Plastikmüll vermeiden: Diese Frau hatte eine simple Idee!

Jede Stunde verbrauchen wir zwei Millionen Einweg-Flaschen. Mit einer simplen Idee schafft es Stephanie Wiermann, Plastikmüll zu reduzieren.

Stephanie Wiermann, 50, ist die Gründerin der Umweltinitiative Refill Hamburg. Sie lebt in einem kleinen Haus mit großem Garten, in dem knapp ein Dutzend Hühner scharren, und hat - natürlich - stets eine wiederauffüllbare Flasche aus Edelstahl in ihrer Umhängetasche.

Plastikflaschen kaufen? Eine gigantische Verschwendung!

Täglich, überall in Deutschland: Am Kiosk neben dem Bolzplatz kauft eine Mutter eine Plastikflasche mit Mineralwasser, eine Schülerin nimmt eine aus dem Kühlschrank der Schulpause-Bäckerei, eine Touristin zieht eine aus der Kiste im Supermarkt.

Stephanie Wiermann, 50, Grafikerin aus dem 5.500-Seelen-Dorf Horst bei Hamburg, haben solche Szenen schon lange wütend gemacht. Weil sie für eine gigantische Verschwendung stehen: Stündlich verbrauchen die Deutschen zwei Millionen Einweg-Plastikflaschen, pro Tag macht das 48 Millionen. Die Produktion verschlingt jährlich 665.000 Tonnen Rohöl, damit könnte man eine halbe Million Einfamilienhäuser heizen. Bis zu 13 Millionen Tonnen Plastik landen Jahr für Jahr im Meer.

Plastikmüll vermeiden - mit "Refill"

Plastikflaschen werden oft "to go" gekauft, beim Städtebummel, vor einem Meeting; danach fliegen sie in den Müll.

Vor einem Jahr hat Wiermann deshalb mit zehn Hamburger Cafés und Läden eine ebenso simple wie clevere Gegenmaßnahme gestartet: Sie entwarf ein Logo mit dem Aufdruck "Refill" ("Auffüllen") und bot es Cafés, Restaurants und Shops als kostenlosen Aufkleber an.

Die Idee: Möglichst viele sollten den Button für Passanten sichtbar an ihre Türen oder ins Fenster kleben, damit alle wüssten: Hier kann ich mitgebrachte Flaschen gratis mit Leitungswasser füllen. Denn wer weiß, dass er ein mitgebrachtes Gefäß jederzeit kostenlos auffüllen kann, kauft beim nächsten Durst kein teures Getränk in einer neuen Plastikflasche mehr.

Wiermann hatte schon immer eine soziale Ader

Wiermann wollte schon als Jugendliche die Welt verändern. Aufgewachsen ist sie in Hamburg, die Eltern arbeiteten in einem Buch-Antiquariat, die Tochter engagierte sich im Tierschutz, demonstrierte gegen Krieg, Hunger, Ausbeutung, auf St. Pauli kümmerte sie sich um Kinder aus sozial schwachen Familien. Um ihr Sozialwissenschaftsstudium zu finanzieren, jobbte sie als Altenpflegerin.

Heute arbeitet sie als freie Webdesignerin, entwickelt Logos, Internetauftritte und Kampagnen, oft für humanitäre oder soziale Projekte.

Heute lebt sie fast plastikfrei

Auf das Thema Plastikmüll stieß sie vor gut fünf Jahren. Im Badezimmer studierte sie damals die Inhaltsstoffe ihrer Bodylotion, in der Liste entdeckte sie auch Erdöl und Mikroplastik, das sind kleinste Kunststoffteilchen, wie sie beispielsweise in Peelings benutzt werden.

Wiermann wusste: Weil Kläranlagen Mikroplastik nur bedingt filtern können, gelangt es zu großen Teilen in die Flüsse und Meere, zieht dort Umweltgifte an und wird von Seehunden, Fischen und Muscheln gefressen.

Dann sah sie "Plastic Planet", einen Dokumentarfilm, der auf die Gefahren von Kunststoff für Menschen, Tiere und Natur hinweist. "Der hat mir vollständig die Augen geöffnet", sagt Wiermann.

Seitdem lebt sie weitgehend plastik- und müllfrei. Cremes, Zahnpasta, Deo und Geschirrspülmittel rührt sie selbst an. Statt Duschgel nutzt sie ein Stück Seife, statt Papiertaschentüchern welche aus Stoff. Auf ihrem Blog plastikfreier-leben.de veröffentlicht sie Tipps zur Müllvermeidung.

Ihre Idee wächst und wächst

Im Sommer 2016 schließlich erfuhr sie per Twitter von einem Refill-Projekt in Bristol, Großbritannien. Sie beschloss, das auch in Deutschland auszuprobieren.

Der Erfolg ihres Experiments übertrifft inzwischen alle Erwartungen: Aus den zehn Hamburger Läden, mit denen Wiermann im Frühjahr 2017 startete, sind rund 1000 Auffüll-Stationen in 50 deutschen Städten geworden, ständig kommen neue hinzu (zu finden auf: refill-deutschland.de). "Refill Hamburg ist jetzt eine bundesweite Bewegung", sagt Wiermann, die neben ihrem regulären Job weiterhin für die Initiative trommelt und Menschen berät, die mitmachen wollen.

Würdest du deine Wohnung ohne Schlüssel verlassen, fragt sie alle, die sie vom Refill-Gedanken überzeugen will. "Das finden dann natürlich alle absurd", sagt Wiermann. "Doch ebenso absurd ist es, ohne Trinkflasche loszuziehen."

Brigitte 05 / 2018

Wer hier schreibt:

Madlen Ottenschläger
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