Pflegezeit: Kristina Schröders erster Coup

Für Pflege kranker Angehöriger sollen Arbeitnehmer ein Recht auf Teilzeit haben. Damit landet Familienministerin Kristina Schröder ihren ersten Coup. Ihr Vorschlag zur Pflegezeit trifft einen Nerv der Zeit, meint BRIGITTE-Redakteurin Silke Baumgarten.

Silke Baumgarten

Sie hat es getan. Kristina Schröder hat zum ersten Mal einen Ballon steigen lassen und ein eigenes großes Thema in Umlauf gebracht. Und sie hat - ganz ähnlich wie ihre Vorgängerin Ursula von der Leyen – nicht den Amtsweg eingehalten. Per Zeitungsinterview verkündete sie, was sie vorhat. Das bringt Schlagzeilen, macht aber alle maulig, die am Gesetzgebungsverfahren beteiligt werden müssen.

Damit werden Bedenkenträger ausgebremst. Denn der Beifall ist der jungen Ministerin gewiss, der Ballon wird von vielen, die das Thema Pflege bewegt, oben gehalten werden.

Tatsächlich trifft Kristina Schröder mit dem Thema Pflege einen Nerv der Zeit. Viele ächzen, weil sie berufstätig sind aber auch den alten Eltern helfen möchten. Die bisher gültige Regelung verschafft nur Gutbetuchten eine Atempause: Jeder, der einen Angehörigen pflegen will, kann ein halbes Jahr lang aus dem Job aussteigen – mit Rückkehrrecht, aber ohne Gehalt. Natürlich besteht auch jetzt schon das Recht auf Teilzeit – wenn der Arbeitgeber zustimmt. Die Crux dabei: Wer ein Mal seine Arbeitszeit reduziert hat - außer während der Elternzeit - kein Recht auf Wiederaufstockung.

Schröders Vorschlag ist deshalb wirklich eine Verbesserung. Wenn ihre Idee Gesetz wird, können sich Angehörige (und zwar Frauen wie Männer!) zwei Jahre lang um alte Eltern, behinderte Kinder oder verunglückte Partner kümmern, ohne aus dem Job gehen oder das Ersparte aufbrauchen zu müssen. Die halbe Stelle soll in der Zeit mit 75 Prozent des Gehalts entlohnt werden – und genauso lange soll nach der Pflegezeit Vollzeit mit reduziertem Einkommen gearbeitet werden. Fast ein Nullsummenspiel, das aber Pflege endlich aus der Ecke "Sieh zu, wie Du es schaffst" holt und zur gesellschaftlich geregelten Angelegenheit macht. Ich glaube, Kristina Schröder kommt vielen entgegen, die genau beides wollen: dem Nächsten helfen, aber auch im Beruf bleiben – und das, ohne selbst dabei auszubrennen. Deshalb stehen die Chancen für das neue Gesetz ausgesprochen gut. Auch wenn die Unternehmen nicht begeistert sein werden. Wird doch jetzt tatsächlich mal von ihnen Flexibilität erwartet und auch eine gewisse Risikobereitschaft: Was, wenn ein Angestellter während der Pflegezeit kündigt und das zuviel gezahlte Geld nicht zurück fließt? Doch dieser kleine Stachel wird den Ballon nicht zum Platzen bringen. Viele werden ihn in Bewegung halten - nicht zuletzt Ursula von der Leyen, als mächtige Arbeitsministerin. Und das, obwohl sie sich vielleicht ein wenig darüber ärgert, dass ihr diese eigentlich so einfache und gleichzeitig so wirkungsvolle Lösung nicht eingefallen ist.

Text: Silke Baumgarten Foto: iStockphoto.com

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