Opfer sexueller Gewalt: "Wir sind so viel mehr als der Missbrauch"

Beate Kriechel hat als Kind sexuelle Gewalt erfahren, wehrt sich aber gegen die Festlegung als Opfer. Warum tut sie das? 

Ist Menschen, die in der Kindheit sexuellen Missbrauch erleben mussten, wirklich damit geholfen, als Opfer bezeichnet zu werden? Beate Kriechel jedenfalls findet diese Festlegung äußerst problematisch. 

In ihrem Buch "Für immer traumatisiert? Leben nach dem sexuellen Missbrauch in der Kindheit" hat sie acht Betroffene eingeladen, über ihre Missbrauchserfahrungen und ihre Heilungsprozesse zu berichten. Wie der Titel bereits andeutet, stellt das Buch die landläufige Annahme infrage, dass Betroffene sexuellen Missbrauchs für immer Opfer sind.   

BRIGITTE.de: Bei sexuellem Missbrauch wird meist von "Täter" und "Opfer" gesprochen. Sie lehnen die Opferrolle aber ab. Warum?

Beate Kriechel: Das Problem ist, dass man auf diese Rolle festgeschrieben wird – mit der Betonung auf Schwäche und Verletzung und der Überzeugung, dass ein Mensch da nie wieder rauskommt. Man wird einseitig auf den Missbrauch festgelegt und pathologisiert, und es bleibt unberücksichtigt, dass man noch ganz viele andere Dinge erfahren hat. Der Begriff impliziert, dass man keine Entwicklung durchmachen kann. Ich sage aber: Ich bin nicht der Missbrauch.

Man wird also in eine Schublade gesteckt.

Ja. Man liest Dinge wie: "Diese Kinder sind für immer kaputt", und ich denke dann: "Was für eine Endgültigkeit!" Man ist nicht zwingend sein Leben lang beschädigt. Das kann so sein, muss es aber nicht. Beim Tod eines Elternteils oder bei einem schlimmen Unfall kommt auch niemand auf die Idee, zu sagen, dass du ein Leben lang Opfer bleibst.

Sollten sich Betroffene dann auch selbst nicht als Opfer bezeichnen?

Klar muss man sagen dürfen: Ja, ich bin Opfer. Aber ich bin es eben nicht ausschließlich. Oft ist es schwierig, in der Öffentlichkeit als Opfer zu sprechen, vor allem wenn man sagt: "Ich lebe trotzdem ein zufriedenes oder glückliches Leben." Dann kommt es schnell zu dem falschen Umkehrschluss: Na, dann kann's ja wohl nicht so schlimm gewesen sein.

Betroffene in Ihrem Buch sagen, dass sie an ihrem Leid gewachsen seien – sie ziehen also etwas Positives aus ihrer Erfahrung. Schaffen das viele?

Das weiß ich nicht, es gibt da ja keine Statistiken dazu. Es gibt natürlich Menschen, die da nicht rauskommen, die nicht arbeiten können oder die sich umbringen. Wichtig ist: Niemand sagt, der Missbrauch ist etwas Positives. Die Betroffenen im Buch berichten in der Rückschau von ihrem Bewältigungsweg. Hinterher sehen manche, welche Stärke oder Fähigkeiten sie durch die schwierigen Erlebnisse entwickelt haben. Jessica zum Beispiel betont, dass sie bei ihrer Arbeit in der Pflege viel empathischer ist als andere. 

Andere schreiben, dass es wichtig für sie war, über das Erlebte zu sprechen, und dass die Konfrontation mit dem Täter zentral in ihrem Heilungsprozess war. Sind das Schritte, die Sie generell empfehlen können? 

Es gibt keine allgemeine Empfehlung, weil jeder Missbrauch und jede Bewältigungsstrategie so individuell ist. Eine Ausnahme mache ich aber: Ich rate dringend, darüber zu sprechen und nicht alleine damit zu bleiben. Ich halte es für wichtig, dass man sich öffnet und sich jemandem anvertraut.

Warum?

Weil es einem die Möglichkeit eröffnet, damit fertig zu werden. Für mich kam damit die entscheidende Wende, um beispielsweise mit meiner Scham und meinen Schuldgefühlen zurechtzukommen. In dem Moment, in dem ich aufgemacht habe, hat sich etwas Entscheidendes bewegt.    

Sollten Eltern mit ihren Kindern eigentlich darüber sprechen, dass es sexuellen Missbrauch gibt?

Zunächst ist es wichtig, ein Kind zu einem selbstbewussten Wesen zu erziehen, das formulieren darf: "Ich mag das nicht, ich will das nicht." Es geht darum, ein Kind zu stärken, damit es Nein sagen und sich jemandem anvertrauen kann. Man sollte vermitteln: Du kannst auf jeden Fall mit mir reden. Kinder sollten auch lernen, dass es normalerweise keine Geheimnisse zwischen Erwachsenen und Kindern gibt. Viele Täter sagen ja: "Erzähl das bloß niemandem, das ist unser Geheimnis." Man sollte Kindern keine Angst machen, aber irgendwann sollte man das Thema trotzdem ganz klar benennen, etwa so: "Es gibt Erwachsene, die wollen, dass du sie anfasst oder die wollen dich vielleicht anfassen." Wann der richtige Zeitpunkt dafür ist, ist aber sehr individuell.  

 

"Für immer traumatisiert? Leben nach sexuellem Missbrauch in der Kindheit" von Beate Kriechel (Mabuse-Verlag,  16,95 Euro).

Wer hier schreibt:

Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Brigitte-Newsletter

Brigitte-Newsletter

Trends und Tipps aus den Bereichen Mode & Beauty, Reise, Liebe und Kochen - lies zum Wochenstart das Beste von Brigitte.