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Pflegenotstand Wie konnte es so weit kommen?

Pflegenotstand: Laufende Pflegerin mit Maske
© LightField Studios / Shutterstock
Wie ist nur passiert, was jetzt alle beklagen: dass die Pflegeberufe so schlecht bezahlt und gering gewertschätzt werden? Versorgungsexpertin Dr. Bernadette Klapper erklärt, was das mit uns und auch mit dem Selbstbild von Pflegenden und Ärzteschaft zu tun hat.

Den Pflegenotstand gibt es schon lange. Wann ist unser Gesundheitssystem falsch abgebogen?
DR. BERNADETTE KLAPPER: Im Grunde sind wir als Gesellschaft falsch abgebogen, weil wir diese Arbeit nicht angemessen honorieren. Da geht es erst mal gar nicht ums Monetäre, sondern um dieses Bild von Waschlappen-Pflege, das immer noch kursiert: Pflege lächelt, Pflege wäscht und das ist es. Fürsorgearbeit hat nur wenig Wert.

Ist das nur bei uns so?
In diesem Ausmaß auf jeden Fall. Ich habe auch in Frankreich in der Pflege gearbeitet und dort eine viel höhere Anerkennung erfahren. Natürlich kommt bei uns dann noch das pauschalierte Abrechnungssystem dazu, das 2003 eingeführt wurde. Seitdem Erlöse im Wesentlichen durch die ärztliche Tätigkeit im Krankenhaus generiert werden, ist die Pflege zum Kostenfaktor geworden.

Wo fangen wir also an, um gegenzusteuern?
Pflege ist komplex. Auch bei Maßnahmen, die jetzt bereits ergriffen wurden – wie die Pflege aus den Abrechnungspauschalen herauszunehmen –, muss man abwarten, ob sie wirklich zu einer Verbesserung führen. Was man aber vor allen Dingen angehen sollte, ist die Stärkung der Professionalität. Dabei geht es nicht nur um die Akademisierung. Ziel wären zehn Prozent Beschäftigte mit Studienabschluss. Aber gleichzeitig müssen wir die Ausbildung – die drei-, aber auch die einjährige – stärken und an die neuen Herausforderungen wie die Digitalisierung anpassen. Wir brauchen in der Pflege einen Mix aus unterschiedlichen Qualifikationen.

Wäre es angesichts der Personalnot nicht besser, jede Kraft zu nehmen, die man kriegen kann?
Dahinter steht wieder die Vorstellung, Pflege brauche nur Hände. Pflege ist so breit angelegt und es gibt so viele Tätigkeiten, dass wir natürlich jede und jeden brauchen können, auch Menschen mit weniger Qualifikation. Aber das muss gut organisiert und koordiniert werden. Und dafür, und um die Qualität nachzuweisen, brauchen wir akademische Kräfte. Wir brauchen Versorgungsforschung und Pflegewissenschaften, damit Pflege sich weiterentwickeln kann. Wenn wir auf diese Weise die Professionalität erhöhen, kann man den Pflegenden auch mehr Verantwortung zumuten und so gleichzeitig die gesellschaftliche Anerkennung steigern.

Pflegekräfte haben doch eh schon genug zu tun.
Es geht ja um mittel- bis langfristige Lösungen. Wir sehen in anderen Ländern, dass Pflegekräfte zum Beispiel eigenständig die medizinische Versorgung von Menschen mit chronischen Erkrankungen übernehmen. Da wird der Arzt nur gerufen, wenn es kompliziert wird. Oder das "Buurtzorg"-Modell, das aus den Niederlanden zu uns schwappt...

Momentan begreift sich Pflege zu sehr als Opfer.

In dem organisiert sich die ambulante Pflege in festen Teams komplett selbst.
Genau. Die größere Eigen- und Selbstständigkeit würde den Beruf attraktiver machen. Man muss dieses Mehr an Verantwortung aber auch einfordern. Momentan begreift sich die Pflege zu sehr als Opfer schlechter Bedingungen und verpasster Chancen, Verantwortung zu übernehmen. In der Klinik hören die Angehörigen oft: "Das darf ich nicht sagen. Da müssen Sie den Arzt fragen." Da muss man gar nicht das Thema Haftung bemühen, das dann gerne genannt wird. Das Selbstbewusstsein der Pflegekräfte sollte sich ändern. In anderen Ländern sind sie oft die zentralen Ansprechpartner*innen.

Studiengänge und neue Arbeitsmodelle brauchen Zeit. Was würde sich sofort auszahlen?
Wenn sich Ärztinnen und Ärzte geschlossen hinter die Pflege stellen. Natürlich gibt es einige, die dies tun, aber die Ärzteschaft als Berufsgruppe sieht momentan nur Delegation für die Pflege, also letztlich einen Assistenz-Status, auch aus falsch verstandener Konkurrenz. Dabei wäre eine Geschlossenheit in ihrem eigenen Interesse. Gerade bei chronisch Kranken und bei alten Menschen – und das sind unsere großen Patientengruppen – ist erfolgreiche medizinische Therapie darauf angewiesen, dass die Pflege funktioniert. Leider tun sich Pflegende immer noch schwer, sich beruflich zu organisieren, sicher auch weil es ein Frauenberuf ist mit hoher Teilzeitquote. Aber Ärztinnen und Ärzte sind Akteure mit Macht im Gesundheitswesen, und es wäre ein Gewinn für die Patient*innen, wenn die Pflege ordentlich Rückenwind aus der Medizin bekäme.

Ist es denn bezahlbar, den Pflegemangel zu beheben?
Wir gucken viel zu viel auf die vordergründigen Kosten und bleiben so permanent im Feuerlösch-Modus. Wir alle wissen, dass es Bereiche mit Überversorgung gibt, dass wenig Anreize für Gesunderhaltung und Selbstständigkeit der Pflegebedürftigen gesetzt werden. Wir brauchen mehr Mut, um über eine Umgestaltung des Gesundheitssystems nachzudenken. Vielleicht muss man trotzdem mehr Geld ausgeben, aber wir sind doch ein reiches Land. Wer sollte es denn schaffen, wenn nicht wir? Und es ist doch so: Bezahlbar ist, was wir für wert erachten.

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Dr. Bernadette Klapper ist Soziologin, ausgebildete Krankenschwester und leitet bei der Robert Bosch Stiftung den Bereich Gesundheit.

Unsere Kolleg*innen vom „Stern“ haben die Petition „Mensch vor Profit: Für eine Pflege in Würde“ gestartet. Unter stern.de/pflegepetition gibt es Infos und den kompletten Petitionstext, bis zum 11. Februar können Sie dort online unter­- schreiben.

BRIGITTE 03/2021

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