Porträt: Zaha Hadid

Die Irakerin Zaha Hadid stellt mit ihrer eigenwilligen Architektur und Art die Dinge auf den Kopf.

Am Wochenende wird der Öffentlichkeit in Innsbruck ein weiteres Meisterwerk der irakisch-britischen Architektin vorgestellt: Mit der neuen Nordkettenseilbahn können Bergfans künftig bequem vom Stadtzentrum in 20 Minuten auf 2.300 Höhenmeter gondeln - und gleichzeitig den Ausblick auf Hadids fantastische futuristisch-organische Formen genießen.

Wie Zaha Hadid zur berühmtesten Architektin der Welt wurde? Nun, sie ist ...

... rebellisch: Jedes Gebäude von Zaha Hadid ist eine Herausforderung an die Schwerkraft. Da falten sich Böden zu Wänden, Wände gehend fließend in Decken über, Dächer ragen kühn wie Eisbergspitzen in den Himmel, und Türme scheinen sich wie Grashalme im Wind zu wiegen. Mit ihren wilden Entwürfen, die Statikern immer wieder Kopfzerbrechen bereiten, wird die 57-Jährige zu den Vertretern des "Dekonstruktivismus" gezählt. Diese Stilrichtung entstand in den 80er-Jahren als Antwort auf die nüchternen Formen der Postmoderne, eine Zeit, die für Hadid schlicht eine "intellektuelle Katastrophe" war.

Fotoshow: Die Nordkettenseilbahn von Zaha Hadid

... umfassend interessiert: Während viele ihrer berühmten Kollegen vor allem Museen gestalten, tobt sich Zaha Hadid gern auf den unterschiedlichsten Terrains aus. Neben der Seilbahn hat sie in Innsbruck auch eine Skispungschanze entworfen, das badische Weil am Rhein bereicherte sie um ein bizarr aussehendes Feuerwehrhaus, in Schottland steht eine von ihr designte Krebsstation und für die Stadt Straßburg hat sie sogar eine Straßenbahnhaltestelle gestaltet. Nebenbei kreiert sie auch noch Möbel, Inneneinrichtungen, Bühnenbilder und Messepavillons.

... geadelt: Der größte Wurf gelang ihr aber dann doch mit einem Museum: Für die Gestaltung des Kunstmuseums in Cincinnati erhielt sie 2004 den Pritzker-Preis, die höchste Auszeichnung der Architekturbranche. "Sie ist ein Planet in eigener Umlaufbahn", lautete damals der erste Satz in der Laudatio. Zaha Hadid ist bis heute die einzige Frau, die mit dem renommierten Preis geehrt wurde.

... traditionsverbunden: Obwohl Zaha Hadid seit über 40 Jahren in London lebt, ist ihre Arbeit immer noch von ihrer irakischen Herkunft geprägt. "Meine Verbindung zur arabischen Welt äußert sich sehr subtil, in Form von Kalligrafie, Geometrie und Fluidität, dem Konzept des Nomadentums." Auch im Alltag spürt die kräftige Frau ihre Andersartigkeit. "Ich habe nicht die Absicht, beängstigend auszusehen. Trotzdem scheine ich besonders die Briten zu irritieren, insgeheim haben sie Angst vor starken Frauen."

... dickköpfig: In Branchenkreisen gilt Hadid als schwierig, das Wort "Diva" fällt schnell, wenn über sie geredet wird. Tatsächlich lässt sich die studierte Mathematikerin nur selten in ihre Pläne reinreden. Auf die Frage des H.O.M.E.-Magazins, ob sie denn schon mal mit Sachen nach ihren Mitarbeitern schmeiße, antwortete sie: "Nein, nicht mehr. Das war mal. Aber wenn ich etwas nicht mag, dann diskutiere ich nicht. Dann will ich das einfach nicht."

... emanzipiert: Vielleicht hat sich Zaha Hadid ihre Sturheit bei den Nonnen abgeguckt. Denn obwohl sie aus einer wohlhabenden, muslimischen Familie stammt, ging sie als Kind in einem katholischen Kloster in Bagdad zur Schule. Und das empfand sie keinesfalls als rückständig. "Die Nonnen waren auf gute Art eigensinnig", so Hadid. "Ihr Frauenbild war sehr modern: Einflussreich und selbstständig sollten wir werden."

... eine Computer-Feindin: Ihre Gebäude bestehen meist aus grobem Beton, doch am liebsten arbeitet Hadid mit einem sehr viel leichteren Material: dem Papier. Nach wie vor zeichnet sie jeden ihrer Entwürfe selbst von Hand. An die Computer, mit denen die meisten Architekten heute arbeiten, kann sie sich nur schwer gewöhnen. "Dadurch entsteht ein neuer Zugang zur Architektur. Die Studenten können nicht mehr in Zeichnungen denken. Das beunruhigt mich."

... kurz, immer wieder überraschend: Wie sieht wohl das eigene Haus einer Stararchitektin aus? Ein futuristischer Tempel? Ein Gewitter aus Glas und Stahl? Ein dahin gewürfeltes Märchenschloss? Nein. Zu Hause umgibt sich Zaha Hadid lieber mit dem Flair der Vergangenheit: Sie wohnt im Londoner Stadtteil Clerkenwell in einem schlichten Haus aus der Viktorianischen Zeit.

Fotoshow: Die Nordkettenseilbahn von Zaha Hadid

Text: Michèle Rothenberg Fotos: Steve Double (Porträt), 2004/TVB Innsbruck, Roland Halbe (www.rolandhalbe.de)

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