Buchmesse sei es, ukrainische Verleger zu unterstützen. "Von Kindheit an war das Buch für mich etwas ganz Besonderes. Bücher sind eine Möglichkeit, in eine andere Welt zu flüchten. Wir leben jetzt in einer anderen Welt. Man möchte sich ablenken. Ablenken von diesen Gräueltaten. Aber das Buch hilft nicht immer."

"Wir kämpfen für unser Leben"

Barrierefreiheit ist eines ihrer Hauptprojekte, dazu hat sie ein Handbuch initiiert und gefördert, das sie hier auf der Frankfurter Buchmesse vorstellt. "Barrierefreiheit ist für mich Gerechtigkeit." Es sei kein Projekt, keine Tätigkeit, sondern eine Philosophie. Es gehe um eine Gesellschaft, in der sich alle wohlfühlen.

"Der Krieg verletzt unsere Menschen jeden Tag. Nicht nur Soldaten, auch Zivilisten. Heute wird hier eine Bombe geworfen, morgen wird die Straße wieder aufgebaut." Und mit dem Wiederaufbau soll auch direkt die Barrierefreiheit mitgedacht werden. "Dieser Krieg schafft neue Barrieren für uns und die versuchen wir zu beseitigen."

Selenska über das umstrittene Vogue-Cover

Selenska spricht auch über ihr Vogue-Cover, das sehr polarisiert hat: "Ich war mir dessen bewusst und habe die Pros und Kontras abgewogen. Annie Leibovitz ist eine legendäre Persönlichkeit, Vogue ist eine Zeitschrift, die ein Millionenpublikum hat. Ein Publikum, das sich vielleicht nicht so für den Krieg interessiert. Deshalb musste ich diese Möglichkeit nutzen. Dieser Krieg ist auch mein Schmerz, daher habe ich auch das Recht, das zu zeigen." Selenska hat schließlich mit ihrem Ehemann über das Cover gesprochen und gemeinsam entschieden, das Projekt umzusetzen.

Die First Lady und ihre Familie

Auf die Frage, ob sie eine Powerfrau sei, antwortet Selenska: "Ich denke nicht, dass ich eine Powerfrau bin, es gibt Ereignisse, die sowas in einem hervorrufen. Ich bin nicht nur die Frau des ukrainischen Präsidenten. Ich bin auch die Tochter meiner Eltern und mache mir Gedanken um sie. Ich bin Mutter und mache mir Gedanken um meine Kinder." 

Haben die Kinder Angst um ihren Vater? Selenska erklärt: "Sie sagen es nicht laut – aber sie fühlen es. Das ist für mich ein Dilemma. Soll ich mit ihnen darüber sprechen? Ich habe auch Angst zu hören, dass es ihnen vielleicht nicht so gut geht. Wir sprechen mit ihnen wie mit Erwachsenen über den Krieg, sie verfolgen die Nachrichten auch. Es ist eine Herausforderung jeden Tag in die Schule zu gehen, wenn Luftalarm ist. Sie glauben an den Sieg und sie warten auf den Sieg." Die First Lady erklärt, das Wichtigste sei, wenn alle leben, "das ist schon Glück für uns."

Kinder gewöhnen sich laut Selenska leichter an diese schlimmen Situationen. Dazu hat sie eine traurige Anekdote: "Vor zwei Wochen hat Russland angefangen, massenhaft Raketen abzufeuern. Ein Ziel davon war ein Kinderspielplatz, auf dem ich früher auch mit meinen Kindern war. Glücklicherweise war das um 8 Uhr morgens und keine Kinder waren auf dem Spielplatz. Einige Tage später haben Kinder auf dem Sand in diesem tiefen Loch gespielt, wie in einer riesigen Sandkiste. Als das Loch wieder zugeschüttet wurde, waren die Kinder traurig, weil der viele Sand weg war."

Selenska wird gefragt, ob Frauen den Krieg anders erlebten. Sie erklärt: "Ehrlich gesagt denke ich nicht, dass unsere Frauen den Krieg auf eine andere Weise wahrnehmen. Es ist unser aller Krieg. Es ist nicht so, dass Männer kämpfen und Frauen zuhause sind. Wir haben auch tausende Frauen, die in der Armee für ihr Land kämpfen. Die meisten sind Freiwillige, wir haben sehr viele Verteidigerinnen. Wir haben auch Lehrerinnen, Ärztinnen vor Ort, ich denke nicht, dass es da eine Geschlechtertrennung gibt. Wir alle versuchen alles zu tun, was wir tun können. Für uns alle ist dieser Krieg eine Tragödie."

Sie fasst die besonderen Werte ihres Landes zusammen: "Die Ukraine ist ein moderner Staat, Frauen haben dieselben Rechte wie Männer, alle haben Meinungsfreiheit, alle haben das Recht zu kämpfen. Dazu sind wir sehr hartnäckig, das ist eine typisch ukrainische Charaktereigenschaft."

Selenska zur Rolle Deutschlands

Doch wie nimmt Selenska die Rolle Deutschlands wahr, über die auch international viel diskutiert wird und wurde? Sie sei sehr dankbar für die Unterstützung und dass Deutschland so viele Flüchtlinge aufgenommen habe, die hier in Sicherheit leben können. Aber: "Es gibt einen Punkt, bei dem man mehr tun könnte: Waffenlieferungen." Sie ergänzt, Deutschland könne stolz darauf sein, dass so viele Menschenleben gerettet wurden mit den bisherigen Waffenlieferungen. Doch: "Je mehr Waffen wir bekommen, desto schneller ist der Krieg vorbei. Wir müssen den Aggressor stoppen, dafür brauchen wir Waffen. Ich werde nach weiteren Waffenlieferungen fragen."

Der Krieg kam für Selenska nicht überraschend, aber sie hatte trotzdem auf ein Wunder gehofft: "Die gesamte ukrainische Gesellschaft war angespannt. Die ganze Welt hat diese Gefahr gesehen. Aber alle hatten natürlich die Hoffnung, dass es nicht zu dieser Dummheit kommt. Ich dachte anfangs, es sind Feuerwerke – aber dann war mir klar, dass um vier Uhr nachts niemand mehr feiert."

Was bringt die Zukunft?

Früher arbeitete die heutige First Lady der Ukraine bei ihrer eigenen TV-Produktionsfirma, mit der sie die Comedy-Formate ihres Mannes umsetzte. Eine Komödie könne sie aktuell nicht mehr schreiben: "Heute würde es mir schwerfallen. Meine Kollegen tun viel, um die Leute abzulenken. Ich könnte zurzeit nicht in diesem Bereich arbeiten, dafür fehlt mir die Leichtigkeit. Was später ist? Wer weiß …"

Brigitte Huber will in der letzten Frage des Gesprächs wissen, ob Selenska weiterhin Pläne habe. Sie antwortet: "Wenn man über mich als First Lady spricht, habe ich sehr viele Pläne, wie zum Beispiel meine eigene Stiftung. Wenn man über meine persönlichen Pläne spricht, dann plane ich nur Geburtstage, so weit kann ich mit meinen Plänen gehen." Kaum jemand in der Ukraine mache sich grade Gedanken um Weihnachten. "Aber wir haben Träume, die sind wichtiger als Pläne. So wie den Sieg. Jeder denkt daran, was man nach dem Sieg tun wird. Das ist der Traum, den alle teilen."

lgo Brigitte

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