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Permi Jhooti "Man kann immer nur die beste Version seiner selbst sein"

Permi Jhooti
© Oliver Look
Sie wuchs in Großbritannien auf, wurde zur ersten professionellen Fußballspielerin mit asiatischen Wurzeln, lieferte die Story zum Film "Kick it like Beckham", arbeitete als IT-Expertin in der Herzforschung und lebt heute als Multimedia-Künstlerin in Basel. Wie Permi Jhooti ihren ganz eigenen Weg fand, erzählt sie im Gespräch mit BRIGITTE.de – Teil 21 unsere Serie #dubiststark.

Liebe Permi, du wurdest die erste professionelle Fußballspielerin mit asiatischen Wurzeln – und das zu einer Zeit, als deine Eltern völlig andere Pläne für dich hatten: Im konventionell geprägten indischen Haushalt hatte eine Frau eine Rolle zu erfüllen, außerdem stand dir ursprünglich eine arrangierte Ehe bevor. Wie gingst du mit der Situation um und was gab dir Mut, gegen die Konventionen zu kämpfen?

Ich wuchs in zwei Kulturen auf und die haben mich natürlich in jeder Lebenssituation beeinflusst. Das Problem: Die britische und indische Kultur sind völlig unterschiedlich – beispielsweise auch, was als "normal" angesehen wird. Also steckst du in der Mitte fest und denkst, dass keine Seite recht hat, und du hinterfragst vieles. Irgendwie fühlst du dich, als ob du in nichts hineinpasst. Zu dieser Zeit kämpfte ich darum, mich selbst zu finden und zu verstehen. Währenddessen schwebte der Gedanke über meinen Kopf, dass es ja ohnehin schon Pläne für mich gab. Ich fühlte mich hilflos, aber ich konnte nichts dagegen tun. Also versuchte ich, bis dieser Moment kommen sollte, noch jedes Stückchen Freiheit zu genießen – und trotz allem dafür zu sorgen, dass mein Leben Optionen haben würde.

Es war der Sport, der mir Halt gab. Beim Fußball konnte ich mich selbst verwirklichen und wurde so akzeptiert, wie ich bin. Wenn ich spielte, war das der einzige Moment, in dem ich die Kontrolle über etwas hatte! Interessant war, dass man mir immer sagte, ich solle aufhören, Fußball zu spielen, weil es meine Bildung beeinträchtigen würde. Und weil ich das irgendwie glaubte, war das ein Ansporn für mich, in meinem Studium immer das Beste zu geben! Wann immer ich heute in einer schwierigen Situation stecke, erinnere ich mich an meine frühere Fußball-Zeit und kann dadurch optimistischer nach vorne blicken. Der Sport hat mich stark fürs Leben gemacht.

War es ein Problem für deine Eltern, dass du Fußball spielen wolltest?

Ich habe mich manchmal herausgeschlichen und Sport gemacht. Es war aber nicht so, dass meine Eltern mich beim Sport nicht unterstützt hätten, ihnen war allerdings viel wichtiger, dass ich sehr gute schulische Leistungen erbrachte. Solange ich also sehr gute Noten hatte, konnte ich sie davon überzeugen, dass ihre Ängste unbegründet waren. Ich war allerdings davon überzeugt, dass ich den Sport brauchte – er half mir in meinem ganzen Leben. Und da meine Noten immer gut waren, konnte ich argumentieren, dass alles in Ordnung ist. Wenn wir verstehen, dass unsere Eltern uns lieben und das Beste für uns wollen, können wir besser filtern, was sie eigentlich sagen wollen. Ich denke, normalerweise wollen sie nur ausdrücken, dass sie uns lieben und Angst haben. Aber das versteht man erst im Nachhinein.

Durch den Sport lerntest du nicht nur dich selbst besser kennen, sondern es gelang dir auch der Schritt zu einer professionellen Fußballkarriere. Wie ebnete sich dieser Weg für dich? Was würdest du Frauen raten, um die Stärke für ein selbstbestimmtes Leben zu finden?

Ich wollte nie professionelle Fußballspielerin werden – das war reiner Zufall. Ich habe mich bei einem Spiel mal so schwer verletzt, dass ich fast gestorben wäre. Eigentlich wollte ich zu diesem Zeitpunkt mit dem Fußball aufhören und ich dachte, ich würde mir nun die ganze Zeit Vorwürfe machen. Bevor sie mich aber in den Operationssaal schoben und ich nicht wusste, ob ich wieder aufwachen würde, überraschten mich meine eigenen Gedanken: Es war eigentlich völlig ok, denn ich habe immer meine eigenen Entscheidungen getroffen!

