Politikerinnen zur BRIGITTE-Studie 2009: "Wir müssen jetzt kämpfen"

Was sagen junge Politikerinnen zu den Ergebnissen der neuen BRIGITTE-Studie "Frauen auf dem Sprung. Das Update."? Wir haben uns umgehört.

Fotoshow: Die BRIGITTE-Studie 2009 in Zahlen

Kristina Köhler, 32, sitzt seit sieben Jahren für die CDU im Bundestag

Kristina Köhler, 32

"Den Mut muss man haben"

Im Politik-Dschungel triumphieren nur ältliche Stammtisch-Chauvis? "Quatsch!", findet Kristina Köhler. "Gerade für junge Frauen stehen die Chancen derzeit so gut wie nie. Das sollte man nutzen! Selbst wenn kein Beruf daraus wird. Politik ist auch ein tolles Hobby!" Köhler selbst frönt ihm seit frühester Jugend: Schon mit 14 trat die Wiesbadenerin in die Junge Union ein, mit 25 saß sie im Bundestag. Heute macht die 32-jährige promovierte Soziologin durch scharfe Worte gegenüber Islamisten und bohrende Fragen an Frank-Walter Steinmeier von sich reden: Als sie Ende letzten Jahres im BND-Untersuchungsausschuss den Vizekanzler unerschrocken in die Mangel nahm, avancierte sie zum heimlichen Star der Veranstaltung. Sind das die Momente, von denen man als Politikerin träumt? "Klar", sagt Köhler: "Weil ich merke, dass ich der Verantwortung, die ich als Abgeordnete trage, gerecht werde." Das eigentlich Großartige am Politikmachen, findet sie aber, sei die Gesetzgebung: "Wenn Ideen von mir in ein Gesetz einfließen, freut mich das extrem!" Um so weit zu kommen, das hat Köhler im Laufe der Jahre gelernt, braucht man nicht nur ein Netzwerk von Kollegen, "mit denen man vertrauensvoll arbeiten kann", sondern auch Macht: "Ohne die kann man nichts machen. Wäre ich nicht Abgeordnete, könnte ich nicht an Gesetzen mitarbeiten. Ohne Überzeugungsmacht könnte ich keinen für meine Ideen begeistern." Dass junge Frauen Macht vor allem mit Platzhirschgeröhre assoziieren und deshalb ablehnen, kann sie denn auch nicht nachvollziehen: "Wer Angela Merkel einmal live erlebt hat, weiß, dass Macht auch ganz unprätentiös daherkommen kann."

Schrecken die meisten ihrer Altersgenossinnen vor der 70-Stunden-Woche einer Berufspolitikerin zurück, versteht sie das schon eher: "Frauen sind seltener bereit, ihr Privatleben dem Job ganz unterzuordnen. Ich finde das absolut nachvollziehbar. Aber dadurch dominieren in Spitzenpositionen natürlich nach wie vor Männer." Sie selbst achte darauf, sich zumindest ein Wochenende pro Monat freizuhalten. "Ich finde, den Mut muss man haben." Und wenn sie später "mindestens zwei Kinder" haben sollte, will sie sich für die auch genügend Freiräume schaffen. "Kinder kosten nun mal Zeit. Aber wir werden heute 90 Jahre alt - sind da ein paar Jahre Kinderzeit wirklich so dramatisch?"

Text: Kristina Maroldt

Franziska Drohsel, 29, ist Juso-Bundesvorsitzende

Franziska Drohsel, 29

"Wir müssen jetzt kämpfen"

hat ein klares Ziel: mehr Gerechtigkeit. "Ich will etwas Sinnvolles tun, darauf kann ich nicht verzichten", sagt sie. Sinnvoll, das heißt für die Chefin der SPD-Jugendorganisation, für die Schwachen und Unterdrückten zu kämpfen. Ihre Waffe: das Gespräch. Mitnehmen, bewegen, überzeugen - das versucht sie beharrlich. Die 29-Jährige diskutiert an Straßenständen und tourt durch Jugendzentren. "Natürlich ist es nicht so, dass die Jugendlichen schon auf mich warten." Pöbeleien in solchen Situationen erträgt sie selbstbewusst. Und freut sich umso mehr, wenn junge Frauen oder Männer, die sich für unpolitisch halten, plötzlich erregt über Bildung und Jobs diskutieren. Vielleicht hilft der gebürtigen Berlinerin, dass sie jung und hübsch ist und ein bisschen freaky wirkt. "Hart in der Sache, weich im Umgang", so beschreibt "die Franzi" ihren Stil. Sie sagt häufig "man" und selten "ich", spricht lieber über Theorien als von Gefühlen oder persönlichen Eindrücken - und glaubt fest daran, dass sich männliche Basta-Mentalität überlebt habe. "Leute sollen etwas mittragen, weil sie überzeugt davon sind, nicht, weil sie Angst um ihren Posten haben."

