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Ornella Al-Lami Diese Frau jagt in ihrer Freizeit Pädokriminelle

Ornella Al-Lami: Frau tippt auf Laptoptastatur
© Михаил Решетников
Ihr Job: das Netz sicherer machen
Ihre Mission: Pädokriminelle jagen
Ihr Antrieb: ihre eigenen Erfahrungen

Was Ornella Al-Lami auf ihrer Website n3ll4.de postet, ist schwer zu ertragen. Verpixelte Screenshots eines Instagram-Chats, in dem ein erwachsener Mann einem zehnjährigen Mädchen Penisfotos schickt und fragt, ob es masturbiert; den Mitschnitt eines Telefongesprächs, in dem ein Mann völlig ungerührt über die Vergewaltigung eines kleinen Kindes spricht.

Engagement gegen Pädokriminalität 

Ornella Al-Lami, kurz: Nella, arbeitet Vollzeit als Cybersecurity-Spezialistin bei einem Unternehmen in Süddeutschland. In ihrer Freizeit jagt die 24-Jährige Cybergroomer: Das sind Menschen, die sich über das Internet an Kinder heranmachen. Wenn die Eltern von Betroffenen sich an sie wenden, nutzt sie ihre IT-Kenntnisse, um die Pädokriminellen ausfindig zu machen.

Als sie vor dreieinhalb Jahren damit anfing, sei sie sehr radikal vorgegangen, sagt Al-Lami: Sie habe die Identität der Täter:innen öffentlich gemacht, ihre Konten auf verschiedenen Plattformen gehackt. Dann sei ihr klar geworden, dass das öffentliche Bloßstellen den Täter:innen zugleich die Möglichkeit gibt, Beweismaterial zu löschen, was die Strafverfolgung erschweren kann. Inzwischen melde sie ihre Erkenntnisse in den meisten Fällen lieber der Polizei.

Ihr Engagement gegen Pädokriminalität habe auch mit eigenen Erfahrungen zu tun, sagt Al-Lami: "Ich bin bei den Zeugen Jehovas aufgewachsen und habe dort über Jahre Missbrauch erlebt. Mein 14. bis 19. Lebensjahr habe ich durchgängig in psychiatrischen und Reha-Einrichtungen verbracht." Auch Cybergrooming habe sie selbst erlebt:

"Ich war schon relativ jung online unterwegs und wurde damals von vielen Pädokriminellen angesprochen. Deswegen weiß ich, wie diese Abläufe funktionieren."

Mit ihrer Website will sie andere, vor allem Eltern, aufklären.

Unsichere digitale Plattformen machen es Pädokriminellen leicht

Über soziale Netzwerke und Gaming-Plattformen können Pädokriminelle leicht Kontakt zu Kindern herstellen. Laut einer 2021 im Auftrag der nordrhein-westfälischen Landesanstalt für Medien durchgeführten Umfrage unter 2200 Kindern und Jugendlichen wurde jedes zehnte Kind zwischen zehn und zwölf Jahren schon einmal von Erwachsenen dazu aufgefordert, freizügige Fotos von sich zu senden. Jede:r elfte Acht- bis Neunjährige, jede:r siebte Zehn- bis Zwölfjährige und jeder vierte Teenager zwischen 13 und 15 Jahren gab an, im Internet schon Erwachsene kennengelernt zu haben, die sich mit ihnen verabreden wollten. Am häufigsten passierte das über Instagram, WhatsApp, Snapchat und TikTok, aber auch Spieleplattformen und die Online-Community Knuddels wurden immer wieder genannt.

Cybergrooming ist strafbar, aber die Behörden tun sich bei der Verfolgung schon wegen der schieren Menge an Täter:innen und Material oft schwer. Hier kommt Ornella Al-Lami ins Spiel. Ihre Arbeit als Hacktivistin, also als Hackerin mit einem politischen Ziel, hat sich nach und nach ergeben: "Als ich begonnen habe, auf Instagram über meine eigenen Erlebnisse zu sprechen, haben sich immer mehr andere Betroffene gemeldet", erzählt sie. "Da dachte ich, wieso nutze ich meine Fähigkeiten nicht, um zu helfen?"

Inzwischen habe sie ein kleines ehrenamtliches Team um sich geschart, das Mails beantworte und ihr bei der Recherche helfe. Von Instagram, wo sie immer wieder gesperrt wurde, ist sie auf Twitter und Telegram umgestiegen.

Der Polizei einen Schritt voraus

Sie verfolgt dort nicht nur Pädokriminelle, sondern auch Rechtsextreme und Online-Betrüger:innen. Ungefähr 25 Stunden pro Woche investiere sie in die ehrenamtliche Arbeit, sagt sie. Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde sie Ende Juni: Da fand sie innerhalb von Stunden eine Spur zu jenen polizeibekannten Rechtsextremen, die die österreichische Ärztin Lisa-Maria Kellermayr mit detaillierten Folter- und Morddrohungen terrorisiert hatten. Der österreichischen Polizei war das über Monate hinweg nicht gelungen. Kellermayr nahm sich wenige Wochen später das Leben, offenbar auch, weil sie sich von den Behörden alleingelassen fühlte.

Wie viele Verurteilungen Pädokrimineller es aufgrund ihrer Arbeit gegeben hat, kann Al-Lami nicht sagen. "Die Verfahren ziehen sich oft über Jahre", sagt sie. Und weil in vielen Fällen nicht sie selbst Anzeige erstatten könne, sondern nur die Eltern der Betroffenen, wisse sie nicht immer, wie die Prozesse enden. Sie geht davon aus, dass sie mehrere Dutzend Täter:innen identifiziert hat und ihre Recherchen zu mindestens zehn Haftstrafen geführt haben. Ihr größter Erfolg sei der Fall "Nature 23": ein selbsternannter "Bibellehrer" aus Berlin, der an psychisch kranken Jugendlichen und Erwachsenen "Exorzismen" durchführt und sie sexuell missbraucht haben soll. Gegen ihn ermittelt inzwischen die Berliner Staatsanwaltschaft.

Brigitte

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