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Berlin Polizei am Wasserspielplatz: "Entweder Sie ziehen einen BH an oder Sie müssen das Gelände verlassen"

Berlin: Zwei spielende Kinder am Wasserspielplatz
Wasserspielplatz, in Berlin Plansche genannt, im Plänterwald: Eine Frau mit nackter Brust hat hier einen Polizeieinsatz ausgelöst. (Symbolbild)
© LENA GABRILOVICH / Shutterstock
Weil eine Frau an einem Berliner Wasserspielplatz bei 35 Grad ihr T-Shirt auszog, erhielt sie von der Polizei einen Platzverweis. Sie hatte gleiches Recht für alle gefordert – auch in puncto Nacktheit. Die Männer liefen ja auch mit freiem Oberkörper herum. Die Polizei ließ das Argument nicht gelten.

In Berlin gibt es Badestellen, deren Wasser nicht tief ist und die sich für Kinder zum Spielen eignen. Die Berliner nennen sie Plansche und verbringen dort an sonnigen Tagen gern ihre Freizeit. Die Kinder toben im Wasser und kühlen sich ab, die Eltern entspannen sich auf Wiesen und Parkbänken unter Bäumen. Die Saison für dieses Außenvergnügen geht von Mitte Mai bis Mitte September. Die Plansche Plänterwald befindet sich im südlichen Teil des Treptower Parks und verfügt sogar über einen großen Springbrunnen und öffentliche Toiletten. Sie hat dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Im Plänterwald gab es am 20. Juni allerdings Ärger, wie die "Berliner Zeitung" berichtet. Weil eine Frau sich mit freiem Oberkörper in die Sonne gelegt hatte, waren zwei Männer des Sicherheitsdienstes zu ihr gekommen, die dort für die Einhaltung der Corona-Regeln sorgen. Sie baten sie darum, sich zu bekleiden. Erfolglos. Dann kam die Polizei, die ihren Einsatz später gegenüber der "Berliner Zeitung" bestätigte.

"Eine Frage der Gerechtigkeit"

Gabrielle Lebreton, so der Name der gebürtigen Französin, fragte im Gespräch mit der "Berliner Zeitung" am Mittwoch: "Wie kann es sein, dass in einer Stadt wie Berlin eine Frau von der Polizei verjagt wird, weil man ihre Brüste sieht?" Mit Hilfe einer Anwältin will die 37-Jährige vor Gericht erwirken, dass auch Frauen sich dort, wo Männer sich mit freiem Oberkörper aufhalten, obenrum nackt sein dürfen. Sie fordert gleiches Recht für alle, das sei "eine Frage der Gerechtigkeit". Lebreton hat die Initiative "Gleiche Brust für alle" gegründet. Ihrer Meinung nach soll "die Polizei da sein, um Frauenfreiheit zu schützen, nicht um sie verbal zu belästigen, geschweige denn, die Sexualisierung des weiblichen Körpers gegen ihr eigenes Einvernehmen aufrechtzuerhalten", zitiert die "Berliner Zeitung" sie.

Die Architektin und Theaterberaterin war 2012 unter anderem von Paris nach Berlin gezogen, weil sie die "Weltoffenheit der Berliner" schätzt. Bislang habe sie nie Ärger bekommen, wenn sie sich mit nacktem Oberkörper in Parks oder Bädern sonnte. Die Aktivistin für Geschlechtergerechtigkeit hatte nicht einmal bei Protestaktionen Ärger, wenn sie öffentlich ihre Brüste zeigte. 

Am 20. Juni war Lebreton jedoch privat an der Plansche. Es war ein Tag mit 35 Grad Celsius Hitze, sie war mit ihrem sechsjährigen Sohn, einem Freund und dessen vierjähriger Tochter dort. Der Wasserspielplatz war gut besucht, doch sie fanden ein Fleckchen für ihre Picknickdecke unter einem Baum. Alle zogen ihre Badesachen an, Lebreton ihr T-Shirt aus. 

"Als Frau müssen Sie einen BH tragen"

Der Sicherheitsdienst erklärte, warum sie sich bekleiden solle. "Hier ist kein FKK-Bereich", sollen die Männer gesagt haben. Lebreton wiederum entgegnete, sie sei nicht nackt, sondern trage eine Badehose. Doch die Männer ließen nicht locker. "Als Frau müssen Sie einen BH tragen", hätten sie gesagt. "Weil Sie Brüste haben. Das ist störend." Lebreton habe gesagt, niemanden stören zu wollen. "Aber ich verstehe auch nicht, warum ich meine Brüste verstecken soll, während alle anderen Männer sich mit nacktem Oberkörper frei auf der Wiese unterhalten und bewegen können", zitiert sie die "Berliner Zeitung". Das sei nicht das Gleiche, hätten die Sicherheitsleute argumentiert: "Sie sind eine Frau." Lebreton zeigte sich nicht einsichtig. "Ob am Ende die Sicherheitsmänner vorschlugen, die Polizei zu rufen, oder ich es sogar selber war, weiß ich nicht mehr“, sagt Lebreton der "Berliner Zeitung".

30 Minuten später kamen die Sicherheitsleute mit zwei Polizisten zurück. Lebreton erinnert sich, dass einer der Beamten klar machte, dass er sich auf keine Diskussion einlasse: "Entweder Sie tragen einen BH oder Sie müssen gehen", soll er gesagt haben. Der Ton war aggressiver geworden. Am Ende verlässt sie mit dem Freund und den Kindern die Plansche.

Es folgt ein Nachspiel

Das Bezirksamt bestätigt, dass Lebreton von der Polizei einen Platzverweis erhalten habe. "In der Tat ist die Plansche ein Spielplatz und kein Freibad, wo man sich mit freiem Körper sonnen könnte“, sagt eine Sprecherin dem "Berliner Kurier". Doch es habe Besucher gegeben, die die Diskussion mit der Frau verfolgt hatten, ihr auch recht gegeben und sie unterstützt hätten. "Die Gleichstellungsbeauftragte des Bezirks hat nun der Frau ein Gespräch angeboten", sagte die Sprecherin des Bezirksamtes. Das Treffen soll demnächst stattfinden.

Quelle: "Berliner Zeitung"

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf stern.de.

bal/stern

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