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Unsere Serie zur Bundestagswahl – Teil 1 Ärztin Kristina Hänel im Interview

Frauenthemen bei der Wahl: Kristina Hänel
Kristina Hänel gab auf ihrer Praxis-Homepage an, Abbrüche vorzunehmen.
© epd / imago images
Die Gießener Allgemeinmedizinerin Kristina Hänel, 64, wurde wegen "Werbung für Schwangerschaftsabbrüche" verurteilt und legte dagegen Verfassungsbeschwerde ein. Was erhofft sie sich von einer neuen Regierung? 

Antje Kunstmann: Was hat sich in den vergangenen Jahren positiv verändert, und welche Partei hat sich dafür eingesetzt?

Kristina Hänel: Das Tabu, das es um den Schwangerschaftsabbruch immer noch gibt, ist aufgeweicht. Innerhalb der Gesellschaft, aber auch in der Medizin. Der Gedanke, dass wir eine qualitativ hochwertige medizinische Versorgung brauchen und genügend Nachwuchs, ist unter anderem mit der Gründung der Doctors for Choice Germany (ein Netzwerk von Ärzt*innen, das u. a. Fortbildungen zum Thema anbietet, Anm. d. Red.) endlich institutionalisiert. Vielleicht hätte es diese Entwicklung auch ohne meinen Fall gegeben, weil die Zeit einfach reif war, aber er hat sie sicher beschleunigt. Insofern ist es gut, wie es jetzt gekommen ist.

Was ist für Sie das Wichtigste, das nach der Wahl passieren muss?

Die Abschaffung des Paragrafen 219a, damit wir Ärztinnen und Ärzte allein dadurch, dass wir informieren, nicht mehr kriminalisiert werden.

Auf welche Partei setzen Sie vor allem?

Risse und Ambivalenzen gehen durch alle Parteien. Die Linke ist am eindeutigsten für eine ersatzlose Streichung des Paragrafen 218. Bei der Union ist man gespalten. Es gibt Mitglieder, auch auf Bundesvorstandsebene, die sich für die Abschaffung des Paragrafen 219a ausgesprochen haben, aber die Partei insgesamt hat sich für die Argumente der Abtreibungsgegner*innen entschieden. Die SPD hatte eigentlich die Streichung des 219a beschlossen, aber dann in der Großen Koalition der sogenannten Reform zugestimmt, dass also Mediziner*innen zwar öffentlich machen dürfen, dass sie Abbrüche vornehmen, nicht aber über Methoden informieren. Auch die FDP hat schon Kehrtwenden vollzogen. Sie war mal die Partei, die die Fristenregelung in den Bundestag eingebracht hat, doch gerade sehe ich nicht, dass sie sich des Themas annehmen. Bei den Grünen stehen die Streichung des 219a und auch des 218 im Parteiprogramm. Jetzt geht es darum, was sie tun, sollten sie an die Regierung kommen.

Wo sehen Sie dieses Thema gar nicht?

Die AfD hat sich eindeutig gegen Abtreibungen positioniert, selbst wenn es vermutlich auch da nicht alle in der Partei so sehen.

In der nächsten Folge unserer Serie: Der Hass gegen Frauen im Netz.

BRIGITTE 17/2021 Brigitte

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