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Eine Geschichte ohne Aufstieg Olivier David: Warum Armut ihn psychisch krank gemacht hat

Olivier David
Olivier David
© Jan Lops
Realität schafft Normalität – für Olivier David war es normal, dass vor dem Haus jemand Pfiff, um an seine Drogen zu kommen, dass Geräusche von Fäusten, die auf jemanden einschlugen, durch die Wände drangen. Armut macht psychisch krank – Olivier David schreibt über sein Leben und erklärt, warum seine Geschichte keine Aufstiegsgeschichte ist.

Es ist Juni 2019, als der Journalist und Autor Olivier David die Fähre in Hamburg verlässt und am Deich entlang zu der Wohnung seiner Freundin geht. In ihm tobt die Wut, wie eigentlich immer. "Ich musste die Wut und das Adrenalin spüren", sagt er im Interview mit der BRIGITTE, "um mich so zu fühlen wie immer." An diesem Tag auf dem Deich wusste er, dass irgendwas nicht stimmt und dass es etwas mit seinem Aufwachsen und seinem sozialen Hintergrund zu tun hat.

Kinder verdrängen vieles in der Kindheit – weg sind die Probleme damit aber nicht

Das, was Kinder in ihrer Kindheit verdrängen, bahnt sich irgendwann einen Weg an die Oberfläche und kann mit solcher Wucht hervorplatzen, dass man nicht weiß, wie man das innere Chaos wieder ins Gleichgewicht bringen kann. Wut steht neben Traurigkeit, Euphorie neben tiefer Erschöpfung, das Leben beschleunigt und verlangsamt sich zugleich.

Olivier David wächst Anfang 1990 im Hamburger Bezirk Altona im Stadtteil Ottensen in einer Mietwohnung auf. Er wohnt dort zusammen mit seinen Eltern und seiner Schwester. Bis er acht Jahre alt ist, dann trennt sich seine Mutter, der Vater zog aus und schlief die ersten Tage vor dem Haus in einem alten Renault. Damals war er wütend auf seine Mutter, wenn sie den Vater wieder wegschickte. Er wusste nicht, dass sein Vater betrunken vor der Tür stand. Heute sagt er: "Die Trennung war für meine Mutter und für uns etwas Gutes, es kam wieder mehr Ruhe rein".

Die Wut als täglicher Begleiter – für Olivier David war es normal

Sein Vater zog in eine Wohngemeinschaft und begann wieder mit Gras zu dealen. Nach eineinhalb Jahren verschwand er aus Deutschland. Erst nach Paris und dann nach China. Der Kontakt war sporadisch, die Telefonate und Briefe bezeichnet David als kryptisch. Er habe zwar gefragt, wie es ihm gehe, wartete aber die Antwort nicht ab und erzählte von seinen Jobs und was er alles erlebte, sagt David.

Die Wut war schon immer Teil seines Lebens – ein täglicher Begleiter. Das bei ihm in der Familie etwas anders war und das Armut nicht alle betraf, merkte er erst später, als er schon zur Schule ging. Er und seine Schwester besuchten eine Waldorfschule. "Damit die Waldorfschule kein reines Elitenprojekt bleib, wurden pro Klasse immer eine Handvoll Kinder aus ärmeren Familien zugelassen", schreibt er in seinem Buch. Seine Mutter hätte sich das Schulgeld nicht leisten können. Sie lebten von Sozialhilfe und dem Geld, was seine Mutter unter der Hand dazu verdiente.

Durch die Corona-Pandemie ist die Armutsquote in Deutschland auf einem traurigen Rekordniveau

Einer Studie des Paritätischen Wohlfahrtsverbands zufolge hat die Armutsquote in Deutschland während der Pandemie einen traurigen Rekord eingefahren. 16,1 Prozent der Bevölkerung müssten zu den Armen gerechnet werden, heißt es im Bericht Armut in der Pandemie – das entspricht 13,4 Millionen Menschen. Als arm gilt jede Person, die über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügt.

