Nach dem Taifun: "Die Menschen sind zuversichtlich"

Fast 4000 Tote, rund zwei Millionen Obdachlose – das ist die Bilanz des Taifuns Haiyan, der weite Teile der Philippinen zerstörte. Wir haben mit einer deutschen Helferin über die Lage vor Ort gesprochen.

Antje Weber, 28, ist für die Hilfsorganisation "Kindernothilfe" im Katastrophengebiet unterwegs

BRIGITTE: Vier Tage nachdem der Taifun Haiyan in den Philippinen gewütet hat, sind Sie dort angekommen. Was war Ihr erster Eindruck?

Antje Weber: Das Ausmaß der Zerstörung ist unfassbar. Ich habe eine Frau gesehen, die in den Trümmern saß und ihr blau angelaufenes Neugeborenes an die Brust drückte, Kinder, die Schreckliches erlebt haben und uns trotzdem mit Tanz und Gesang begrüßten. Ein Mädchen steckte drei Stunden lang im Schlamm, bis ihr Vater das T-Shirt der Tochter erkannte und sie befreite. Sie hat überlebt, aber schwer traumatisiert.

In den deutschen Medien wurde von Plünderungen und Gewalt berichtet. Was haben Sie davon mitbekommen?

Gar nichts. Bevor wir geflogen sind, habe ich mir schon Sorgen gemacht. Aber diese Ausbrüche scheinen sich auf die Hafenstadt Tacloban zu beschränken. Ich war überrascht, wie zuversichtlich und hilfsbereit die Menschen waren. Während ich mit Ihnen telefoniere, packen vor meinem Fenster Menschen, die selbst alles verloren haben, Lebensmittel und Medikamente für andere Opfer ein.

Wo sind Sie gerade?

Wir sind auf der Insel Cebu in der gleichnamigen Stadt stationiert. Von da aus fahren wir in den zerstörten Norden der Insel, dann nach Ost-Samar.

Weite Teile des Landes sind verwüstet, es fehlt an allem, an Lebensmitteln, Trinkwasser, Strom. Kaum ein Haus steht noch. Was ist Ihre Aufgabe?

Wir wollen die Gebiete erkunden, in denen bislang noch keine Hilfe angekommen ist. Als Sofortmaßnahme sollen wir dort Schutzzentren für Kinder errichten, damit die möglichst schnell in eine Normalität zurückkommen. Kinder sind am verletzlichsten, das wird oft vergessen. Immer wieder kommen Kinder auf uns zugelaufen und fragen, ob wir ihre Schule aufbauen können, das berührt mich besonders. Wir suchen Orte, an denen es besonders sinnvoll ist, langfristig etwas aufzubauen.

Langfristig? Sie sind doch als akute Krisenhelfer unterwegs?

Wir denken immer auch an die Zeit danach. Aus den Schutzzentren sollen nachhaltige Projekte für Kinder entstehen. Das können Tagesstätten sein, aber auch Schulen oder Lehrwerkstätten. Wenn es in einer Region besonders viele Straßenkinder gibt, versuchen wir, für die etwas zu tun. Was am meisten gebraucht wird, finden wir in Gesprächen mit der Dorfgemeinschaft raus.

Sie waren schon in Krisengebieten in Äthopien und im Kongo unterwegs. Haben Sie manchmal Angst?

Ich halte mich streng an die Regeln. Das heißt, ich gehe keinen Schritt allein vor die Tür. Und auch wenn ich mit Teamkollegen unterwegs bin, gehen wir immer in Begleitung unserer einheimischen Partner raus.

Und was sagt Ihre Familie? Die machen sich doch bestimmt Sorgen um Sie?

Ja, klar. Meine Eltern und meine drei Schwestern fragen immer wieder, warum ich mir das antue. Mein Freund sorgt sich auch, aber er drängt mich nie zum Aufhören, er weiß, wie wichtig mir diese Arbeit ist.

Haben Sie Kontakt zu Ihrer Familie?

Ich habe zwei Handys und ein Satellitentelefon – und telefoniere täglich mit den Kollegen von der Kindernothilfe, um sie über unsere Beobachtungen zu informieren. Aber auch mit meinen Angehörigen, damit sie wissen, dass mir nichts passiert ist.

Wie viel Vorbereitungszeit hatten Sie, bevor Sie in die Philippinen aufbrachen?

Ich bin morgens angerufen worden und abends ging es los. Wenn ich wieder heimkomme, bin ich zwei Tage platt, aber sehr sehr zufrieden, weil ich etwas Sinnvolles tun konnte.

Spenden an die Kindernothilfe

Konto: 45 45 40, BLZ 350 601 90, Bank für Kirche und Diakonie eG - KD Bank, Stichwort: Z57482, Soforthilfe Philippinen

Für die langfristige und dauerhafte Hilfe vermittelt die Organisation Kinderpatenschaften in den Philippinen. Informationen dazu unter Kindernothilfe.de

Interview: Claudia Kirsch
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