Noch vor einem Jahr, unmittelbar nach dem Finanzcrash, glaubte Drohsel, der Kapitalismus sei an die Wand gefahren. Es hat sie schwer getroffen, dass in der Krise Konservative und Neoliberale Zulauf bekamen. Und es macht sie fassungslos, dass die Banken einfach weitermachen, Manager schamlos Millionenbeträge kassieren. "Ich verstehe nicht, dass sich die Menschen so wenig wehren." Aber kein Grund, zurückzustecken. "Man muss gerade jetzt gegen egoistische und reaktionäre Positionen kämpfen." Bei allem Einsatz für eine bessere Welt legt die Single- Frau großen Wert auf Privatleben, das bitte schön auch privat bleiben soll. Für die Zeit nach dem Juso-Vorsitz plant die Juristin ihr zweites Staatsexamen und ihr Referendariat. Macht? Braucht sie nicht. "Mit Macht", sagt sie, "kann man viel bewegen, aber das geht auch ohne Führungsposition." Vielleicht wird sie als linke Anwältin arbeiten. Und sicher "etwas Sinnvolles" tun. Egal wie.

Text: Claudia Kirsch

Katja Kipping, 31, ist stellvertretende Bundesvorsitzende der Partei Die Linke

Katja Kipping, 31

"Ich will Sinn statt Geld"

Geld macht gesellschaftliche Teilhabe möglich": Das ist Katja Kippings Überzeugung. Deshalb kämpft sie seit Jahren für ein bedingungsloses Grundeinkommen: "Beteiligung am politischen Leben setzt ja voraus, dass man sich das Ticket zur Demo nach Berlin auch leisten kann." Dass Geld hilft, Projekte auf die Beine zu stellen, hat sie selbst erfahren - und erzählt, wie sie sich kürzlich einen Traum erfüllte: die Gründung des politischen Magazins "Prager Frühling". "In das Heft fließt ein Teil meiner Diäten." Und trotzdem: "In meinem persönlichen Leben spielt Geld keine große Rolle", stellt die 31-Jährige klar. Etwa, wenn es um Job- oder Partnerwahl geht: "Sich den Freund nach dem Gehaltszettel auszusuchen, fände ich absurd! Ich will einen Partner, mit dem Autonomie und gemeinsames Leben kein Widerspruch sind. Und eine Tätigkeit, von deren Sinn ich überzeugt bin. Auf die Luxusvilla kann ich dafür gern verzichten. In WGs lebt sich's sowieso glücklicher."

Katja Kipping muss es wissen: Seit sie 2005 in den Bundestag eingezogen ist und als stellvertretende Parteivorsitzende und bekennende Feministin die rote Männerriege aufmischt, pendelt sie gleich zwischen zwei Wohngemeinschaften - einer Vierer-WG in Dresden und einer gemeinsamen Wohnung mit dem Freund in Berlin. Der politische Alltag dazwischen ist dicht gepackt - auch wenn sie derzeit auf das Amt der Parteivorsitzenden trotz aller Gerüchte "nicht scharf" ist: "Meine Ziele kann ich als Stellvertreterin auch gut voranbringen." Gerechtigkeit ist eines davon - vor allem die zwischen den Geschlechtern. Und hier kommt dann doch wieder das Geld ins Spiel. Das bedingungslose Grundeinkommen, glaubt Kipping nämlich, würde endlich auch weniger gut ausgebildeten Frauen finanzielle Unabhängigkeit vom Partner ermöglichen und Altersarmut gerade von Frauen verhindern. Ist das angesichts krisenleerer Staatskassen nicht utopisch? Kipping kennt die Zweifel, sie lässt sich von ihnen nicht schrecken: "In jeder Gesellschaft gibt es Momente, in denen plötzlich Undenkbares möglich wird", sagt sie und nennt als Beispiel den Fall der Mauer. Den hat sie als Schülerin in der DDR hautnah miterlebt. "Wenn sich das nächste Mal so ein Fenster der Möglichkeiten öffnet, möchte ich es nutzen, um meine Ideen voranzubringen."

