Das Prinzip Ursula von der Leyen

Kann sie noch Kanzlerin? Ursula von der Leyen wirkt angeschlagen. Doch die Ministerin ist noch lange nicht am Ziel. Was sie vorhat und was sie stark macht.

Ihr Charme

Selbst politische Gegner können sich ihr kaum entziehen - Ursula von der Leyen, 52, hat eine überwältigend positive Ausstrahlung. Und damit ist nicht nur ihr legendäres Lächeln gemeint (das sie, wie wir seit den zähen Hartz-IV-Verhandlungen wissen, auch mal ablegen kann), sondern ihre gewinnende Art, auf Menschen zuzugehen: Egal, mit wem sie spricht, ob mit Kita-Kindern oder Kabinettskollegen, immer wirkt sie persönlich zugewandt, lebhaft interessiert und dazu meist noch bestens gelaunt. Natürlich sei sie auch mal sauer, sagt sie, aber "im Beruf haben Menschen, mit denen ich umgehe, ein Recht darauf, dass ich mich professionell verhalte". Diese Professionalität beherrscht Ursula von der Leyen so perfekt, dass sie öfter geradezu unheimlich wirkt - manche vermuten deshalb, ihre stete Freundlichkeit sei Fassade.

Ihre Disziplin

Hätte sie den Titel Arbeitsministerin nicht bereits, müsste man ihn ihr verleihen: Ursula von der Leyen schafft ein "fast unmenschliches Arbeitspensum", berichten Mitarbeiter. Tagsüber jagt ein Termin den nächsten, abends ackert sie sich noch durch Akten. 16 Stunden kommen oft zusammen. Wochentags schläft sie meist in ihrem kleinen Zimmer im Ministerium. Früher, als Familienministerin, ließ sie sich zwei-, dreimal in der Woche zu ihrer Familie nach Hannover fahren. Damals brauchte die Mutter von sieben Kindern auch noch weniger fachlichen Input, sie schöpfte aus eigenen Erfahrungen: Vereinbarkeit von Beruf und Familie war ihr Thema - privat und politisch. Für ihr Amt als Arbeitsministerin liefert ihr eigenes Leben nun keine Basis mehr. Sie war nie arbeitslos, wird nie auf einen Mindestlohn angewiesen sein. Deshalb paukt sie, nicht nur Akten: Kaum im neuen Amt vereidigt, lädt sie ein paar Journalisten zu einer Reise in die Niederlande ein. Dort werden Langzeitarbeitslose erfolgreicher vermittelt. Sie will wissen, wie das geht. Ungeachtet der Mikros und Kameras fragt sie mitgereiste deutsche Fachleute: "Und, wie ist das bei uns?" Ihre Fähigkeit, neue Fakten zu inhalieren und in ihr Denken zu integrieren, ist beeindruckend. Gleichzeitig demonstriert Ursula von der Leyen damit deutlich: Ich will lernen, und ich kann lernen.

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Ihre Präsenz

Von der Leyens Allgegenwärtigkeit in den Medien ist beeindruckend - und gewollt. "Bei jedem Thema prüft sie zuallererst: Wie kann ich es verkaufen", sagt ein enger Mitarbeiter. Die besten Arbeitslosenzahlen seit Jahren verkündet sie groß im "Stern", just einen Tag bevor der Chef der Bundesagentur für Arbeit selbst damit punkten kann. Freunde macht man sich anders. Geschickt schießt sie über die Medien auch neue Ideen in die politische Umlaufbahn. So sprach Ursula von der Leyen sich als Familienministerin in der "Süddeutschen Zeitung" für den Ausbau der Krippenplätze aus, bevor ihre Partei oder das Kabinett überhaupt davon wussten. Altgediente Christdemokraten wie Volker Kauder wettern dann zwar, Merkel aber ließ sie oft gewähren. Die Kanzlerin wusste, dass Ursula von der Leyen neue Wähler für die CDU gewinnen kann. Doch in letzter Zeit scheint das gute Verhältnis zwischen der eher spröden Merkel und ihrer omnipräsenten Ministerin etwas getrübt. Während die Kanzlerin zur konservativen Klientel zurückrudert, schwimmt sich die Arbeitsministerin frei: Ihre Forderung nach einer Quote für Frauen in Top-Positionen wiederholt sie hartnäckig, obwohl sich die Kanzlerin unmissverständlich gegen eine gesetzliche Regelung ausgesprochen hat. Damit winkt die Modernisiererin der CDU mal wieder der grünen Partei zu. Dort gibt es nämlich einige eingefleischte Ursula-Fans, die sich mit ihr auch eine andere Farbenkoalition vorstellen können. Und seit das größte Hindernis für eine schwarz-grüne Regierungskoalition - der Atomdeal - kippte, befinden sich CDUler mit grünen Ambitionen wie von der Leyen im Aufwind.