Was geschah dann?

Als ich nach der OP mit meinem Fußballklub telefonierte, ging ich davon aus, dass ich eine Heldin war, weil ich buchstäblich fast für den Klub gestorben wäre! Aber stattdessen fragten sie mich nur, ob ich meine Ausrüstung zurückbringen könne – sie gingen nicht davon aus, dass ich je wieder spielen konnte. Dieser Anruf hat mich absolut verändert! Ich war jemand, der sich immer messen musste – aber nach dem Unfall konnte ich kaum essen und lag nur. Dabei fasste ich einen Gedanken: Ich wollte jeden Tag versuchen, etwas mehr zu essen und mich länger aufzurichten, und am Ende der Saison zurückkommen und ein letztes Spiel spielen! Während dieser Zeit gab es keinen Wettbewerb mit jemand anderem – ich war nur darauf bedacht, mehr zu erreichen als am Tag zuvor. Und am Ende der Saison spielte ich das beste Spiel meines Lebens! Dieses Mal war es mir egal, was von mir verlangt wurde. Ich war ganz allein für mich da und wollte mir beweisen: Wenn ich Fußball spielen will, dann kann ich Fußball spielen!

Mit dem Spiel wollte ich ein Statement setzen. Dabei dachte ich nur: Wie kann ich die beste Version meiner selbst sein? Das Leben ist supereinfach am Ende: Wenn man sich fragt, was man für ein Team oder eine Firma oder für wen auch immer sein soll, kann man immer nur die beste Version seiner selbst sein. Mehr kann man niemand anderem geben! Das war alles noch vor dem professionellen Vertrag. Hätte ich nur versucht, eine professionelle Fußballspielerin zu werden, hätte ich es nie geschafft.

Wie konntest du letzten Endes die arrangierte Ehe verhindern?

Nach dem Unfall konnte ich einfach nicht mehr die alten Diskussionen über die arrangierte Ehe und die Schande für die Familie weiterführen. Ich fasste den Entschluss, mich notfalls von meiner Mutter zu distanzieren. Sobald ich diese Entscheidung getroffen hatte, veränderte sich auch mein Standpunkt: Ich begann meine Mutter als Person statt als Mutter zu sehen. Ich sah eine Frau, die aus einem kleinen Dorf in Indien kam und die keine Entscheidungen für ihr Leben und ihre Ehe treffen durfte. Plötzlich hatte ich für sie und ihr Leben Mitgefühl. Mir wurde klar, dass sie selber Angst hatte, ihren Eltern sagen zu müssen, dass ihre Tochter möglicherweise keine arrangierte Ehe einging – und sie hatte mehr Angst als ich!

Durch diese Erkenntnis konnte ich mit ihr über ihre Ängste sprechen. Meine Mutter war immer besorgt, was andere Leute sagen und tun würden. Ich konnte ihr aber klarmachen, dass die einzigen Menschen, die zählten, unsere Familie war – und die unterstützte mich. In dem Moment, als ich meiner Mutter sagte, dass ich meinen Freund heiraten würde, half sie mir. Sie sagte: "Meine Aufgabe war es, dich mit einem Inder zu verheiraten. Aber wenn du jetzt jemand anderen heiratest und die Entscheidung getroffen hast, dann ist es nur noch meine Aufgabe, deine Mutter zu sein, und ich werde dich unterstützen."

Deine eigene Geschichte wurde bekannt, als sie die Grundlage für den Film "Kick it like Beckham" (2002) lieferte. Wie fühlte es sich für dich an, deine Geschichte auf der Leinwand zu sehen?

Eigentlich sollte ich das Double für den Film spielen, aber ich verließ das Land, um nicht da zu sein. Keiner sieht deine wahre Geschichte auf der Leinwand – was man sieht, sind nur die herausgepickten Klischees. Und die machen das Leben kleiner, als es ist! Aber das Leben ist so viel mehr! Ich habe daher am Anfang sehr mit dem Film gerungen, weil ich ihn offensichtlich auf einer anderen persönlichen Ebene sah. Erst als ich mitbekam, wie die Geschichte anderen Leuten half, konnte ich mich davon extrahieren und mit einem anderen Blick darauf schauen.

Unsere eigene Geschichte ist aber immer so viel komplizierter – da gibt es keine Kurzfassung. Wenn du einen Berg erklimmst, verbringst du nur ein Prozent des Weges auf dem Gipfel – aber diese Aufnahme wollen alle sehen! Das Ganze besteht aus dem Weg nach oben, der ewig dauert – und der wiederum zu langweilig für Fotos ist. Aber im Endeffekt sind es die winzig kleinen Momente, die alle so entscheidend für unser Leben sind – und sie sind nicht die große wehende Flagge!

