Patchwork-Familien

Immer mehr getrennte Männer und Frauen gründen eine neue Familie und bringen einen bunten Strauß an Töchtern und Söhnen mit.

Nach Schätzungen des Deutschen Jugendinstituts München leben bundesweit zwischen 1 und 1,5 Millionen Kinder in so genannten Patchwork-Familien - mit Vater, Mutter und Kindern aus unterschiedlichen Beziehungen. Die neuen, "zusammengewürfelten" Familien verdrängen zunehmend die traditionelle Kleinfamilie und haben prominente Paare in ihren Reihen. Bundeskanzler Gerhard Schröder war bereits in vier Ehen Co-Vater und "Superweib" Hera Lind hielt mit zwei ihrer vier Kindern Einzug in eine Familie, die bereits aus Vater und zwei Töchtern bestand.

Jede siebte Familie

Nach Expertenmeinung zählt bereits jede siebte Familie in Deutschland zu den Patchwork-Familien. Steigende Scheidungsraten erhöhen die Wahrscheinlichkeit, einen Partner oder eine Partnerin für ein neues Zusammenleben zu finden. Allerdings erfordert der neue Familienverband von den Mitgliedern oftmals große Flexibilität und einen zwischenmenschlichen Spagat.

Auch wenn nach Ansicht von Psychologen diese Lebensform für Kinder durchaus vorteilhaft sein kann, da soziale Kompetenz und Kompromissbereitschaft besonders trainiert würden, gibt es auch in diesen Familien Konflikte. So kann z.B. noch nicht aufgearbeiteter Trennungsschmerz zu Spannungen führen. Der ohnehin nicht leichte Familienalltag wird noch zusätzlich erschwert, da diese Familien finanziell stiefmütterlich behandelt werden. Mehr als die Hälfte der Patchwork-Familien werden wieder geschieden.

Interview mit einer Mutter

Mitten in einem kleinen Dorf in Hessen verbirgt sich eine "Villa Kunterbunt": Andrea Langenfeld (36, Krankenschwester) und ihr Lebensgefährte Norbert Schmitz (39, Diplompädagoge) leben dort mit ihrem gemeinsamen Sohn Paul (3) und den Eltern von Norbert. An den Wochenenden wächst die Kleinfamilie zu einer großen Patchwork-Familie an, wenn die Geschwister Anna (13) und Jonas (12) sowie Philipp (13) aus den ersten Ehen anreisen. Die neue Familie hat vor sieben Jahren zusammengefunden, als Andrea und Norbert sich nach ihren jeweiligen Scheidungen kennen lernten.

Brigitte.de: Frau Langenfeld, Ihre Familie besteht bereits seit sieben Jahren. Wie würden Sie Ihr Verhältnis untereinander beschreiben?

Andrea Langenfeld: Im Laufe der Zeit hat sich das Verhältnis verändert. Am Anfang waren wir einfach ein Paar, das seine eigenen Kinder an den Wochenenden mitgebracht hat. Wir sind ganz langsam zusammengewachsen. Als Paul auf die Welt kam, sind Norbert und ich zusammengezogen. Das hat die Situation verändert. Aber da unsere Kinder sich bereits aneinander gewöhnen konnten, war die Umstellung für sie nicht so groß. Sie sind miteinander vertraut und fangen sowieso an, immer mehr ihre eigenen Wege gehen. Zu Paul haben alle drei ein besonders enges Verhältnis, sie verwöhnen ihn, wann immer sie Zeit und Lust dazu haben.

Brigitte.de: Wie war am Anfang Ihrer Beziehung das Verhältnis untereinander?

Andrea Langenfeld: Am Anfang war es etwas kompliziert. Es kam hin und wieder zu eifersüchtigen Attacken. Norberts Sohn ist ein Einzelkind und war es einfach gewöhnt, dass sein Vater ihm sehr viel Aufmerksamkeit entgegen bringt. Er war sehr eifersüchtig auf mich, weil ich mit seinem Vater so viel Zeit verbrachte. Jedes der Kinder hatte seine eigene Art, mit der neuen Situation umzugehen. Mein Sohn z.B. hat immer wieder ins Bett gemacht und damit schweigend seinen Protest geäußert, meine Tochter war da weniger still. Sie hat lauthals herausgebrüllt, dass sie uns alle blöd findet und lieber auch die Wochenenden bei ihrem Vater verbringen will. Das tat weh.