Ihr Stil

Sie trinkt keinen Alkohol, sie raucht nicht, sie joggt und ernährt sich überwiegend von geschnippeltem Obst und Gemüse. Einzige "Sünde": Sie genießt viel und "leidenschaftlich" Kaffee - zu jeder Tageszeit. Klingt langweilig? Die makellose Ministerin ist keine Spaßbremse. Wer erinnert sich nicht an ihren Auftritt 2008 bei "Wetten, dass..?": Ungeniert flirtete die schöne Politikerin mit dem "sexiest man alive" Hugh Jackman. Er durfte sie sogar auf den Arm nehmen - so zeigte sich vor ihr noch keine machtbewusste Ministerin. Ursula von der Leyen hat sich immer wieder gewandelt und ist sich doch treu geblieben - inhaltlich und äußerlich. Mit altmodischer Frisur betrat sie die Berliner Polit-Bühne, jetzt sind die Haare kürzer und perfekt gestylt, aber noch immer bevorzugt die XXL-Ministerin mit XS-Größe dunkle, unauffällige Hosenanzüge. Und zum Bundespresseball erscheint sie tatsächlich in einem 25 Jahre alten Abendkleid.

Ihr Ehrgeiz

Ein Wort, das von der Leyen nicht zu mögen scheint. Aber 2001 übernahm sie ihr erstes politisches Amt - stellvertretende Ortsbürgermeisterin von Ilten (bei Hannover) -, vier Jahren später war sie schon Ministerin in Berlin. Für diese politische Blitzkarriere spielt natürlich ihre familiäre Herkunft eine Rolle, die Tochter des ehemaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht musste nicht lange an verschlossenen Türen rütteln. Doch damit allein ist ihr rasanter Aufstieg nicht erklärt. Ihr Entdecker Christian Wulff (und - Ironie des Schicksals - ihr Widersacher bei der Kür zum Bundespräsidenten) hat mal über Ursula von der Leyen gesagt: "Sie ist sehr ehrgeizig. Und wenn sie etwas erreicht hat, hat sie auch schon wieder das nächste Ziel im Auge." Sie sagt: "Man sollte sein Leben nicht nach Posten ausrichten, sondern nach Themen, für die man glaubhaft streiten kann. Und wenn man etwas leidenschaftlich macht, dann kommen die Posten von selber." Genauso geschah es 2009. Gerade mal vier Wochen musste sie nach der Wahl das Bundesfamilienministerium weiterführen (obwohl sie gern zur Gesundheitsministerin aufgestiegen wäre), dann bekam sie das noch viel mächtigere Arbeitsministerium. Sie sei in die Politik gegangen, um etwas zu verändern, zu gestalten. Das wiederholt von der Leyen oft. Genau deshalb wäre sie vermutlich auch nicht gern Bundespräsidentin geworden - obwohl das immer lanciert wurde. Das sagt sie natürlich nicht direkt (so ein Amt kann man ja nicht ablehnen), aber wer sie kennt, weiß: Sie ist eine Macherin. Reisen, Hände schütteln, stundenlang sitzen und langwierige Vorträge anhören - das liegt ihr gar nicht. Wenn also nicht das höchste, dann das mächtigste Amt im Staat, Kanzlerin? Sie hält sich bedeckt: "Ich finde, es muss in jeder Politikergeneration mehrere geben, die gute Leistungsträger sind. Aber klar ist auch: Von denen kann nur einer Kanzler sein. Und meine Kanzlerin ist Angela Merkel." Eine, die sie gut kennt, sagt indes: "Sie hat das Kanzleramt fest im Blick." - "Da kommt noch was", meinen auch andere, die die Strategin schon länger beobachten.

