"Holt euch Hilfe, bevor es zu spät ist": Schutz für Mädchen, denen Zwangsheirat droht

"Sie haben mich gezwungen, einen Mann zu heiraten, den ich noch nie gesehen hatte." 570 Fälle – allein Berlin: Jedes Jahr werden hunderte Mädchen und junge Frauen aus Deutschland verschleppt und zur Heirat gezwungen. Die Hilfsorganisation PAPATYA möchte den Betroffenen helfen. Wie, das erklärt hier Schauspielerin Sibel Kekilli.

"Mein Name ist Yasmin ... meine Eltern haben herausgefunden, dass ich einen Freund habe ... nach ein paar Tagen sagten sie, wir vergessen alles. Sie haben gesagt, wir besuchen Verwandte. Aber als wir ankamen, haben sie mir sofort alles weggenommen. Reisepass, Handy, alles. Sie haben mich gezwungen, einen Mann zu heiraten, den ich noch nie gesehen hatte. Dass ich erst 16 bin, hat niemanden gestört."

Die fiktive Geschichte von Yasmin aus dem Präventionsfilm #HolDirHilfe passiert so immer wieder ganz real in Deutschland. Allein im Jahr 2017 wurden in Berlin 570 Fälle von versuchter oder erfolgter Zwangsverheiratung bekannt, berichtet die Berliner Hilfsorganisation PAPATYA. 87 Prozent der erfolgten Zwangsehen wurden im Ausland geschlossen. Eine hohe Dunkelziffer wird vermutet. #HolDirHilfe lautet darum der Aufruf ihrer neuen Präventionskampagne. 

Verschleppung bezeichnet das Phänomen, dass Jugendliche gegen ihren Willen, häufig in den Sommerferien, im Herkunftsland der Familie zurückgelassen werden und nicht nach Deutschland zurückkehren dürfen. - Eva Kaiser, Leiterin von PAPATYA 

Der fiktive Film zum Schicksal von Yasmin soll andere Mädchen und junge Frauen ermutigen, sich bei Zwangsheirat und Verschleppung ins Ausland online beraten zu lassen. Denn wenn die Mädchen erst einmal verschleppt wurden, sind, so PAPATYA, "Rückführungen nur unter erheblichen Schwierigkeiten und in Kooperation mit Hilfsorganisationen und Botschaften vor Ort möglich".

Seit 2004 betreibt die Organisation zur Hilfe die Onlineberatung SIBEL, die unter anderem vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert wird, erreichbar unter beratung.papatya.org. Betroffene und Helfer*innen können sich vertraulich und kostenlos zu Themen wie Zwangsheirat, familiäre Gewalt oder Verschleppung beraten lassen. 

So hilft PAPATYA: Gespräch mit Sibel Kekilli

Welche Hilfe betroffene Mädchen und Frauen erwarten können, erklärt hier die Schirmherrin der Onlineberatung – Schauspielerin Sibel Kekilli (38). 

BRIGITTE.de: Welche Hilfe können junge Frauen, denen die Zwangsheirat und Verschleppung drohen, von PAPATYA erwarten?

Sibel Kekilli: Betroffene Mädchen und junge Frauen können persönlichen Schutz in einer Zufluchtswohnung erhalten. Dort gibt es Platz für acht Mädchen und junge Frauen im Alter von 13-21 Jahren. Hier können sie erst einmal zur Ruhe kommen. Parallel wird für jedes einzelne Mädchen eine Perspektive erarbeitet, wie es für sie weitergehen kann, wo sie zur Schule gehen können usw. Dabei arbeitet die Organisation eng mit dem Jugendamt zusammen, sie hilft beim Schulabschluss oder dem Finden einer Ausbildungsstelle, aber auch bei der Suche nach einer geeigneten beständigen Wohnmöglichkeit.

Warum unterstützen Sie die Onlineberatung SIBEL der Hilfsorganisation PAPATYA?

Ich habe die Schirmherrschaft der Onlineberatung SIBEL übernommen, weil ich es sehr wichtig finde, dass Frauen und Mädchen, die beispielsweise zwangsverheiratet werden sollen, oder Gewalt erleben, darüber unmittelbare Hilfe und Unterstützung erhalten können. Die Mädchen bekommen ortsunabhängig und anonym einen Ansprechpartner, der sie kostenfrei berät. Die Onlineberatung wurde nach meiner Filmfigur in "Gegen die Wand" benannt, da der Figur ein ähnliches Schicksal widerfuhr. Und ich fand die Arbeit von PAPATYA schon immer gut und wichtig. Als wir uns dann bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes kennengelernt hatten, bin ich auf sie zugegangen und habe inzwischen auch mehrmals das Projekt und die Mädchen besuchen dürfen.

Wie wird den jungen Frauen nach einer Rückführung nach Deutschland geholfen? 

Wenn betroffene Mädchen oder junge Frauen zurück nach Deutschland kommen, können sie zunächst bei PAPATYA in der Zufluchtswohnung selbst aufgenommen werden. Dort wird ihnen geholfen, sich wieder zurecht zu finden und sie erhalten alle Unterstützung für die weitere Lebensplanung. Das beinhaltet auch Kontakte zu Anwälten und anderen Institutionen, etwa um den Mädchen bei Aufenthaltsproblemen unmittelbar helfen zu können. 

Wie können wir alle dazu beitragen, junge Frauen in unserer Gesellschaft vor Verschleppung und Zwangsheirat zu schützen?

Indem wir sie schon früh aufklären, dass es für solche Fälle Hilfe gibt. Auch, dass die Mädchen Rechte haben und man sie schützen kann. Ich wünsche mir, dass sich auch – vor allem muslimische – Eltern aufklären lassen würden, davon sind wir aber wohl noch etwas weiter entfernt. Dennoch ist es wichtig, dass Freunde und Nachbarn für dieses Thema sensibilisiert werden und nicht wegschauen, sondern bei Gefahr selbst helfen bzw. Hilfe holen.

Weitere Informationen zu PAPATYA findest du hier: beratung.papatya.org.

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