Nach deiner Fußballkarriere zogst du nach Basel in die Schweiz. Was magst du an Basel?

Bevor ich nach Basel kam, war ich etwas besorgt: Ich war die ersten 25 Jahre meines Lebens niemand, der laut hervortrat. In London wurde ich jedoch etwas selbstsicherer. Ich befürchtete aber, dass ich durch den Umzug in ein anderes Land wieder stiller werden würde. Als ich in die Schweiz kam, freute ich mich darüber, dass es viele Leute aus den unterschiedlichsten Ländern gab. Ich realisierte plötzlich, dass ich nicht darauf festgelegt war und mich auch nicht selber dadurch definieren musste, die Inderin aus Großbritannien zu sein. Ich konnte ganz ich selbst sein. Das fand ich sehr befreiend! Ich war nur Permi – und das war wunderbar!

Außerdem ist Basel kein prahlerischer Ort. In London vermisste ich immer das indisch familiäre Community-Gefühl, wovon Basel mehr hat. Die Stadt ist kleiner, aber sie beinhaltet eine große Vielfalt. Ich finde es in Basel einfach, einen Zugang und Kontakt zu den unterschiedlichen Gruppen und Leuten zu bekommen. Außerdem ist man noch an der Grenze zu Frankreich und Deutschland. Als der Lockdown kam, realisierte ich plötzlich, dass wir davor einfach zwischen den Grenzen hin und her laufen konnten. Ich liebe Basel!

Erst arbeitetest du als IT-Spezialistin in der Herzforschung und nun bist du Multimedia-Künstlerin und erstellst mit einer speziellen Kamera Kunst aus Daten von Menschen in Bewegung. Was hat dich zur Kunst gebracht?

Ich bin Software-Ingenieurin und arbeitete im Bereich Herzbewegung und Atmung, schrieb Algorithmen, beschäftigte mich mit Biofeedback und leitete Studien mit vielen kreativen Köpfen. Als mich der Professor meines Professors darauf hinwies, dass ich mich entscheiden müsse, was ich tun wolle, da der nächste Schritt in Richtung Professur ginge, fragte ich mich, wie ich eigentlich dahin gekommen war? Ich mochte immer die Forschung, aber sie sollte nicht mein ganzes Leben ausmachen. Da, wo ich war, war ich nicht unglücklich, aber ich hatte noch nicht darüber nachgedacht, was ich in meinem Leben noch tun wollte. Also entschied ich mich, alles zu stoppen: Ich wollte eine dreimonatige Pause nehmen und herausfinden, was ich wirklich machen will, wenn ich alles machen kann!

Ich kaufte mir gleich am ersten Tag meiner Pause eine Kinetic Camera und lernte innerhalb von zwei Wochen, sie zu programmieren. Ein Freund, den ich von der Kamera erzählt hatte, fragte mich anschließend, ob ich etwas Digitales und Interaktives für seine Theater-Gruppe entwerfen könne. Obwohl ich einwandte, dass ich diese Kamera gerade erst gekauft hätte, sagte er nur "Ich vertraue dir!" – und plötzlich musste ich das machen – und bin dabei bis heute geblieben. Ich hätte niemals damit gerechnet, dass ich am Ende Kunst machen würde.

Deine Kunst trägt den Titel "MotivEmotive" – wofür steht das? Was gibt dir Inspiration?

Mein Motiv ist Emotion. Alles dreht sich um Emotionen und das inspiriert mich: Ich sehe etwas, ich fühle etwas und etwas gibt mir Antrieb – ich möchte dann erkunden und ausdrücken, was es ist. Vor allem Tanz ist Ausdruck von Freude auf einem ganz anderen Level und das bewegt mich immer noch sehr.

Was gibt dir immer wieder den Mut, neue Dinge auszuprobieren?

Es gab immer Menschen, die sich Zeit nahmen, mir zu helfen: Meine Lehrerin, mein Professor, mein Vater, der sich in gewisser Weise für uns Kinder aufopferte. Wenn es also um das Thema Mut geht: Es gab Opfer für mich, die mich dahin brachten, wo ich bin – es wäre respektlos, wenn ich nicht aufstehen und mein Leben leben würde. Ich denke, wenn du auf die Opfer deines Lebens schaust, musst du dein Leben leben – was wäre sonst der Sinn!?

Vielen Dank für das Gespräch, liebe Permi!

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