Ihre Strategie

Alles, was Ursula von der Leyen anpackt, ist genau überlegt. Gerade befindet sie sich beim Nestbau - parteipolitisch gesehen. Ende 2010 ließ sie sich in den CDU-Vorstand wählen, 2009 kandidierte sie erstmals für den Bundestag. Sie, die bisher durch die Medien und die öffentliche Zustimmung getragen wurde, sichert sich nun eine Basis in der eigenen Partei. Sie sagt: "Die CDU hat mir eine Menge ermöglicht, da möchte ich auch etwas zurückgeben." Das klingt überzeugend. Dass sie aber gerade jetzt darauf kommt, ist natürlich kein Zufall: Ursula von der Leyen baut sich mit ihren neuartigen Partei-Aktivitäten zur echten Herausforderin von Merkel auf. Gar nicht nach Plan verlief für Ursula von der Leyen die Hartz-IV-Debatte. Wie sehr sie das irritierte, war ihr anzusehen. Erschöpft wirkte sie nach dem unerwartet harten Zweikampf mit der SPD-Verhandlerin Manuela Schwesig. Dass dann auch noch drei Männer die Regie übernahmen und die Länderchefs Beck, Böhmer und Seehofer eine Einigung herbeiführen konnten, muss für sie ein Debakel gewesen sein. Als erfahrene Reiterin weiß von der Leyen zwar: Wer runterfällt, muss gleich wieder aufsitzen. Doch mit ihrem Steckenpferd, dem Bildungspaket für benachteiligte Kinder, vergaloppierte sich die erfolgsverwöhnte Ministerin sofort erneut. Aber von der Leyen konnte schon oft Rückschläge zur Energiegewinnung nutzen. Mal sehen, ob sie auch diese Schlappe irgendwann zu einem Sieg ummünzen kann.

Ihre Kontrolle

Nichts verlässt ihr Haus, ohne dass Ursula von der Leyen es vorher gesehen hat - diese Ansage kennen ihre Mitarbeiter. Alles ist streng hierarchisch auf die Ministerin ausgerichtet. Deshalb sind ihre Staatssekretäre, anders als in anderen Ministerien, so gut wie unsichtbar. Dabei ist einer von ihnen, Gerd Hoofe, "ihre linke und ihre rechte Hand zugleich", wie ein enger Mitarbeiter es ausdrückt, "er bereitet alle Themen für sie vor." Seit 2003, als von der Leyen niedersächsische Ministerin wurde, steht Hoofe ihr zur Seite. Auch das ist typisch für die Spitzenpolitikerin: Sie hat ihr Gefolge, baut sich treue Mitarbeiter auf und nimmt sie mit. Ihre Nachfolgerin Kristina Schröder musste einen wahren Aderlass hinnehmen, denn gleich mehrere Topleute verließen mit Ursula von der Leyen das Familienministerium. Und noch etwas wissen enge Mitarbeiter zu berichten: Von der Leyen selbst ist immer freundlich, stellt aber gezielt Menschen ein, die bei Bedarf beißen können. So bleibt sie stets die Gute, und andere übernehmen den Part, zurechtzustutzen.

Ihre Hemmungslosigkeit

Politisch geht die Ministerin gern mal über ihre Zuständigkeiten hinaus und übersieht dabei großzügig die Ressortgrenzen. Annette Schavan kann ein Lied davon singen. Beim Bildungspaket für Kinder kam die Bildungsministerin nicht vor. Den hemmenden Föderalismus hebelt Ursula von der Leyen ebenfalls gelegentlich aus: "Kinder lassen sich nicht in Scheiben Bund, Land, Kommune schneiden." Auch ihre Nachfolgerin Kristina Schröder muss ihr Ressort verteidigen, von der Leyen grast immer noch mal gern im Zuständigkeitsbereich des Familienministeriums.

Ihr Mantra

Kinder - das ist ihr politisches Schlüsselwort. So oft wie möglich kommt die Ministerin auf sie zu sprechen, ringt für ihre Chancen, ihre Zukunft. Da mag keiner widersprechen, auch wenn konservative Christdemokraten mit dem moderneren Familienbild Ursula von der Leyens hadern. Die Familie sei ihre Kraftquelle, sagt sie oft. In diesem Jahr kann sie mit ihrem Mann Heiko, der als Mediziner und Unternehmer ebenfalls sehr erfolgreich ist, Silberhochzeit feiern. Doch während sie sich früher gern im Kreis ihrer Lieben zeigte, gibt es, seit sie in Berlin amtiert, keine privaten Bilder, keine Homestorys mehr. "Das war ein schmerzhafter, aber notwendiger Lernprozess", sagt von der Leyen, "ich bin am Anfang viel zu großzügig gewesen, weil es für mich selbstverständlich war, dass die Kinder immer dabei sind. Aber dann habe ich gemerkt, wie zweischneidig das Schwert ist - die Kinder müssen in Ruhe aufwachsen können."

Text: Silke Baumgarten Fotos: Goetz Schleser Ein Artikel aus der BRIGITTE, Heft 13/2011

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