Text: Kristina Maroldt

Nicole Maisch, 28, ist verbraucherpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag

Nicole Maisch, 28

"Das kriegen wir auch noch hin"

Kompromisse? "Nee, nicht mit mir! Ich will alles, und zwar jetzt." Karriere und Partnerschaft, Kinder und Freunde: Für Nicole Maisch ist das Leben nur als Vollprogramm vorstellbar. "Alles - das ist doch wohl nicht zu viel verlangt, oder?", fragt die 28-Jährige kess. Dafür ist sie zu hohem Einsatz bereit. Als verbraucherpolitische Sprecherin der Grünen sitzt Maisch im Bundestag, sie gehört zum Landesvorstand der hessischen Grünen und ist seit zwei Jahren mit einem gleichaltrigen Parteifreund verheiratet. "Das war eine spontane, romantische Entscheidung." Den Gefühlen folgen? Unbedingt! Aber für die Liebe das Tempo aus der politischen Karriere nehmen? Undenkbar! Lieber pendelt die lebhafte Jungpolitikerin zwischen drei Städten, zwei Büros, zwei WGs und einer gemeinsamen Wohnung. Zeit füreinander bleibt da kaum. Manchmal sonntags. Und im Urlaub.

Kinder wünscht sie sich auch, möglichst bald. Dafür wäre sie sogar bereit zu verzichten. Nicht auf Karriere, aber auf einige Stunden Schlaf pro Nacht und auf Freizeit. Noch sind die Umstände ungünstig. "Ich kann ja nicht abgepumpte Muttermilch per UPS von Berlin nach Korbach schicken. Also müssen Daniel und ich es schaffen, einen gemeinsamen Wohnsitz zu finden." Nicole Maisch lacht fröhlich auf: "Das kriegen wir auch noch hin." Das Vertrauen in die eigene Energie ist ungebrochen, ihr Bild von einem runden Leben sehr klar. Die Grenzen zwischen Politik und Privatem sind dabei fließend: Die überzeugte Vegetarierin leistet sich Bio-Essen, hat kein Auto und fährt begeistert Rad - "das spart Geld, und mein Hintern geht nicht in die Breite". Keine Schwächen? "Shoppen, vor allem Schuhe kaufe ich oft, pro Monat ein Paar."

Die gebürtige Hanauerin, die sich mit acht Jahren wünschte, Tierärztin oder Bundeskanzlerin zu werden, kam zu den Grünen, weil sie gern mehr machen wollte als nur zu wählen. Das Projekt "mehr machen", geht sie seitdem forsch an. Denn: "Macht gibt die Möglichkeit, eigene Ziele durchzusetzen." Einen Vorgeschmack bekam sie nach ihrem Einzug in den Bundestag: "Ich kann jetzt Öffentlichkeit herstellen, weil ich nicht mehr die kleine Nicole von der Grünen Jugend, sondern MdB bin." Und weil sie etwas bewegen will, wünscht sie sich ihre Partei zurück in die Regierung, auch wenn das nicht ohne Abstriche geht. Maisch will nach oben, auf einen Chefinnensessel. Ob in der Politik oder in einem Unternehmen - "als Politikwissenschaftlerin bin ich universell einsetzbar, und die Wirtschaft braucht Frauen wie mich" - ist noch offen, doch an ihren Erfolg glaubt sie fest. Auch an den ihrer Generation. "Viele junge Frauen wollen in Führungspositionen, aber sie machen nicht mehr alles mit." 16-Stunden-Tage zum Beispiel. Die Rollen in den Familien sollen gerechter verteilt werden, da ist sie sich mit ihrer Partei einig: "Wir müssen die Jungs an die Windeln kriegen. Aber die wollen das ja selbst, wie ich aus der BRIGITTE-Studie weiß." Kompromisse jedenfalls sind mit ihr nicht drin: "In zehn Jahren möchte ich Verantwortung haben - und an meinem Business-Anzug sollen Babybrei-Flecken kleben." Und das, findet sie, ist nicht zu viel verlangt.