"Armut kann isolieren", sagt David. Ihm fehlte es an Vorbildern, die ihm zeigten "wie ein gesundes Leben funktionieren kann." "Meine Mutter hat sich immer bemüht, dass es solche Figuren in meinem Leben gab, aber das war einfach nicht möglich", sagt er. Eine Zeit lang gingen sie zur Kirche, er wurde getauft und seine Mutter fand Taufpaten in der christlichen Gemeinschaft der Waldorfschule. Paten, die Oliver David nicht kannte, mit denen er sich zwei-, dreimal traf und sich der Kontakt dann verlor. "Sie kamen aus ganz anderen Milieus. Wenn kein soziales Band vorhanden ist, dann hält das auch nicht lange."

Es fehlte an Vorbildern in der Kindheit für ein "gesundes Leben"

"Meine Mutter war immer auf Sinnsuche", sagt er. Dass sie selbst unter Depressionen litt, wusste sie lange Zeit nicht. "Sie hatte viel zu viel Stress, um sich um sich selbst und ihre Baustellen zu kümmern", sagt David. Hinzu kam, dass das Bewusstsein fehlte, dass man sich für psychische Leiden Hilfe holen kann. "Wenn die Welt dir nie wohlgesonnen ist, dann erwartest du auch nicht, dass dir jemand hilft", sagt er.

Oliver David hat sich Hilfe geholt. "Ich glaube, ich war nur dazu in der Lage, an mir zu arbeiten, weil es mir gut ging", sagt er. Das klinge paradox, aber zu diesem Zeitpunkt im Jahr 2019 habe er durch ein geregeltes Einkommen das erste Mal keine Geldsorgen gehabt, er war in einer stabilen guten Beziehung und konnte sich das erste Mal fallen lassen. "Es fühlte sich an, als würden meine Muskeln das erste Mal entspannen", sagt er. "Ich habe mich immer so festgebissen, wollte immer weiter machen, aber das ging nicht mehr."

Armut kann ein Grund für psychische Erkrankungen sein

Je mehr er an sich selbst arbeitete, desto mehr verstand er die Zusammenhänge zwischen seinem Aufwachsen und seiner psychischen Erkrankung. Der Arzt und Sozialmediziner Gerhard Trabert hat zu diesem Zusammenhang viel geforscht. Kinder, die in Armut aufwüchsen, hätten später häufiger Angststörungen und Depressionen, sagt er im Spiegel. Sie würden von der Normalität ausgegrenzt. Das Selbstwertgefühl leide und Menschen trauen sich weniger zu. Die Erkenntnis, dass etwas anders gelaufen ist und welche Konsequenzen das mit sich bringt, kommt meist erst, wenn die Betroffenen älter, häufig schon erwachsen sind. So wie auch bei Olivier David.

Seine Diagnose lautet: posttraumatische Belastungsstörung, ADHS und Depressionen. „Ich bin mehr als meine Diagnosen“, schreibt er. Sein Buch ist keine Aufstiegsgeschichte wie diese klassischen „vom Tellerwäscher zum Millionär“, sagt er. Er lebe noch immer in einer prekären Lage und Geld ist weiterhin Mangelware, aber er hat das gefunden, was ihn glücklich macht: das Schreiben. Geld ist nicht alles im Leben, heißt es so oft. Aber es ist ein Türöffner und verschafft Erleichterung im Alltag, sodass der Fokus mehr auf sich selbst und seinen Liebsten liegen kann. Womit der Kreislauf aus Armut und psychischen Erkrankungen zumindest aufgebrochen werden könnte.

Verwendete Quellen: der-paritaetische.de, spiegel.de

Das Buch zum Artikel: 
Keine Aufstiegsgeschichte – Warum Armut psychisch Krank macht von Olivier David
Eden Books, erschienen am 4. Februar 2022 als Taschenbuch (16,95 Euro)

Brigitte

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