Brigitte.de: Wie sind Sie mit diesen Konflikten umgegangen?

Andrea Langenfeld: Wir haben versucht, die Reibereien aufzulösen, indem wir ein paar ganz klare Regeln aufgestellt haben. Z.B. wollte Philipp immer bei uns im Bett schlafen. Das ging natürlich nicht. Wir haben es weder ihm noch den anderen Kindern erlaubt. Statt dessen hat sich jedes Elternteil die Zeit genommen, mit seinen eigenen Kindern etwas zu unternehmen und bestimmte Rituale, die es schon vor der neuen Familie gab, beizubehalten.

Brigitte.de: Haben Ihre Kinder dadurch gelernt, die neue Familie zu akzeptieren?

Andrea Langenfeld:

Ja. Wir haben in der ganzen Zeit versucht, sie mit Aktivitäten aufzufangen und ihnen die Möglichkeit gegeben, miteinander vertraut zu werden. Wir haben unsere gesamte Freizeit zusammen verbracht, wir sind Fahrrad gefahren, waren schwimmen, sind gerudert. Alles, was uns so einfiel. Ich glaube, ein Schlüsselerlebnis war ein Zelturlaub. Die Kinder haben zusammen in einem Zelt geschlafen, was bei ihnen so was wie ein "Wir-Gefühl" ausgelöst hat. Sie waren aufeinander angewiesen, konnten zusammen Blödsinn machen, fühlten sich von uns unabhängig. Mittlerweile verstehen sie sich ziemlich gut. Natürlich mit den üblichen Reibereien, die überall vorkommen.

Brigitte.de: Und wer von Ihnen regelt diese "üblichen Reibereien?

Andrea Langenfeld: "Wir haben nie offen darüber gesprochen, wer wessen Kinder wie erziehen darf. Allerdings haben wir gesagt, dass jeder für seine Kinder die Absprachen trifft, und dass wir uns gegenseitig darüber informieren. Z.B. wenn Norbert seinem Sohn nicht erlaubt, Fernsehen zu gucken, dann sage auch ich nein. Alles andere ergibt sich aus den jeweiligen Situationen.

Brigitte.de: Akzeptieren die Kinder das?

Andrea Langenfeld: Mittlerweile ja, am Anfang nicht, aber jetzt respektieren sie die jeweiligen neuen Elternteile und achten auf das, was man ihnen sagt, egal von wem es kommt.

Brigitte.de: Sie wohnen in einem kleinen Dorf in Hessen. Wie sieht die Nachbarschaft Ihre Familie?

Andrea Langenfeld: Wir leben hier in einem alt eingesessenen Ortskern, mein Lebensgefährte ist hier aufgewachsen und somit im Dorf bekannt. Die Leute sind manchmal sehr neugierig und versuchen zu erfahren, was bei uns vor sich geht. Einige drücken auch klar aus, dass sie beispielsweise nicht verstehen, dass meine Kinder ihren festen Wohnsitz bei ihrem Vater haben.

Brigitte.de: Wie gehen Sie mit diesen Äußerungen um?

Andrea Langenfeld: Ich versuche, etwas von mir zu erzählen, aber wenn ich anfange, meine Geschichte zu erklären, wollen sie das eigentlich gar nicht hören, sie haben ihr eigenes Familien-Bild im Kopf und wollen nur ihre feste Meinung bestätigt sehen. Eine ganz oft gestellte Frage lautet, wann wir heiraten werden. Ich glaube, dass die anderen erst dann das Gefühl hätten, dass unser Familienleben wieder in geordneten Bahnen verliefe.

Brigitte.de: Haben Sie das Gefühl, dass Ihre Familie stabil ist?

Andrea Langenfeld: Ich denke immer, dass wir von Glück sagen können, dass die Kinder alle gesund sind, dass keines der Kinder ein wirklich ernsthaftes Problem hat. Das sehe ich als Geschenk an. Ich glaube, ansonsten müsste die Familie ihre Stabilität sehr stark unter Beweis stellen, denn jetzt ist sie oftmals schon ein riesiger Organisationsapparat. Aber im Grunde genommen halte ich unsere Familie nicht für anfälliger als andere Familien auch, insbesondere, da auch die Kinder immer älter werden und zunehmend ihre eigenen Wege gehen. Doch ja, ich glaube, wir sind schon eine ziemlich stabile Familie, auch ohne Trauschein und ohne traditionellen Kern.

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Martina Schönenborn
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