Text: Claudia Kirsch

Miriam Gruß, 33, ist Generalsekretärin der FDP in Bayern

Miriam Gruß, 33

"Das Tempo der Veränderungen ist enorm"

Miriam Gruß war kaum im Amt, da nahm sie der SPD-Landesvorsitzende besorgt beiseite: "Mensch, Miriam", sagte Florian Pronold, "wie willst du das denn schaffen? Du hast doch ein Kind!" Gruß muss beim Gedanken daran noch heute lachen: "Seit Jahrzehnten kämpfen wir für praktische Gleichstellung - und dann werde ich so was gefragt. Von der SPD! Ist das nicht absurd?" Wer wie die Augsburgerin Mutterschaft und Politkarriere verbinden will, braucht anscheinend Sinn für Humor - und Nerven wie Drahtseile. 2005 wurde die damals 29-Jährige überraschend in den Bundestag gewählt, ihr Sohn Nick war gerade ein Jahr alt. Gruß und ihr Mann fackelten nicht lange: Das Mandat wurde angenommen. Die Betreuung von Nick übernahm der Vater, ein selbständiger Finanzberater. Trotz der klaren Aufgabenverteilung erlebte die Familie "alle Höhen und Tiefen", erinnert sich Gruß: "Für Nick würde ich alles tun. Ich hätte nie gedacht, dass ich für ein Kind so selbstverständlich zurückstecken würde." Und so litt mal die Beziehung, weil die junge Mutter dem genervten Vater von Berlin aus vorschreiben wollte, wann er Nick füttern sollte - "Meine Kontrollitis war furchtbar!" Dann entpuppte sich das Alternativ-Modell "Mutter und Kind pendeln zwischen Bayern und Berlin" als "sehr anstrengend". Als auch noch das Kindermädchen kündigte, sprangen Gruß' Eltern ein. Nick wohnt jetzt an vier Tagen pro Woche bei ihnen: "Ein Riesenglück!"

Nur die wenigsten Familien können auf solche Unterstützung zurückgreifen, das ist Miriam Gruß klar. Seit ihrer Mutterschaft hat sie deshalb nicht nur "volles Verständnis für die Rollenkonflikte in jungen Familien". Sie plädiert auch mit der Verve der Betroffenen für eine flexiblere Kinderbetreuung. Langfristig kostenlos und qualitativ hochwertig soll die sein und auch für schulpflichtige Kinder angeboten werden. Dass die staatliche Finanzierung solcher Einrichtungen infrage gestellt wird, bringt Gruß in Rage: "Fünf Milliarden haben wir in die Abwrackprämie gesteckt und nur vier Milliarden in den Ausbau der Kinderbetreuung! Wann begreifen wir endlich, dass Betreuungs- und Bildungsausgaben notwendige Investitionen sind und kein Luxus?" Um die Unternehmen auf Familienfreundlichkeit zu trimmen, setzt sie auf ökonomische Vernunft: "Die Firmen merken selbst gerade, dass sie Fachkräfte mit Kindern nur durch flexible Arbeitszeiten locken können. Im Mittelstand passiert da schon viel." Lange werde es jedenfalls nicht mehr dauern, bis Fragen wie die von Florian Pronold nach vorgestern klängen: "Das Tempo der Veränderungen ist enorm. Als meine Mutter nach meinem 14. Geburtstag wieder als Sekretärin zu arbeiten anfing, war das bei uns eine Revolution. Ich habe heute ein Bundestagsmandat - und einen Sohn. Das sind doch Quantensprünge!"

Text: Kristina Maroldt

Die repräsentative BRIGITTE-Studie "Frauen auf dem Sprung" zeichnete das Bild einer selbstbewussten und anspruchsvollen Generation junger Frauen (Erhebungszeitraum Herbst 2007). Ob und wie sich die Einstellung dieser jungen Frauen im Krisenjahr verändert hat - das untersucht die neue BRIGITTE-Studie "Frauen auf dem Sprung. Das Update" (Erhebungszeitraum Frühjahr 2009) Hier können Sie beide Studien mit allen Daten downloaden

Fotos: Regani; ArtMechanik; Deutscher Bundestag/Fraktion Bündnis 90/Die Grünen; Jens Passoth; Frank Ossenbrink Ein Artikel aus der BRIGITTE 20/09
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